Wenn in Tirol die Berge brennen

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1796 erflehten die Tiroler göttliche Hilfe für den Kampf gegen die Franzosen. Es gab sie - und seither brennen im Juni die Herz-Jesu-Feuer auf den Bergen.

Was hat Tirol nicht alles den Franzosen zu verdanken. Indirekt. Den Heimatstolz beispielsweise. Ohne die Franzosen und deren Einmarsch in Tirol hätte es nie einen Volksaufstand gegeben, ohne den Volksaufstand keinen Andreas Hofer und ohne Volksaufstand und Hofer keinen blutigen Freiheitskampf. Und erst der verleiht einem Volk Selbstbewusstsein und Heimatverbundenheit, deshalb sieht man auch selten Autos mit einem Niederösterreich-Aufkleber, aber oft mit Tirol- oder Kärnten-Schriftzug.

Die Franzosen haben Tirol auch eine sehr nachhaltige Tradition beschert, die man an diesem Wochenende wieder recht eindrucksvoll pflegt. Auf den Bergen des Landes werden Feuer abgebrannt, nicht irgendwelche und nicht einfach nur große Scheiterhaufen, sondern ausgesprochen kunstvoll gestaltete Feuer: Kreuze, gefaltete Hände, Kelche, Herzen oder auch die Monogramme Christi, IHS und INRI. Die Feuerfiguren werden aus mit Sägemehl und Biodiesel gefüllten Blechdosen gestaltet, sie sind oft hunderte Meter groß, damit man sie unten im Tal sehen kann.

Die Tradition hat nichts mit Sonnwendfeuern zu tun, die heuer zwei Wochenenden später überall in Österreich brennen (22. Juni), besonders beeindruckend übrigens in Ehrwald in Tirol, deren Bergfeuer die Unesco sogar zum Weltkulturerbe erklärt hat. In der Zugspitzgemeinde werden aus hunderten kleinen Feuern ebenfalls riesige Figuren – neben vielen christlichen Symbolen brannte auf den Bergen auch schon der Kopf einer Gämse oder eines Adlers.


200 Jahre altes Gelöbnis. Nein, die Feuer, die an diesem Wochenende unter anderem im Tannheimer Tal brennen, im Lechtal, beim Wilden Kaiser, im Osttirol und auch in vielen Gemeinden in Südtirol, gehen auf ein mehr als 200 Jahre altes Gelöbnis zurück. „1796 rückten die Franzosen im ersten Koalitionskrieg vom Süden her gegen Tirol vor“, erzählt Brigitte Mazohl, Professorin am Institut für Geschichtswissenschaften der Universität Innsbruck. Schnell mussten die Landstände ein Heer aufstellen, die Anführer trafen sich zur Besprechung in Bozen.

Dort schlug der Stamser Abt Sebastian Stöckl vor, das Land dem „Heiligsten Herzen Jesu“ anzuvertrauen, um so göttlichen Beistand gegen die Franzosen zu erhalten. Interessanterweise gab es eine Abstimmung über die Idee, „die so zu einem recht formellen Akt wurde“, wie Mazohl erklärt. Etwas seltsam, wenn man bedenkt, mit wem man den Vertrag ausverhandelte und dass die Gegenseite eigentlich wenig Möglichkeit zu Einwänden hatte. Die Anführer jedenfalls befürworteten einstimmig das Ersuchen um göttlichen Beistand und gelobten, von dem Tag an den Herz-Jesu-Tag in Tirol besonders feierlich zu begehen.

Um dem Land den Aufruf zum Sturm zu kommunizieren, wurden auf Berggipfeln Signalfeuer entzündet. Das kombiniert mit dem Wissen, mit Gott gegen die Franzosen zu kämpfen, sorgte für einen gewaltigen Zulauf an Freiwilligen. Und tatsächlich besiegten die Tiroler 1797 überraschend das Heer von Napoleon Bonaparte (am Ende nützte freilich aller überirdische Beistand gegen die irdische Übermacht nichts, 1809 verloren die Tiroler die vierte Schlacht am Bergisel, Andreas Hofer wurde festgenommen und 1810 in Mantua hingerichtet).

Seit 1796 also löst ein ganzes Land den Schwur der Väter ein, der Herz-Jesu-Sonntag (am zweiten Sonntag nach Fronleichnam) ist in Tirol ein hoher Feiertag, an dem Abordnungen der Schützen im ganzen Land an Gottesdiensten und Prozessionen teilnehmen. Und am Abend entzündet man die Feuer – in manchen Gemeinden touristenfreundlicher am Samstagabend, in traditionelleren am Sonntag.

Und das ist für ein Dorf keine kleine Sache. „A Zeitl planst schon“”, sagt Patrick Fiegenschuh, der in Schattwald im Tannheimer Tal seit vielen Jahren beeindruckende Feuer organisiert: Da brannte beispielsweise die Taufe eines Kindes (Kopf mit Händen und Wasser), der heilige Florian oder auch zwei Hände, aus denen eine Taube fliegt (siehe Bild).

Die Figuren plant der 32-Jährige zuvor im Maßstab 1:100. Oben auf dem Hügel werden dann zwei lange Seile gespannt, eines von oben nach unten, das andere im Winkel von 90 Grad – „und dann mach ma des“, sagt Fiegenschuh ohne viel Drama. Das ist freilich schwieriger, als es sich anhört, weil die Darstellungen etwa 65 mal 65 Meter groß sind und es über hügeliges Gelände geht. Aber „sechs, sieben Erwachsene und a Haufen Kinder“ bringen das schon zusammen. Auch wenn es niemand zugibt, inoffiziell geht es bei den Herz-Jesu-Feuern auch um einen Wettbewerb: Wer wird in diesem Jahr das schönere, größere Feuer machen?


Aversion gegen Wien. Das Gelübde selbst hat natürlich nach 217 Jahren nur noch folkloristischen Charakter. Wobei, man sollte nicht unterschätzen, wie nachtragend Tiroler sein können. Die Aversion gegen Wien, meint auch Professorin Mazohl, könnte wohl aus dieser Zeit stammen. Nicht nur 1809 ließ Wien in der Person von Kaiser Franz I. Tirol im Stich, 1813 stachelte Wien die Tiroler erneut zu einem Aufstand auf, nur um dann die Anführer verhaften zu lassen. „Das“, meint Mazohl, „prägt schon.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2013)

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