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Die Fotografen und ihre neue Freiheit

Immer mehr Fotografen raufen sich um einen schrumpfenden Auftragskuchen. Seit der Liberalisierung des Gewerbes ist die Schlacht auch offiziell eröffnet. Die meisten nehmen die wachsende Konkurrenz gelassen. Nur die Fotografen-Innung sieht das etwas anders.

Das Berufsbild des Fotografen unterscheidet sich international betrachtet eigentlich recht wenig. Sie fotografieren für Firmen, auf Konzerten und Taufen, einige arbeiten für Zeitungen oder Magazine. Der Unterschied zwischen Österreich und dem Rest der Welt: Hierzulande arbeiteten viele Fotografen bis vor Kurzem illegal. Erst seit Oktober ist „Berufsfotograf“ ein freies Gewerbe, das jeder ausüben darf. Eigentlich. Denn es wäre nicht Österreich, hätte man sich nicht eine Einschränkung behalten: In den ersten drei Jahren dürfen Fotografen nicht für Privatkunden arbeiten. Hochzeiten und Porträts sind in dieser Zeit weiterhin tabu.

Ein Kompromiss, der angesichts der Ausgangssituation jedoch verkraftbar ist: Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) hatte die Liberalisierung in Gang gebracht, die Innung der Berufsfotografen war aber strikt dagegen. Vordergründig mit dem Argument, die Qualität gehe flöten, wenn „jeder“ fotografieren dürfe. Ein Grund dürfte aber vor allem sein, dass sich die Berufsfotografen die Konkurrenz vom Leib halten wollten. Der Markt würde von Hobbyknipsern geflutet, die den Profis die „Zuckerln“ wegschnappen würden, hieß es damals von der Innung. Die Folge wäre ein Preisverfall.


Relative Katastrophen. Wie sieht es über ein halbes Jahr später auf dem Markt aus? „Angekündigte Katastrophen sind keine passiert“, sagt der Pressefotograf Jürg Christandl, der die Gewerbereform auch öffentlich unterstützt hat. Wobei „Katastrophe“ relativ ist. „Dass sich der Medienmarkt insgesamt als schwierig darstellt, ist unbestritten“, sagt Christandl, der als angestellter Pressefotograf in einer guten Lage ist. Daher würden Pressefotografen schon länger auf Bereiche ausweichen, „wo noch Geld zu verdienen ist“. Wie etwa auf die Werbung, die immer noch gut bezahlt sei. „Und seit der Liberalisierung dürfen sie das auch.“

Pressefotos durfte nämlich auch schon früher „jeder“ machen, weil die Pressefotografie schon länger ein freies Gewerbe ist. Geschützt war lediglich alles andere. Das ging so weit, dass international renommierte Fotografen wie Mark Glassner, den man unter anderem für seine Arbeiten für die Unterwäschekette Palmers kennt (Frauenbeine in transparenten Strümpfen), in Österreich illegal arbeiten mussten. Nur wer eine Fotografenlehre abgeschlossen hatte oder einen vergleichbaren Nachweis erbringen konnte, durfte Aufträge annehmen.

Für zahlreiche engagierte und oft junge Fotografen eine absurde Situation. Einer von ihnen ist Matthias Hombauer, der für Musikzeitschriften und Plattenfirmen Musiker fotografiert. „Früher durfte man praktisch keine Auftragsarbeit machen. Was natürlich nicht möglich ist, wenn man überleben soll.“ Von mehr Konkurrenzdruck habe er bislang nichts gemerkt, wenngleich er am Wettbewerb nichts Schlechtes findet: „Ich glaube eher, dass sich durch Konkurrenz die Qualität erhöht. Wenn ich mich durch meine Qualität nicht abheben kann, bin ich vielleicht eh im falschen Job.“ Ihn habe bei einem Auftrag noch nie jemand nach seiner Ausbildung gefragt.


Preisdruck. „Dass man das Handwerk beherrscht, setzen die Kunden sowieso voraus. Sie erwarten vor allem kreative Ideen“, sagt der Tiroler Fotograf Rudolf Schwerma. Wer das nicht mitbringe, setze sich ohnehin nicht durch. Schwerma fände es daher gut, wenn das Gewerbe komplett freigegeben würde, ohne jede Einschränkung.

Nicht so die Innung. Landesinnungsmeister Michael Weinwurm sieht die Angelegenheit nach wie vor skeptisch. Seit der Freigabe sei die Zahl der Berufsfotografen in Wien um 30 Prozent gestiegen, bundesweit sei es ähnlich. „Das verursacht natürlich einen gewissen Preisdruck“, so Weinwurm, dessen Fotostudio in der Wiener Neubaugasse von Pass- bis Schulfotos alles anbietet. Vor allem in der Hochzeitsfotografie werde „Preisdumping bis zum Gehtnichtmehr“ betrieben. „Weil einfach zu viele am Markt sind.“

Auch Lisi Specht, die sich mit einer Petition für die Gewerbefreigabe eingesetzt hat, spricht von Preisverfall. Der habe aber nichts mit dem Ende des Berufsschutzes zu tun. „Das ist im Grunde schon vorher passiert.“ Unter anderem wegen technischer Veränderungen, „Knebelverträgen“, billiger Bildagenturen. Wehmütig ist sie nicht, sondern ziemlich erleichtert: Sie selbst habe elf Jahre halb illegal gearbeitet. „Heute können jene, die den Beruf ausüben wollen, das ohne Behinderung durch Gesetze machen.“ Leichter werde es für Fotografen nicht. „Aber das wäre es sowieso nicht geworden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2013)