Die Intimität mit der Mattscheibe

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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30 Jahre lang begleitete die Architekturfotografin Margherita Spiluttini mit ihrer Großformatkamera die Ideengeschichte der Architektur und die Werke ihrer Proponenten.

Frau Spiluttini, die meisten Interviews mit Ihnen beginnen örtlich und inhaltlich hier in der Schönlaterngasse in Wien. Machen wir es doch genauso.

Margherita Spiluttini: Ich lebe seit 1983 hier. Damals habe ich mit der Architekturfotografie, auch durch Adolf Krischanitz, begonnen. Eingestiegen bin ich als Laie. Was damals in den Lehrbüchern an eigenartigen Gesetzen über Architekturfotografie formuliert wurde, war immer gegensätzlich zu dem, wie ich selbst die Fotografie verstehe. Die Sonne muss scheinen, Fenster dürfen nicht reflektieren – solche Regeln sind mir immer komisch vorgekommen. Meine Konditionierung als Fotografin war das damalige Forum Stadtpark und die Camera Austria in Graz, mit ihren Symposien, Vorträgen und Workshops. Das war auch zu einer Zeit, als sich die Fotografie insgesamt verändert hat.

Inwiefern hat sich die Fotografie damals denn gewandelt?

Man ist davon abgegangen, nur das Besondere und Spektakuläre abbilden zu wollen, und auch davon, dass Fotografie anekdotisch funktionieren muss. Man begann sich auch um das Banale zu kümmern. Und in der Architekturfotografie mussten die Räume und Wohnungen etwas „darstellen“. Man hat inszeniert. Auch heute vermitteln die Bilder, die man aus den Magazinen kennt, eine Illusion, die entsteht, wenn man die Bilder anschaut. Im Berufsalltag des Fotografen stellt sich immer die Frage: Räume ich vorher auf oder nicht. Will ich positiv, verführerisch inszenieren oder nicht?

Das klingt ja nach Szenografie.

Ja, das ist es auch. Und mit der digitalen Fotografie heute ist die Inszenierung um so leichter. Da müssen die schicken Möbel gar nicht tatsächlich im Raum stehen.

Sie selbst allerdings fotografieren analog mit der Großformatkamera.

Ja, ich fotografiere immer noch so. Aber nicht unbedingt aus Überzeugung, vielleicht eher deshalb, weil ich jedes Mal glaube, es sei das letzte Mal, dass ich fotografieren gehe. Und ich mir deshalb nicht um tausende Euro eine neue Kamera kaufen muss. Doch die analoge Fotografie hat auch einen recht großen masochistischen Anteil.

Die Großformatfotografie mutet wie ein Ritual an, mit dem Aufbau, dem Einrichten, während dessen man den Raum erfasst, und schließlich dem Druck auf den Auslöser.

Es hat etwas Eigenartiges. Auf der Mattscheibe ist das Bild seitenverkehrt und steht auf dem Kopf. Es war ein unheimlicher Lernprozess, um zu sehen, was im Endeffekt auf dem Bild drauf sein wird. Noch dazu ist die Mattscheibe viel dunkler als jedes Display. Doch unter dem schwarzen Tuch ist man in einer derartigen Intimität mit der Mattscheibe, dass jedes Bild mit einer extrem großen Konzentration entsteht. Ich glaube, das hat fast etwas Meditatives. Und ja, auch einen hohen Anteil an Masochismus.

Wie verträgt sich die Architekturfotografie als Dienstleistung für Auftraggeber mit Ihrem künstlerischen Zugang?

Ich sehe keinen unüberwindbaren Widerspruch zwischen Auftragsfotografie und meiner eigenen Fotografie. Weil mein Schauen mehr oder weniger gleich ist. Natürlich ist es bei Aufträgen wichtig, von wem ich den Auftrag bekommen habe. Aber als Dienstleisterin schaue ich deshalb nicht anders. Auch wenn ich Architektur im Auftrag fotografiere und irgendwas Alltägliches dabei sehe, dann nehme ich das mit. Ich finde das spannend. So etwas ist aber nur dann möglich, wenn ich selbst mit den Auftraggebern gut kann. Und sie umgekehrt mit meiner Art und Weise, ihre Architektur zu sehen.

Für Investoren und Immobilienwirtschaft sind Bilder aber auch ein Instrument der Selbstdarstellung, des Imponiergehabes und der Vermarktung.

Aber dann würde ich den Auftrag nicht annehmen. Mich interessiert es nicht, für Investoren zu fotografieren oder für Architekten, deren Architektur ich furchtbar finde. Ich fotografiere Architektur, die ich selbst interessant finde. Investorenarchitektur ist manchmal sehr bedauerlich. Auch solche Projekte, wie jenes am Heumarkt in Wien, das gerade diskutiert wird, beobachte ich deshalb sehr gespannt.

Nach 30 Jahren und mit über 100.000 Fotos im Archiv, wie sehen Sie die Architektur der Gegenwart?

In unzähligen Gesprächen mit Architekten habe ich natürlich viel über Architektur gelernt. Und das Tolle war, zu beobachten, wie sich in den vergangenen 30 Jahren die Architektur gewandelt hat. Keine Ideologie währte ewig. Den unterschiedlichsten Zugängen bin ich begegnet. Von der Moderne über experimentelle und revolutionäre Ansätze à la Coop Himmelb(l)au, dann die Postmoderne. Inzwischen ist die Architektur ja fast „kulinarisch“ geworden, also bunt und vielfältig in den Materialien. Die funktionalistischen und moralisierenden Prinzipien gelten nicht mehr, sondern eher die lustvollen. Die Architektur ist viel bildhafter geworden. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass sich diese Bilder so gut, leicht und häufig erzeugen lassen. Zumal auf dem Computer.

Und das erzeugt natürlich auch eine Bilderflut, die das Internet, die Medien und die Blogs überschwemmt.

Diese ungeheure, permanente Bombardierung mit Bildern hat es früher natürlich nicht gegeben. Da muss ich immer an diese wunderbare Geschichte denken von dem jungen italienischen Architekten Antonio Cardillo. Er hat Bilder von vermeintlichen Neubauten an Medien verschickt. Und diese haben unreflektiert die Renderings gedruckt, die niemals gebaut wurden. Die überidealisierte, inszenierte Fotografie herrscht gerade. Die Renderings werden immer besser, und es gibt kaum noch Fotos, die nicht bearbeitet sind.

Merken Sie an sich selbst die geänderten Sehgewohnheiten?

Als ich in den 1950er-Jahren im Kino war, habe ich danach noch nächtelang von den Bildern geträumt. Es gab einfach so wenig Bilder. Heute bemerke ich, dass ich bei langen Zeitungsartikeln die Geduld verliere. Alles richtet sich auf die schnelle Wahrnehmung, auf den ersten, flüchtigen Blick. Aber das widerspricht trotzdem meiner Art zu fotografieren im jeden Fall. Doch das Foto ist auch dazu da, schnell konsumiert zu werden, im Gegensatz zum Text. Und dann kommt es auf den medialen Weg an, den das Foto nimmt.

Sie haben für berühmte Architekturbüros wie etwa Herzog de Meuron fotografiert. Aber auch für Zaha Hadid in Wien. Eine Architektin, die für das Zeichenhafte steht. Wie tut sich Architekturfotografie mit ikonischer, zeichenhafter Architektur?

Zaha Hadid hat ja lange, bevor sie ihr erstes Haus in Weil am Rhein gebaut hat, fast nur gezeichnet. Und ja, sie ist eine wichtige Proponentin dieser gegenwärtigen zeichenhaften Architektur. Indem man etwas fotografiert, macht man aber selbst ein Zeichen daraus. Das Foto ist ein Zeichen. Denn da holt man etwas hervor, streicht etwas heraus, isoliert etwas von der Umgegung, trennt etwas von anderen sinnlichen Eindrücken. Indem ich etwas fotografiere, mache ich es wichtig.

Architekten lassen Gefühle als Beurteilung von Architektur oft nicht zu. Wie viel Platz bekommt Gefühl in Ihrer Architekturfotografie?

Als Fotografin und Mensch bin ich ja auch stets Benutzerin von Architektur. Und wenn ich durch Häuser gehe, empfinde ich natürlich auch alle möglichen Stimmungen. Man muss sich bewusst machen, dass sich der Mensch fast immer in Architektur befindet – das ist für das Fotografieren überaus interessant. Aber es geht auch darum, mit der Kamera zweidimensional etwas abzubilden, was man sonst über die Haut, die Ohren, die Nase empfindet, also die Temperatur, die Geräusche, die Gerüche. Und den Gefühlen kann man sich ja gar nicht entziehen, sie beeinflussen unbewusst die Bildauswahl.

Der einzige Mensch, der in der Architekturfotografie trotzdem Platz zu haben scheint, ist der hinter der Kamera.

Ich hab den Ruf, die Ansicht zu vertreten, dass Menschen nicht auf Architekturfotos gehören. Obwohl ich dieses unbedingte Credo gar nicht habe. Man muss sich nur fragen: Warum sollen es Bilder von Architektur mit Menschen sein? Hier wird in ganz hoher Konzentration etwas abgebildet, dem wichtige Dinge fehlen, die Dreidimensionalität, die Luft, die Kälte, der Wind, die Geräusche – alles, was zum Architekturempfinden gehört. Ich frage mich, warum man das als Betrachter nicht hineindenken kann. Ich finde gerade dadurch, dass so vieles fehlt, kann man vieles sehr gut hineinfantasieren in die Bilder. Und jeder Mensch macht das anders, dadurch fängt das Bild erst zu leben an. Und die zweite Frage wäre natürlich: Wenn ich Menschen abbilde in den Räumen oder vor den Häusern, wie bilde ich sie ab? Sitzen dann vor dem Einfamilienhaus Kinder herum, was mir sagen könnte: ein glückliches Heim? Oder zeige ich die Eltern, die auf der Couch streiten? Oder prosten sich an der Hotelbar zwei Menschen zu, die mir sagen wollen: „Hier bin ich willkommen“. Wenn man Menschen fotografiert, muss man sich überlegen, was will man mit den Menschen im Foto? Die einzige Entscheidung, die ich treffe, ist, ob ich Büros mit Menschen, die dort arbeiten, fotografiere.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2013)

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