Herdentrieb, Eitelkeit und der Wunsch, jedenfalls ohne Verlust auszusteigen - all das kostet Investoren viel Geld.
Wien. Das Spiel wiederholt sich alle paar Jahre: Wenn die Aktienkurse im Keller sind, fahren die meisten Anleger ihre Aktienquoten zurück und veranlagen ihr Geld konservativ. Beginnen die Kurse zu steigen, misstrauen sie der Erholung. Klettern die Kurse weiter, springen die Anleger langsam auf den Zug auf. Das meiste Geld stecken sie in die Aktienmärkte, wenn sich diese dem Höhepunkt nähern. Beim Platzen der Blase sind sie dann voll investiert.
Das Phänomen ist weithin bekannt. Bleibt die Frage: Warum wiederholt es sich dann immer wieder? Behavioral Finance heißt die Wissenschaft, die irrationale Verhaltensweisen der Marktteilnehmer ausmacht und benennt. Wer die Muster kennt, tut sich leichter, sie zu vermeiden.
Eines davon ist der Herdentrieb: Anleger steigen bevorzugt dann in den Aktienmarkt ein, wenn sie von den Anlageerfolgen ihrer Bekannten hören. Und das passiert meist, wenn Aktien schon teuer sind. „Noch ist diese Übertreibungsphase nicht da. Es könnte höchstens der Beginn einer solchen Phase sein“, meint Robert Karas, Leiter des Asset-Managements bei der Schoellerbank. Ähnlicher Ansicht ist Wolfgang Traindl, Leiter des Private Banking der Erste Bank: Noch seien die alten Höchststände nicht massiv überschritten worden und die Bewertungen auch noch nicht übertrieben hoch.
Die Tücken der Verlustbegrenzung
Automatische Verlustbegrenzungen (Stop-Loss-Orders) schützen, wenn es nach unten geht. Dabei wird automatisch verkauft, wenn die Aktie unter einen bestimmten Wert gefallen ist. Das Problem: Nicht immer erwischt man dann einen guten Verkaufszeitpunkt. Mitunter schlägt eine Aktie nur kurz nach unten aus. Traindl rät daher, den Stopp nur für einen Teil der Aktien zu setzen. Auch könnte man ihn aufteilen, etwa ein Drittel bei minus fünf Prozent ausstoppen, ein Drittel bei minus zehn und ein Drittel bei minus 15 Prozent.
Hat man einen Teil verkauft und steigt die Aktie dann trotzdem weiter, sollte man nicht panikartig nachkaufen: Denn eine stark gestiegene Aktie bedeutet auch ein höheres Klumpenrisiko, da diese Position dann einen größeren Teil des Vermögens ausmacht als beim Zeitpunkt des Kaufs.
Mitunter gehen Anleger von vornherein ein Klumpenrisiko ein. Das kann gewollt sein: „Wer viel gewinnen will, schafft das am ehesten mit dem richtigen Einzeltitel“, sagt Traindl. Viele wollen aber gar kein so großes Risiko auf sich nehmen. Sie verzichten ungewollt auf Streuung, weil sie auf bestimmte Wertpapiere fixiert sind: „Anleger investieren gern in Namen, die sie kennen, und glauben, dass die Anleihen solcher Unternehmen sicherer sind.“ Auch investieren sie bevorzugt auf dem Heimmarkt. Österreicher, die das in den vergangenen Jahren getan haben, sind nicht gut damit gefahren: Während der DAX oder der Dow Jones neue Höchststände erzielt haben, liegt der ATX fast 50 Prozent unter seinem Allzeithoch.
Eine Faustregel, was zu tun sei, wenn eine Aktie fällt, gibt es nicht. Gibt der gesamte Markt nach und handelt es sich bloß um eine Korrektur, sollte man nicht verkaufen. Rutscht der Markt hingegen in einen Bärenmarkt, sollte man eher verkaufen, rät Traindl. Geht es mit der gesamten Branche nach unten, ist ebenfalls ein Verkauf ratsam. Fällt nur die eigene Aktie, geht es aber der Branche gut, sollte man überlegen, das Unternehmen durch ein anderes zu ersetzen.
Fixierung auf bestimmte Preise
Vielen kommt da die eigene Eitelkeit in die Quere. Anleger geben ungern zu, dass sie einen Fehler gemacht haben– und halten an der Aktie fest, in der Hoffnung, dass sie irgendwann wieder steigt und sie doch mit Gewinn aussteigen können. Doch nicht nur der Einstiegspreis ist ein beliebter Anker, auf den sich Anleger fixieren: „Manche Anleger sagen, wenn die Aktie erst auf den Wert gefallen ist, dann kaufe ich sie, denn dann ist sie billig“, schildert Karas. Meist gebe es aber einen Grund dafür, dass eine Aktie stark fällt. Ob der Preis dann günstig ist, müsse man von Fall zu Fall neu beurteilen.
Wer andere von ihren Anlageerfolgen erzählen hört, sitzt häufig einem weiteren Irrtum auf: „Viele glauben, sie könnten immer am Tiefpunkt einsteigen und am Höhepunkt wieder verkaufen“, sagt Karas. „Wenn jemand erzählt, dass ihm das immer gelungen sei, dann lügt er.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2013)