Science-Fiction: Der Überwachungsstaat und seine Feinde

Im „Minority Report“ wird gleich doppelt überwacht: Durch omnipräsente Kameras und durch Hellseherei (Samantha Morton, Tom Cruise).
Im „Minority Report“ wird gleich doppelt überwacht: Durch omnipräsente Kameras und durch Hellseherei (Samantha Morton, Tom Cruise).(c) 20th Century Fox
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Meist lebt es sich durchaus bequem im Überwachungsstaat – aber dann findet sich doch ein Held, der die Freiheit der Bequemlichkeit vorzieht. Zumindest in der Literatur und im Film.

Wände aus Glas. Türen aus Glas. Sogar die Möbel sind aus Glas. Jeder Schritt der Menschen wird überwacht von sogenannten „Beschützern“. Ja, so ist es oft mit Überwachern, sie überwachen uns angeblich nicht, sie passen nur auf uns auf – so war das schon in Jewgenij Samjatins 1920 erschienenem Roman „Wir“. Und nicht selten richten sich die so Beschützten auch sehr bequem im Regime ein: „Das, was bei unseren Vorfahren eine Quelle unzähliger, sinnloser Tragödien war, haben wir zu einer harmonischen, angenehm-nützlichen Funktion gemacht. Darin zeigt sich, wie die große Kraft der Logik alles reinigt, was sie berührt“, schwärmt D-503 über den Staat. Genau: D-503. Die Menschen in Samjatins Roman sind Nummern. Konsonanten stehen für die Männer, Vokale für die Frauen. Sex gilt als Notwendigkeit, ist aber streng reglementiert. Doch D-503 verliebt sich. Und wird damit zum Revoluzzer.

In den meisten Romanen und Filmen rund ums Thema Überwachungsstaat gibt es diesen einen Punkt, ab dem der Held seine Einstellung überdenkt, ab dem er aktiv wird – und oft ist es die Begegnung mit einer Frau: In Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ heißt sie Clarisse, sie wird den Feuerwehrmann Guy Montag in die Welt der Bücher einführen, die er bislang auf Befehl des Staates hin in Brand setzte. In Orwells „1984“ heißt sie Julia und wird bitter büßen. Und der Titelheld der „Truman Show“, die sich auf eine ganz eigene Art und Weise dem Thema nähert, lässt sich von einer Zuschauerin den Weg in die Freiheit weisen.

Die Iris verrät den Verräter

Eine andere, genauso häufige Variante: Der Held gerät selbst in Gefahr – um sich zu retten,  beginnt er nachzuforschen. Will Smith etwa gerät in „Der Staatsfeind Nummer 1“ ins Visier der – auch im aktuellen Skandal unrühmlich auffallenden – NSA, die im Kongress ein Gesetz durchbringen will, das es ihr ermöglicht, die Bevölkerung via Satellit zu überwachen. Auch im „Minority Report“, einem Science-Fiction-Thriller Steven Spielbergs, stellt der Polizist John Anderton das System nicht infrage, bis er persönlich betroffen ist. Im Washington des Jahres 2054 können nämlich drei Autisten in die Zukunft sehen – konkret sagen sie Morde voraus, die verhindert werden, indem man die Täter in spe verhaftet und in einen künstlichen Schlaf versetzt. Doch an der Methode stimmt etwas nicht, das entdeckt Anderton, als er selbst als potenzieller Mörder gejagt wird. Um überhaupt flüchten zu können, muss er sich fremde Augen implantieren lassen.
In Washington-Stadt hängen nämlich an jeder Ecke Kameras, die nichts anderes zu tun haben, als die Iris der Passanten zu scannen. Eine sehr zeitgemäße Überwachungsmethode. Aber 1948, als Orwell seinen Roman schrieb, waren Telewände auch brandneu.

Orwell schrieb „1984“ – so wie Samjatin seinen Roman „Wir“ – unter dem Eindruck der Diktaturen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Wir“ ist ein Roman eines frühen Revolutionärs gegen den Bolschewismus. „1984“ ist ebenfalls gegen den Kommunismus gerichtet, aber auch gegen den Faschismus. Orwell kämpfte im spanischen Bürgerkrieg. In diesen Romanen ist jedenfalls die Kontrolle absolut, die Strafe empfindlich, die Macht auf Schritt und Tritt spürbar. Andere Werke stellen Medien- und Konsumkritik in den Mittelpunkt, die Menschen begeben sich freiwillig unters Joch. In diesem Fall kann die Überwachung versteckter ausfallen. Der Mensch muss nicht eingeschüchtert werden durch deutlich sichtbare Kameras oder Mikrofone, es genügt, regelmäßig zu kontrollieren, ob die Mechanismen der Manipulation auch wirklich greifen.

Aldous Huxleys „Brave New World“ von 1932 lässt sich als frühes Beispiel dafür lesen: Die Droge Soma stellt alle ruhig, in einem verzweifelten Akt des Widerstands wirft John die Droge, die gerade freigebig an die Bevölkerung verteilt wird, aus dem Fenster und ruft zum Widerstand auf. Es bekommt ihm schlecht: Gedankenfreiheit ist den Deltas weniger wichtig als das Leben im kontrollierten Rausch, sie werden aggressiv. In Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ spielen Drogen ebenfalls eine maßgebliche Rolle – aber auch Filme und üble Spiele.
Bücher stehen dagegen für die Freiheit des Denkens, eine Freiheit, die nur den wenigsten abzugehen scheint: Jene wenigen können jederzeit denunziert werden, es existiert ein ausgefeiltes Spitzelsystem.

Egal, welche Strategie der Staat in diesen Romanen oder Filmen verfolgt und welche Ziele er setzt: Er weiß jedenfalls stets besser als seine Bewohner, was ihnen bekommt, der Wille des Einzelnen zählt nicht. In Juli Zehs „Corpus Delicti“ (2007) ist es die Gesundheit, die zum höchsten Gut erklärt wird. Jeder Bürger ist verpflichtet, sich ausgewogen zu ernähren und regelmäßig sportlich zu betätigen, die Erfüllung der staatlichen Auflagen wird strengstens kontrolliert.

Überwachung als Realityshow

Zuletzt die „Truman Show“ mit Jim Carrey in der Hauptrolle: ein Sonderfall. Denn der Überwachungsstaat bzw. die Überwachungsstadt, der unser Titelheld zu entrinnen sucht, ist allein für ihn errichtet worden: Als Waise geboren, wurde er schon als Baby zur Hauptfigur einer Realityshow. Jeder seiner Schritte wird überwacht und gesendet, seine Handlungen werden manipuliert, zum Gaudium des Publikums. Entrinnen gibt es keines. Auch hier hat die Überwachung Vorteile: Es lebt sich bequem im kleinen Ort, Truman hat einen sicheren Job, nette Nachbarn, einen klassen Freund. Soll er das aufgeben?

Truman tut den entscheidenden Schritt und flieht. Und all die Zuschauer, die über zwei Jahrzehnte lang Komplizen der Produktionsfirma waren, die seine unbewusste Gefangenschaft durch die Fernbedienung erst lukrativ gemacht haben, jubeln ihm zu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2013)

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