Festwochen: Blick zurück im Jammer

Schauspielchefin Stefanie Carp klagt über Wien. Wien hätte auch einiges über ihr Programm zu klagen.

Man hätte sie behandelt, also ob sie „Familiensilber geklaut oder die Büros angezündet hätte“, man hätte ihr zu verstehen gegeben, „wie äußerst unerwünscht ich wäre“. Das erzählte Stefanie Carp, scheidende Schauspielchefin der Wiener Festwochen, im „Profil“-Interview – und lobte sich selbst inniglich.

Eigenlob, Wehleidigkeit, nicht konkretisierte Vorwürfe gegen angeblich feindselige Wiener: Was für eine sympathische Art, sich zu verabschieden! Ungefähr so sympathisch wie der Rückblick ihres ebenfalls scheidenden Vorgesetzten, Festwochen-Chef Luc Bondy, eine Woche davor im „Spiegel“: „Ein- oder zweimal“ sei er in Wiener Gasthäusern „extrem schlecht behandelt worden“, klagte er – und erklärte, er fühle überhaupt keinen Abschiedsschmerz.

Immerhin gab Bondy zu, dass die Festwochen „bessere Bedingungen bieten als fast jedes andere Festival in Europa“, dass sie außerordentlich hoch subventioniert seien. Das stimmt. Und genau deshalb darf, ja muss man auch fragen, ob der künstlerische Output der Festwochen in den letzten Jahren diesem finanziellen Input entsprach.

Was ihr an Wien fehlen werde, seien „die vielen beruflichen Reisen“, erklärte Carp auch. Tatsächlich, sie ist viel herumgekommen, hat von ihren teuren Reisen ein Sammelsurium von Theaterproduktionen mitgebracht, von dem auch wohlmeinende Theaterkritiker sagen, dass es oft ziemlich beliebig zusammengekauft wirkte, unter dem Motto: Mehr ist mehr, und wenn man viel bringt, wird schon auch etwas Gutes dabei sein. Der völlig überladene, im Grunde konzeptlose Ausstellungsparcours unter dem Protztitel „Unruhe der Form“ ist nur ein Beispiel für diese Laissez-faire-Haltung, die nicht mit Experimentierfreude zu verwechseln ist.

Im Vorwort zu ihrem letzten Programm schrieb Carp: „Alle Projekte zwischen Erzählung und abstrahierender Verkürzung, zwischen konzentrierter Geschlossenheit und dezentraler Ausgestelltheit könnten zusammen einen Zustand der Beunruhigung und künstlerisch-politischen Selbstbefragung ergeben.“ Es wäre zu leicht, über diese verschwurbelte Kuratorensprache zu spotten. Aber man darf mit einiger Zuversicht hoffen, dass der nächsten Festwochen-Intendanz ein Programm gelingt, das mehr ist als ein Zustand der Selbstbefragung im Konjunktiv...

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2013)

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