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Bankrott: Als sich der Staat Neufundland auflöste

(c) APA (Stefan Spath)

Zwischen 1919 und 1934 war Neufundland so wie die USA und Kanada ein eigener Staat Nordamerikas. Eine Staatspleite änderte das.

Mit seinen rund 500.000 Einwohnern ist Neufundland heute eine Provinz Kanadas. Die Wenigsten wissen aber noch, dass Neufundland zwischen 1919 und 1934 - ebenso wie die USA und Kanada - so etwas wie ein eigener Staat war. Ein Staatsbankrott ließ Neufundland allerdings als eigenen Staat von der Landkarte verschwinden.

1907 erhielt Neufundland - wie auch Australien und Neuseeland - einen "Dominion"-Status. Als Dominion wurden Anfang des 20. Jahrhunderts offiziell die sich selbst verwaltenden Kolonien des British Empire, der größten Imperialmacht der Geschichte, bezeichnet. Neufundland war somit ein "selbständiges Völkerrechtssubjekt". Im Ersten Weltkrieg kämpfte an der Seite der Entente sogar ein eigenes Regiment Neufundlands - dieses wurde allerdings 1916 fast zur Gänze am ersten Tag der Schlacht an der Somme ausgelöscht. Grenzstreitigkeiten mit Kanada wurde 1927 gelöst, wie das "ef-magazin" schreibt.

Schon vor der Krise schwer überschuldet

Mit der 1928 beginnenden Weltwirtschaftskrise begann aber der Niedergang Neufundlands. Infolge der Großen Depression gingen die Preise für Fisch um 48 Prozent, für Zeitungspapier um 35 Prozent zurück, schreibt das Wirtschaftsmagazin "brand eins". Die Einkommen aus den wichtigsten Exporten brachen weg, die Staatseinnahmen sanken massiv, die Arbeitslosigkeit stieg.

Auf Pump zahlte die Regierung den Fischern Sozialhilfe. Ebenso war zuvor der Bau einer Eisenbahnlinie quer durch das Land finanziert worden. Auch die oben erwähnten Truppen, die im Ersten Weltkrieg kämpften, waren "brand eins" zufolge nur mit Hilfe von Darlehen ausgerüstet worden. Mit anderen Worten: Das Land war schon vor Ausbruch der Krise schwer überschuldet.

Ein Ende des Lebens auf Pump

London schickte schließlich 1933 eine Kron-Kommission unter Führung von Lord Amulree nach Neufundland. Zu spät. Denn dieser konnte nur mehr den Staatsbankrott feststellen: Bei einem Bruttoinlandsprodukt von 35 Millionen Dollar betrugen die Staatsschulden 98,5 Millionen Dollar - also rund 280 Prozent des BIP (Im Vergleich dazu: Griechenland war 2011 mit 170 Prozent des BIP, Japan mit 230 Prozent des BIP verschuldet).

"Während der zwölf Jahre zwischen 1920 und 1932 war der Haushalt in keinem Moment ausgeglichen. Während dieser Zeit erreichten die öffentlichen Ausgaben ruinöse und zuvor ungekannte Höhen, was durch die Bereitschaft der Gläubiger, immer weiteren Kredit zu gewähren, gefördert wurde", musste Amulree nach London berichten, wie "brand eins" schreibt.

"Diktatur" über Neufundland verhängt

1934 wurde mit Neufundland erstmals in der Geschichte des britischen Empires einem Dominion die Selbstregierung entzogen. Die Verwaltung wurde der Kron-Kommission übertragen. In ihrem Standardwerk "Dieses Mal ist alles anders: Acht Jahrhunderte Finanzkrise" zitieren die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff den Historiker David Hale:

"Das britische Parlament und das Parlament eines souveränen Hoheitsgebietes einigten sich darauf, dass die Demokratie sich den Schulden unterzuordnen habe. Das älteste Parlament im Britischen Empire - nach Westminister - wurde abgeschafft und über 280.000 englischsprachige Bürger, die 78 Jahre der direkten Demokratie gelebt hatten, wurde eine Diktatur verhängt".

Neufundland wählt Option Kanada

Die weitere Zukunft Neufundlands war lange nicht klar, wie "Der Spiegel" im Juni 1948 berichtete. Die Neufundländer mussten sich schließlich zwischen drei Optionen entscheiden:

  • Eine eigene Regierung bilden und Teil des British Empire bleiben,
  • weiter unter der Kontrolle der von der britischen Regierung eingesetzten Kron-Kommission bleiben,
  • oder zehnte Provinz Kanadas werden.

In einem ersten Wahlgang kam es zu keiner Entscheidung (die relative Mehrheit von 45 Prozent votierte sogar für die Eigenständigkeit), ehe im zweiten Wahlgang 52,3 Prozent der Neufundländer für die Aufgabe der Souveränität stimmten. Kanada übernahm die finanziellen Verpflichtungen und erhielt im Gegenzug das Territorium. Den Briten war die Angliederung an Kanada jedenfalls ganz recht. Denn die älteste Kolonie war schon seit längerem ein Sorgenkind. Zu sehr lag Neufundland den Briten laut "Spiegel" auf dem Geldbeutel.