Kabarettisten: Der Beruf ist nicht lächerlich

Tagsüber im Job, abends auf der Bühne. Andreas Ferner, Regina Hofer und Manfred Satke (v. l.).
Tagsüber im Job, abends auf der Bühne. Andreas Ferner, Regina Hofer und Manfred Satke (v. l.).(c) Christine Pichler

Drei Kabarettisten erzählen, wie ihr Hauptberuf – Lehrer, Psychotherapeutin, Polizist – die jeweiligen Bühnenstücke befruchtet.

omm eine Woche zu uns ins Büro, dann kannst ein neues Stück schreiben!“ Den Satz hören Kabarettisten oft, viele Menschen denken, ihr Arbeitsumfeld wäre bühnentauglich. Doch hinter gutem Kabarett steckt mehr als die satirische Darstellung von Kollegen oder Bürokratieauswüchsen. Die meisten Kabarettisten haben nie ein normales Büroleben erlebt, viele sind seit ihrer Studienzeit auf der Bühne zu Hause. Wenige Ausnahmen im Kleinkunstbereich stehen voll im Berufsleben und bringen Erfahrungen daraus in ihrer Freizeit auf die Bühne. Nina Hartmann lieferte in „Gib dem Model Zucker“ Einblicke ins Modelbusiness, Peter & Tekal zeigen im Medizinkabarett Kommunikationsstörungen von Ärzten und Patienten – und das „Schaufenster“ sprach mit drei weiteren im Berufsleben stehenden Kabarettisten.

Polizeiwuchteln. Manfred Satke ist Österreichs einziger Polizeikabarettist: Nach 25 Dienstjahren wagte er den Schritt vom „Wachzimmer-Gschichtl-Erzähler“ zum Kleinkünstler. Bildender Künstler war er davor ohnehin schon. „Doch das Leben als Maler ist frustrierend, man ist quasi ein qualifizierter Raumdekorateur“, sagt Satke. Nun tourt er mit „Wahre Wuchteln aus dem Polizeialltag“ durch Österreich und spricht in breitem Wienerisch über den Polizeialltag der 1970er- und 1980er-Jahre. „Man lernt einiges aus dem Gauner-Strizzi-Milieu und deren Ehrenkodex, aber vor allem kleine Hoppalas bringen die Leute zum Lachen: Was machst, wenn’st in Döbling den ganzen Tag eine Botschaft bewachen musst und dringend urinieren willst?“

Obwohl Satke in frühzeitigem Ruhestand ist, musste er eine Bewilligung der Polizeibehörde einholen, bevor er das Programm öffentlich machte: „Das Amtsgeheimnis muss ich freilich wahren.“

Regina Hofer kennt hingegen den Berufsalltag von Psychotherapeuten und Psychiatern seit den 1980ern. Heute führt sie eine Praxis in Wien Alsergrund und betreut Menschen in Obdachlosenschlafstellen psychotherapeutisch. Seit 1993 ist sie auch Kabarettistin, nun lockt sie mit „1000 & One Night Stand“ das Publikum zu ihrem sechsten Soloprogramm, in dem es um Sex geht. „Mich hat immer schon interessiert, was Leute heimlich im Schlafzimmer besprechen. Als Kind in den Sechzigerjahren bin ich von Nachbar zu Nachbar gegangen und habe mich ins Wohnzimmer gesetzt. Heute ist es mein Beruf, dass mir Menschen ihre Geheimnisse anvertrauen“, schmunzelt Hofer. Sie würde jedoch nie Geschichten einzelner Klienten direkt in ihr Kabarett einfließen lassen. Das verstößt gegen den hippokratischen Eid und die Schweigepflicht.

Streng geheim. „Was man mir in der Praxis erzählt, ist ‚top secret‘. Doch ich sehe, welche Zwiespälte und Probleme viele plagen: Diese Themen bringe ich auf die Bühne.“ Im aktuellen Programm erklärt Hofer z. B. jungen Frauen, dass sie sich trauen müssen, ihrem Partner zu sagen, was sie sexuell anregt und was nicht: „In den 1970ern haben wir offener über vaginale und klitorale Orgasmen gesprochen als heute in der übersexualisierten Medienwelt.“

Andreas Ferner versucht derweil gegen Klischees aus den Medien anzukämpfen. Der zweifache WU-Absolvent (BWL, Wirtschaftspädagogik) ist seit 14 Jahren Lehrer in Wien, derzeit an einer HAK: „Wie Medien und Bevölkerung auf Lehrer losgehen, hat mich immer mehr geärgert. Nach 15 Jahren Schauspiel- und Kabaretterfahrung bringe ich endlich das Thema Schule auf die Bühne.“ Im Stück „Schule, Oida“ amüsiert sich der „Lehrer des Jahres 2012“ kritisch und satirisch über Schüler, Eltern und Lehrer.
„Manche Kollegen glauben sich zu erkennen: Einige sind geschmeichelt, andere haben Angst, dass ich sie fürs Kabarett verwende“, sagt Ferner. „Den Leuten, die auf Lehrer neidig sind, erkläre ich, was man als Lehrer wirklich durchmacht. Das mindert den Neid. Wenn man mein Programm zu ernst nimmt, wirkt es fast abschreckend für Lehramtskandidaten“, schmunzelt Ferner. In Wahrheit liebt er den Beruf, der heute immer komplizierter wird: „Wer hört 50 Minuten einem Lehrer zu, wenn man im Internet in der Zeit 25 YouTube-Clips anschauen kann?“

Eine Parallele zwischen Hofers und Ferners Kabarett ist das Thema Mobbing: Die Psychotherapeutin hört tagtäglich, welche Auswirkungen dies im Berufsalltag der Menschen hat, der Lehrer erlebt es am eigenen Leib: „In der Medienwelt verstehe ich Mobbing noch halbwegs. Da kämpfen viele um die wenigen Sendeplätze. Doch als Lehrer bringt Mobbing gar nichts – schon gar keine Karrierechancen!“

Erst später witzig. Jedenfalls wurde nicht alles, was auf der Bühne lustig ist, im Beruf als witzig erlebt. „Wenn ich im Job enorm viel Wut habe, weiß ich, das wird eine gute Nummer“, sagt Hofer. Schon in der Zeit als Turnusärztin verarbeitete sie den Frust auf das System und auf gewisse Oberärzte auf der Bühne. „Überhaupt habe ich früh erkannt, dass ich Leute gut nachmachen und lustig Geschichten erzählen kann“, so Hofer. „Über mich hieß es in der Polizei auch: Da kommt der, der so gute Gschichtln erzählt“, sagt Satke. „80 Prozent der Nummern waren schon damals als Polizist zum Lachen.“
Ferner bemerkt oft erst beim Weitererzählen, wie witzig Situationen sind. „Wenn eine Schülerin zu spät in die Klasse kommt und sagt: ,Ich war Spind‘, ist das gleich lustig. Wenn zum Elternabend zum Thema Pünktlichkeit die Hälfte der Eltern zu spät kommen, finde ich es in dem Moment gar nicht witzig.“

Ferner erkannte schon als Kind sein komödiantisches Talent: „Ich habe meine Mutter imitiert, wie sie fernsieht und zugleich bügelt. Ihre Freundin fand es zum Umfallen komisch. Meine Mutter weniger. Heute stehe ich in der Klasse täglich vor dem kritischsten Publikum der Welt. Lehrer bringt auf der Bühne nichts mehr aus der Ruhe.“
Dass sich Hauptberuf und Kleinkunst gegenseitig befruchten, bestätigt auch Hofer. „Egal, wie demütigend der Arbeitsalltag manchmal ist: Aus einem Abend, an dem man 250 Leute zum Lachen bringt, schöpft man so viel Kraft, dass ich früher sieben Nachtdienste und sieben Kabarettauftritte pro Monat geschafft habe.“