Der Trend zur Schwarte: Dicke E-Books verkaufen sich besser

Da heißt es, wir nehmen nur noch digitale Häppchen zu uns, und dann das: Am besten verkaufen sich über 400 Seiten dicke E-Books.

SubTextKann man da überhaupt noch von „dick“ sprechen? Auf dem Tablet oder dem E-Reader sind sie doch alle gleich: Dünn wie ein Reclam-Hefterl liegen die Bücher in der Hand, egal, ob sie nicht einmal 200 Seiten umfassen (wie „The Great Gatsby“), beachtliche 400 Seiten (wie die wunderbare Simplicissimus-Geschichte „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“ von Jonas Jonasson) oder über 600 (wie der neue Roman von Dan Brown).

Was sie noch gemeinsam haben: Alle drei finden sich im Moment auf der Amazon-E-Book-Bestsellerliste – wobei, wenn es nach einer neuen Studie geht, der Erfolg von Dan Browns Werk am vorhersagbarsten war. Nicht nur, weil Dan Brown mit „Das Sakrileg“ schon einen Bestseller geschrieben hat, während Jonas Jonasson ein unbeschriebenes Blatt war, um in der analogen Diktion zu bleiben. Nein: Je dicker ein Buch, desto besser verkauft es sich.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Smashwords, einer US-Plattform, die Bücher von Kleinverlagen vertreibt. Sie hat 120.000 E-Books analysiert und festgestellt, dass die hundert meistverkauften Bücher alle über 115.000 Wörter lang waren. In analoger Zählung sind das rund 400 Seiten, also doch deutlich mehr, als man vermuten würde in Zeiten, da sich die Klagen über die schrumpfende Konzentrationsspanne mehren und jede Woche ein neuer Sachbuchautor vor der gefährlichen Häppchenkultur warnt.

Jetzt belegt diese Statistik also das Gegenteil: Dicker ist besser, Bücher unter hundert Seiten werden vom Käufer sogar weitgehend ignoriert. Umgekehrt ist es bei der Länge der Titel: „Inferno“ verkauft sich besser als das umständliche „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“. Billige Bücher werden ebenfalls bevorzugt, aber hier wird es etwas komplizierter, zu billig darf es nämlich auch nicht sein: Von Werken, die unter zwei Dollar kosten, scheint sich der Leser wenig zu erwarten.

Wie erklärt sich nun aber der Trend zur digitalen Schwarte der Generation Twitter (140 Zeichen!) und Facebook? Es gibt im Wesentlichen zwei Erklärungen, und sie zielen in verschiedene Richtungen: Die erste besagt, dass die Besitzer von E-Readern die Avantgarde sind, lauter eingefleischte Büchernarren, die nicht ohne ihre Bibliothek außer Haus gehen wollen oder wenigstens immer zwei, drei Romane mit sich herumtragen.

Die andere: E-Book-Leser lieben Trash, und Trash ist meistens länger. Um diese These zu festigen, muss man nur auf Amazon stöbern: 657 Seiten hat „Befreite Lust“, der dritte Band von „50 Shades of Grey“. Stephenie Meyers „Seelen“ ist gar über 900 Seiten stark! Um über entfesselte Jungfrauen und liebeshungrige Aliens zu schreiben, braucht man offenbar über 400 Seiten.


E-Mails: bettina.steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2013)

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