OECD: Der Migrant ist ein Nettozahler

OECD Migrant Nettozahler
OECD Migrant Nettozahler(c) Clemens Fabry

Die Zuwanderung steigt in Österreich stärker als in den meisten anderen Industriestaaten. Für den Fiskus bringt das mehr, als es kostet. Wo aber bleiben die Südeuropäer?

Berlin. Manche mag es freuen, anderen Sorgen bereiten: Die dauerhafte Zuwanderung ist in Österreich im Jahr 2011 mit 27 Prozent stärker gestiegen als in den meisten anderen Industrieländern. Das geht aus dem Migrationsbericht hervor, den die OECD am Donnerstag in Berlin präsentiert hat. Für 2012 liegen vorläufige Zahlen bis September vor, die den Trend bestätigen. Abgesehen von Irland (wo nach dem Abflauen der Krise viele zurückkommen) hat nur Deutschland einen stärkeren Zuwachs. Der Grund ist die vergleichsweise gute Wirtschaftslage und das Ende der Restriktionen bei der Personenfreizügigkeit für die neuen EU-Mitgliedstaaten.

Erstmals seit Jahren ist auch die Pro-Kopf-Einwanderung hierzulande wieder höher als im OECD-Schnitt. Was den „Bestand“ an im Ausland Geborenen betrifft, liegt Österreich mit 14 Prozent der Bevölkerung schon lange über dem Mittel (anders als Deutschland oder die USA). Die größte Zuwanderergruppe waren und sind die Deutschen. Dahinter aber tut sich viel im Ranking: Während früher vor allem Ex-Jugoslawen und Türken Österreich als Ziel wählten, sind es nun vor allem Rumänen und (krisenbedingt) Ungarn.

Zum Wohl oder zum Schaden der Volkswirtschaft? Arbeitskräfte ins Land zu holen, ist ein mögliches Mittel, um die demografische Lücke zu schließen: Schon 2020 werden um 40 Prozent mehr Österreicher in Pension gehen, als zu arbeiten beginnen. Anders als in den meisten OECD-Ländern haben sich die Beschäftigungsquoten für Migranten in Österreich und Deutschland seit der Vorkrisenzeit verbessert und liegen nur noch knapp hinter jenen in den USA.

Allerdings ist die Arbeitslosenrate unter Zugezogenen weiter deutlich höher als bei den im Land Geborenen. Das ist ein Indiz dafür, dass nicht unbedingt jene kommen, deren Arbeitskraft am stärksten nachgefragt ist – anders als in Amerika, Kanada und Australien.

Welche Auswirkungen hat die Zuwanderung für den Staatshaushalt? Dieser Frage ist die OECD erstmals im Detail nachgegangen. Das Fazit: Global betrachtet ist der fiskalische Effekt der Zuwanderung gering. In Österreich ist er leicht positiv. Es gibt also keine Anzeichen für eine „Einwanderung in die Sozialsysteme“ in großem Stil.

Jeder Migrant, der ins Land kommt, zahlt im Schnitt mehr an Steuern und Sozialabgaben, als er an individuellen Leistungen für Ausbildung, Gesundheit und soziale Sicherheit (inklusive künftig Pensionen) in Anspruch nimmt. Er bietet also – betriebswirtschaftlich gesprochen – einen positiven „Deckungsbeitrag“ zur Abdeckung der nicht direkt zurechenbaren „Fixkosten“ wie Zinsendienst, Verteidigung, Polizei oder Verkehrsinfrastruktur.

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Deutsch, die unterschätzte Hürde

Kaum profitieren kann Österreich von dem Trend, dass gut ausgebildete Südeuropäer aus den Krisenstaaten in den Norden strömen. 32 Prozent von ihnen zieht es nach Großbritannien, wo die Sprachbarriere am geringsten ist. 28 Prozent gehen nach Deutschland, zwölf Prozent in die Schweiz. Und Österreich? Ist statistisch nicht relevant. Allerdings kommen auch nach Deutschland immer noch weit weniger Spanier oder Italiener als Polen oder Rumänen. Die Dynamik müsste noch einige Jahre andauern, damit man von einer „Völkerwanderung“ von Süd nach Nord sprechen kann. Sie ist auch deshalb wenig wahrscheinlich, weil es die Südeuropäer meist nicht lange in Deutschland hält: Bei den Griechen und Portugiesen bleibt nur jeder Zweite länger als ein Jahr, bei den Spaniern gar nur jeder Dritte. „Sie finden nicht, was sie erwarten, weil ihnen ohne Deutschkenntnisse nur Gelegenheitsjobs bleiben“, erklärt OECD-Experte Thomas Liebig.

Überhaupt sei lange übersehen worden, wie sehr Deutsch ein Handicap für gezielte Zuwanderung ist. Als „Mutter aller Mangelberufe“ gelte mittlerweile der Sprachlehrer. Wenn es darum geht, für Hochqualifizierte attraktiv zu sein, haben Deutschland und Österreich also einen echten Startnachteil gegenüber englischsprachigen Ländern. Gute Wirtschaftsdaten allein gleichen ihn nicht aus.

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OECD Migrant Nettozahler(C) DiePresse