"Terrorkampagne": Als Österreicher Stalin-Opfer wurden

(c) Screenshot: DÖW
  • Drucken

Tausende Österreicher zog es in den 1930er-Jahren voller Hoffnung in die Sowjetunion. Doch sie stießen auf Vorwürfe, Haft und Tod. Das Buch "Ein Paragraf wird sich finden" erzählt ihr - bisher unbekanntes - Schicksal.

Sie galt in Berlin als hervorragende Redakteurin, zog nach Südrussland, studierte Gartenbau, heiratete und wurde festgenommen. Der Vorwurf: Sie habe Dienstgeheimnisse an die Amerikaner verkauft. Sie bestritt, wurde 26 Mal verhört und zu sechs Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Gefängnis gebar sie Zwillinge, weshalb sie von einer Deportation ins Gulag verschont bliebt. Zuletzt erhielt sie sogar ihre Freiheit zurück - als eine von wenigen.

Das Schicksal von Erna Breth-Mildner ist kein Einzelfall. Tausende Österreicher kamen in den 1930er-Jahren in die Sowjetunion: ehemalige Kriegsgefangene, Arbeitsmigranten, Kommunisten. Sie fanden Arbeit, studierten, gründeten Familien oder hatten schlicht "keine Perspektive, in ihrer Heimat etwas Besseres zu finden", sagt Josef Vogl Co-Autor des am Mittwoch erschienenen Buches "...Ein Paragraf wird sich finden". Dann aber wandte sich das Blatt: "Die Männer an der Spitze der Sowjetunion hielten 1937 einen großen Krieg für unausweichlich und trachteten danach, alle 'Verbündeten' anderer Länder, in einer nie dagewesenen Terrorkampagne, prophylaktisch aus dem Verkehr zu ziehen", erläutert der Historiker und Autor Barry McLoughlin.

Doch welchen Grund konnte man für die Massenverhaftungen anführen? Wie der Titel des Gedenkbuches suggeriert, fand sich ein "passender Paragraf", nämlich § 58 (6) des sowjetischen Strafgesetzes - Spionage. Oft wurde auch § 58 (10) hinzugefügt - antisowjetische Agitation. "Dafür genügte es, einen Stalin-Witz zu erzählen", so Vogl. Eine Welle an Verhaftungen, Folter und Erschießungen rollte an.

Opfer der stalinistischen Repressionen

"Wer die Geschichte des 20. Jahrhunderts begreifen will, muss sich mit dem Gewaltsystem des Stalinismus auseinandersetzen", sagt McLoughlin. Gemeinsam mit Vogl und in Kooperation mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) ließ er seinen Worten Taten folgen. "Unbekannte Schicksale konnten geklärt und verschollen geglaubtes Archivmaterial geborgen werden", so das Fazit bei der Buchpräsentation in Anwesenheit von Angehörigen der Opfer.

Buchcover: ''...Ein Paragraf wird sich finden''
Buchcover: ''...Ein Paragraf wird sich finden''(c) Screenshot: DÖW

Das Ergebnis der 20-jährigen Recherchearbeiten sind 622 Seiten, auf denen die Politik und die Wirtschaft der Stalin-Ära (1927-53) geschildert, Einzel- und Gruppenschicksale erläutert und persönliche Erinnerungen der Hinterbliebenen angeführt werden. Den Schwerpunkt bilden die Biografien von 769 Opfern der Verhaftungen. Ihnen allen gemein ist ein Bezug zu Österreich - sei es ihr Geburtsort, ein Studium in Wien oder die Mitgliedschaft in der KPÖ. Ihnen allen gemein ist auch, dass "in keinem Fall der Vorwurf der Spionage bewiesen werden konnte". Unter ihnen finden sich auch prominente Namen wie Valentina Adler (Tochter des Individualpsychologen), Peter Demant (Schriftsteller) oder Franz Schillinger (Schöpfer der sowjetischen Nationalparks).

"Sie alle erlitten Schicksale, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen", räumt McLoughlin ein. Mehr als ein Drittel von ihnen wurde zum Tode verurteilt und erschossen, mehr als 80 weitere Österreicher kamen in der Haft ums Leben. Nur an die 100 Verhafteten wurden nach meist jahrelanger Untersuchungshaft freigelassen - und zumeist ausgewiesen.

Verleumdet, verhaftet, verhört, verzweifelt

"Nie wieder dürfen wir in politische Verhältnisse zurückfallen, wie sie in den totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts herrschten", hält Bundespräsident Heinz Fischer in Vorwort des Buches fest. Österreicher wären mit der Hoffnung auf Arbeit, Freiheit und die Verwirklichung ihrer Ideale in die Sowjetunion gegangen. Widerfahren sei ihnen dort aber "Verleumdung und Verhaftung, Verhöre und Verzweiflung".

Daher fordere der Blick in die Geschichte "eindringlich dazu auf, an Demokratie und Menschlichkeit, an der Achtung der Menschenrechte und der gewaltfreien Konfliktlösung festzuhalten".

Autoren & Buchinformationen

Der gebürtige Ire Barry McLoughlin vom Institut für Geschichte der Universität Wien promovierte 1990 an der Universität Wien. Im Jahr 2001 habilitierte er sich mit Publikationen zur Kommunistischen Internationale und des Stalinismus. Co-Autor Josef Vogl ist am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) tätig. Er studierte Slawistik und Politikwissenschaft an der Universität Wien, wo er 1982 promovierte.

Das Buch "...Ein Paragraf wird sich finden. Gedenkbuch der österreichischen Stalin-Opfer" umfasst 622 Seiten und kostet 24,50 Euro.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:

Mehr erfahren


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.