Es war einmal ein Ponystall

Mitten im sechsten Wiener Gemeindebezirk wurde aus einem kleinen Pferdestall eine Factory mit Fotostudio und Eventlocation.

Michaela Fidanzia geht öfter in den Baumarkt, weil sie im f6, ihrer Open Factory, gern „herumschraubt“. Auch einige der Sitzmöbel hat sie gebaut, auf denen Gäste, Kunden, Models, Fotografen, Stylisten, Pressemenschen Platz nehmen und das Licht dieses Daylight-Fotostudios auf sich wirken lassen. Und als Fidanzia wieder einmal an der Kassa steht und ihre Adresse für die Kundenkarte ausfüllt, stutzt die Mitarbeiterin des Baumarkts: Esterhazygasse 3, 1060 Wien. „Da hab ich 13 Jahre lang die Ponys betreut. Ich war damals Kutscherin“, erzählt Karin Gruber und mailt ihr Fotos vom früheren Stall, in dem die Ponys, Maskottchen einer Textilkette, wohnten.

Fidanzia hat sich schon lange gefragt, was sich in der heutigen Factory, im kleinen Backstage-Bereich anbei und im Loft im ersten Stock einst befunden hatte. „Oben war das Heu gelagert.“ Als sie vor zweieinhalb Jahren mit den Umbauarbeiten im glasüberdachten Hof und im Loft begannen, waren sogar noch ein paar Ballen da, erzählt auch Raumausstatter Jochen Oberrauter, der das f6 gestaltet hat und sich mit Fidanzia die Büroräume straßenseitig teilt. In sattem Grau wurde ein Zementboden durchgezogen. Fidanzia stellte ein Möbel aus Eternit auf, ergänzte mit zwei Barcelona Chairs, Schminktisch, Polstermöbeln auf Europaletten und Rollen, sonst ist das Ambiente pur wie eine Leinwand, frei für Projektionen der Besucher. Auf dem altem gusseisernen Tram und einem Pfeiler liegt ein verkehrtes Satteldach aus Glas auf, durch das indirektes und damit ideales Licht für Fotoproduktionen, Präsentationen oder Events fällt.

Industriestil und Zauberwald

An die Ponys erinnern an der Wand noch vier gusseiserne Ringe – zum Festmachen der Leinen. Wie vieles hier, kommt auch dieses Detail manchmal ins Bild, ganz bewusst. „Momentan ist Industrial Style gefragt“, erklärt Fidanzia und zeigt Fotostrecken in österreichischen und internationalen Magazinen, auf denen man den Ort erkennt, dort ein Anschnitt vom Dach, da die industrielle Bodenkante, die schwarzen Mies-van-der-Rohe-Stühle. Oft wird das f6 aber komplett umgestaltet – mit Kulissen, Requisiten und Farben. Fidanzia macht sich für die Kunden dann auf die Suche nach passenden Möbeln und Accessoires, um Geschichten zu erzählen und bestimmte Moods zu erzeugen. Letztens etwa war Anna Netrebko im Zug eines Shootings für die Metropolitan Opera New York da: „Wir haben drinnen einen Zauberwald aufgebaut und draußen im Hof Tannen geschnitten“, erzählt sie. Ins 100 m2 große Loft im oberen Geschoß – einem Raum mit einem Dielenboden und einer kupferfarbenen Wand, hat sich die Künstlerin zwischendurch zurückgezogen. Bei größeren Produktionen braucht es Platz zum Pausieren.

Schon vom Grundriss her zeigt sich das f6 als Verwandlungskünstler. Es gibt zwei Eingänge, eine Einfahrt zu einem kleinen Hof mit eigenen Parkplätzen, was praktisch ist, wenn Waren, Kulissen, Requisiten, manchmal sogar Autos, gebracht und wieder weggeliefert werden müssen. Im Sommer wird das Studio schon einmal nach draußen verlängert: „Dann ist das Tor offen und es wird auch draußen geschminkt.“

So eine Location ist in Wien nicht leicht zu finden. Fidanzia war gezielt auf der Suche nach einem Objekt in Reichweite des Naschmarkts und mit einem ähnlichen Spirit wie in ihrer früheren Heimat: „Die Gegend hier ist ein wenig wie Soho.“ Sechs Jahre verbrachte die studierte Fotografin und engagierte Kommunikatorin in New York und hat das Lokale geschätzt „Ich hab mich da oft nur in zwei Kilometern Umkreis bewegt, zwischen 14th Street und Canal Street.“ Das kreative Umfeld, die Stadt und ihre Architektur sind ein großes Thema ihrer Arbeit, denn Fidanzia organisiert auch Produktionen für Immobilienentwickler. Immer wieder einmal ist sie mit Architekturfotograf Gregor Titze unterwegs, um Häuser, Hotels, Palais und Räume in Szene zu setzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2013)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:

Mehr erfahren

Wohnen

Aus den Sechzigerjahren: Da wohnt niemand mehr

Ein Einfamilienbau aus den Sechzigerjahren hat's heute nicht leicht. Einsam ist er auf dem weiten Land, eine Chance hat es im Speckgürtel.
Wohnen

Hausgeschichten: Herrengasse 6-8

Raffiniert entzieht sich das erste Wiener Hochhaus den Blicken. Seine architektonische Strenge und seine Hausgemeinschaft ziehen Mieter in die Herrengasse.
Serie Häusergeschichten

Hochhaus Herrengasse

Wohnen

Außen Zinshaus, innen Palais

Das Palais Herzmansky, das einstige Domizil der Kaufmannsfamilie, wandelt sich. Doch der große, alte Tresor bleibt.

Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.