Architektur erleben: Sommerfrische der etwas anderen Art

Wenn es nicht klassisch Sonne, Sand und Meer sein müssen, lässt es sich im Urlaub spannend wohnen.

Bauhaus-Klassiker, aufregende Neubauten, ungewöhnliche Revitalisierungen ganz alter Schätze – die Liste spannender Immobilien ist lang; die Möglichkeiten, sie zu bewohnen oder zu besitzen sind auch bei einem üppigeren Budget begrenzt. Wer während der Urlaubstage allerdings nicht darauf besteht, ausschließlich Sonne, Sand und Meer zu huldigen, findet auf entsprechenden Plattformen immer mehr Gelegenheiten, für ein paar Tage in außergewöhnliche Objekte einzuziehen und Architektur im Wortsinn zu erleben. Drei Beispiele für Ungewöhnliches.

Klassik in Sachsen

Zugegeben, Löbau in Sachsen ist nicht unbedingt der allererste Ort, der einem in den Sinn kommt, wenn es um erstrebenswerte Ferienziele geht. Allerdings hat die Kreisstadt in der Oberlausitz eine Unterkunft zu bieten, die Architektur-Aficionados möglicherweise über die Abwesenheit herkömmlichen Urlaubsflairs hinwegsehen lässt: das Haus Schminke.

Die Villa wurde 1930 von Hans Scharoun für den Löbauer Nudelfabrikanten Fritz Schminke entworfen, und wird heute in internationalen Architekturlexika in einem Atemzug mit Mies van der Rohes „Haus Tugendhat“ in Brünn, Frank Lloyd Wrights „Haus Kaufmann“ („Falling Water“) im amerikanischen Pennsylvania und Le Corbusiers „Villa Savoye“ bei Paris genannt. Im Stil der organischen Architektur, einer Strömung der klassischen Moderne, gebaut, ist das Haus sowohl extravagant als auch funktionell, soll mit seinem gebogenen Korpus mit Terrassen, Außentreppen und Bullaugenfenstern Assoziationen an ein Schiff wecken und lässt durch große Glasflächen den Garten als erweiterten Wohnraum erleben.

In der Küche des Architekturklassikers können Übernachtungsgäste die Geschichte der Frankfurter Küche nach dem Konzept der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky lebendig werden lassen, hier finden sich bis heute die originalen Einbaumöbel, Aluschütten und Einschubgläser, mit denen die Gebrüder Haarer das Haus in den Dreißigerjahren ausgestattet haben.

Diesen folgten für das Haus Schminke wechselvolle Jahre, über die Zeit diente die Villa unter anderem als Militärkommandatur der Roten Armee, Erholungsheim für Kinder bombengeschädigter Familien aus Dresden, Klubhaus für die Freie Deutsche Jugend (FDJ) und „Haus der Pioniere“. Um die Jahrtausendwende wurde das Haus aufwendig nach Denkmalschutzkriterien saniert und instand gesetzt, Originalmöbel wie das Bett und das Sofa kehrten in die Räume zurück.

Wohnen im Architekturdenkmal

Heute befindet sich die Villa im Besitz der Stiftung „Haus Schminke“, die seine Nutzung als Architekturdenkmal in den Vordergrund stellt – und das Haus unter anderem auch vermietet. Wobei hier nicht das Konzept einer komfortablen Ferienunterkunft umgesetzt, sondern die Zielgruppe architekturbegeisterter Gäste bedient wird, die daran interessiert sind, in einer solchen Ikone des „Neuen Bauens“ zu übernachten und die Architektur wirklich zu erleben.

Moderne in Suffolk

Zu einer derartigen Ikone muss die „Balancing Barn“, also die „Balancierende Scheune“, erst noch werden, auf einem guten Weg ist sie allerdings schon. Im Jahr 2008 in der britischen Grafschaft Suffolk vom niederländischen Architektenteam MVRDV und den „mole“-Architekten aus Cambridge erbaut, schwebt die Hälfte der „Scheune“ über dem abschüssigen Gelände in der Luft, sorgt die 15 Meter lange Auskragung inklusive Glasdecke und -boden für spektakuläre Perspektiven. Die sich von der Straße aus nur erahnen lassen: In der gleichen Flucht wie der zuvor auf dem Gelände stehende unspektakuläre Bungalow wirkt das Haus von vorn wie ein kleines, traditionelles Gebäude und enthüllt seine beeindruckende Länge von 30 Metern erst bei näherer Betrachtung. Spektakulär schon auf den ersten Blick ist dagegen die Hülle: Silbern glänzend bietet sie der Umgebung eine wunderbare Projektionsfläche und dem Betrachter immer neue Bilder – die nach den sorgfältigen Renaturierungsarbeiten auf dem Grundstück, das dem Suffolk Wildlife Trust gehört, heute auch wieder einheimische Flora und Fauna zeigen.

Eine Scheune lässt tief blicken

Im Inneren des Hauses dominiert neben viel Holz und Licht vor allem modernstes Design – mit holländischem Touch und Anleihen an den traditionell britischen Stil. Jedes einzelne Möbel- und Dekorationsstück in den beiden Schlafräumen und dem großen Wohnraum hat einen wohlklingenden Namen aus der Designwelt hinter sich und ist sorgfältig ausgesucht.

Den richtig großen Eindruck macht aber der Glasboden im Wohnzimmer, der den Blick auf das Land freigibt und das Schweben der Scheune spürbar werden lässt. Und vielleicht dem Urlauber dabei hilft, die ganz persönliche Balance wiederzufinden.

Kunst auf dem Berg

In Kärnten schweift der Blick von der Art-Lodge aus noch ein bisschen weiter, hier, auf 1058 Metern Seehöhe auf dem Verditz in den Nockbergen, ist aus dem 300 Jahre alten Rohrer-Hof ein Haus voller Kunst entstanden, das in den Sommermonaten als kleines Boutique-Hotel geführt und von Oktober bis Mai als Ganzes vermietet wird. 2008 haben die heutigen Besitzer Katrin Liesenfeld-Jordan und Dirk Liesenfeld den Hof eher kurz entschlossen gekauft, weniger stimmige Um- und Ausbauten aus den vergangenen Jahrzehnten zurückgebaut, anderes behutsam modernisiert – und die alte Architektur mit Design und Avantgarde-Kunst zusammengebracht. So finden sich im ältesten Teil des Anwesens, dem aus dem Jahr 1747 stammenden „Troadkastn“, etwa eine Installation von Michail Pirgelis, in den Zimmern Bilder von Robert Voit und David Ostrowski, auf dem Sonnendeck ein wachsender Skulpturenpark und in der Bibliothek ausgesuchter Lesestoff zu den Themen Kunst und Architektur.

Artists in residence

Außerdem gibt es immer wieder Ausstellungen zeitgenössischer Künstler im Dachgeschoß der alten Scheune, und mit der Bereitstellung eines Künstlerappartements, in dem „artists in residence“ auf der Lodge für eine Weile leben und arbeiten können, ist auch für Nachschub gesorgt.

„Manche Kunst wohnt im Museum, andere in privaten Sammlungen. Unsere Kunstsammlung lebt im Hotel“, fassen die Liesenfelds ihre Idee von der Art-Lodge zusammen. Auf der Kunstverständnis oder zumindest -sinn allerdings keine Bedingung sind, wer sich nicht dafür interessiert, erleidet trotzdem keinen Mangel: Das 16.000 Quadratmeter große Grundstück mit Bio-Pool im Innenhof, Liege- und Aussichtsflächen und dem alten Tischlerschuppen, der zu einem Wellnesshaus umgebaut wurde, macht auch Bewohnern ohne Kunstsinn Freude. Und im Winter hat sich in den Nockbergen sowieso noch schwer jemand langweilen können – Kunst oder Architektur hin oder her. (SMA)

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.stiftung-hausschminke.eu,

www.living-architecture.co.uk, www.art-lodge.com

Architektur in Ferien

www.urlaubsarchitektur.de: Deutsche Seite, derzeit 231 architektonisch herausragende Häuser und Hotels weltweit, die nach vielen Kriterien gefiltert werden können.

www.living-architecture.co.uk: kleine, englische Website mit ausgewählten Objekten in Großbritannien.

iconichouses.org: Seite mit Architektur-Ikonen weltweit, aber nur sehr wenige zu mieten, meist aber öffentlich zugänglich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2013)

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