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Die Dynamik des „rasenden Stillstands“

Überzeugend und schlüssig: Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa analysiert und kritisiert die Logik sozialer Beschleunigung.

Die Soziologie: Zu Zeiten der Frankfurter Schule noch Königskerze der Geisteswissenschaften, ist sie heute zum verblühten Orchideenfach abgeblättert. Das hat nicht nur mit den Veränderungen auf akademischem Boden zu tun, sondern kommt für den Jenaer Soziologen Hartmut Rosa auch aus dem Zentrum des Faches. Leichtfertig habe sich die Soziologie von der Kritischen Theorie verabschiedet, die in der Identifikation sozialer Pathologien ihre Hauptaufgabe sah. Mit einer „Kritischen Theorie der sozialen Beschleunigung“ will Rosa diese soziologische Tradition erneuern und führt dazu den alten Begriff der Entfremdung wieder ein. Konsequenterweise heißt sein Buch „Beschleunigung und Entfremdung“.

Die eine bedingt die andere, ist darin eine seiner Kernthesen. Entgegen der landläufigen Klage über die Beschleunigung durch Technik sieht Rosa die Prozesse der Akzeleration als „logische Folge aus einem wettbewerbsorientierten kapitalistischen Marktsystem“. Er definiert Leistung als „Arbeit pro Zeiteinheit“, weshalb „Beschleunigung und Zeitersparnis direkt zu Wettbewerbsvorteilen führen“. Das erzeugt einen permanenten Druck zur Veränderung und Flexibilisierung. Dafür sind nicht alle Menschen gleich disponiert.

Dazu kommt ein „kultureller Motor“ der Beschleunigung. Dieser hat mit der Säkularisierung der Gesellschaft zu tun. Da viele nicht mehr auf ein Leben nach dem Tod hoffen, versuchen sie innerhalb ihrer Lebenszeit so viel zu erleben wie möglich. Die Absicht dahinter: Wer schneller lebt, erlebt mehr und hat damit mehr vom Leben. Wieder sind die Dynamik des Wachstums und der Beschleunigung miteinander verknüpft. Aber egal, wie schnell wir werden, „unser Anteil an der Welt, also das Verhältnis der realisierten Optionen und gemachten Erfahrungen zu denjenigen, die wir verpasst haben, wird nicht größer, sondern konstant kleiner“.

Trotzdem probieren wir mithilfe immer neuerer Technologien das Problem in den Griff zu kriegen. Die neigen aber wie der Besen im „Zauberlehrling“ dazu, eine Eigendynamik zu entwickeln. Man denke etwa an E-Mails: Wir kommunizieren damit nicht nur rascher, sondern werden auch dazu gedrängt, ständig zu kommunizieren. Schalten wir unser Empfangsgerät ab, sammeln sich kontinuierlich neue Nachrichten an und man ist in Kürze nicht mehr aktuell. Das Karussell dreht sich immer schneller, aber es bewegt sich nicht vom Fleck.

Das ist nun ein Phänomen, das Rosa folgendermaßen beschreibt: „Die Erfahrung der Erstarrung entsteht, wenn die Veränderungen und Dynamiken des individuellen Lebens oder der sozialen Welt nicht länger als Elemente einer bedeutungsvollen Entwicklung erfahren werden, sondern als zielloser und rasender Wandel.“ Oder auch „rasender Stillstand“. Die „To-do-Listen“ sämtlicher Lebensbereiche werden immer länger, die Lebenszeit immer kürzer, die Panik immer größer und die Erfüllung immer weniger. Es kommt zum Gefühl, nicht das zu tun, was wir „eigentlich“ tun wollen, stattdessen – ohne gezwungen zu werden – etwas zu tun, was wir gar nicht wirklich tun möchten. Für Rosa der klassische Fall der Entfremdung. Die selbstantreibende Logik des Wettbewerbs in allen Sparten des Lebens ist zum anonymen Führer geworden, gegen den wir nicht einmal ein Attentat planen können.

Hartmut Rosa gründet darauf die These, „dass die soziale Beschleunigung die Merkmale einer totalitären Herrschaft aufweist“ und als solche kritisiert werden muss. Er deckt ganz im Sinne der Frankfurter Schule auf, wie viel Ideologie in der scheinbar ideologiefreien Logik des Wettbewerbs liegt. Sein Buch ist somit der gelungene Versuch einer Wiederbelebung der Ideologiekritik. ■

Hartmut Rosa

Beschleunigung und Entfremdung

Aus dem Englischen von Robin Celikates. 156 S., brosch., € 20,60 (Suhrkamp Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2013)