Tijuana: In der Millionenstadt der gebrochenen Biografien

Die Spannung zwischen dem Glück, das schon da ist, und den vielen unerfüllten Sehnsüchten prägt uns aller Leben.

Läuft man bei Sonnenuntergang den Sandstrand von Tijuana entlang, könnte man meinen, dies sei Mexikos heile Welt. Doch die haushohen Stahlpfeiler, die am nördlichen Ende des Strandes wie ein Zaun ins Meer hinauslaufen und hinter denen die Skyline von San Diego zu sehen ist, erinnern daran, dass die nahe Grenze zu den USA Tijuana zu einer Millionenstadt der gebrochenen Biografien gemacht hat.

Massive Polizeipräsenz hält den Drogenkrieg derzeit recht gut in Schach, aber Kokainhandel und Menschenschlepperei florieren weiter. Jedes Jahr leisten einige Österreicher ein Freiwilliges Soziales Jahr bei den Salesianern Don Boscos in Tijuana. Mimi aus der Steiermark gehört dazu. Sie ist 18 und leitet ein Jugendzentrum in einem Armenviertel. Die Volontäre genießen als „missionários“ großen Respekt und können sich deshalb sicher fühlen.

Am wichtigsten für Mimi ist, verstanden zu haben, was der Jugendarbeiter Don Bosco mit seinem Motto „siempre alegres“ (immer fröhlich) gemeint hat. „Wenn die alltägliche kleine Katastrophe passiert, denk' ich mir, cool bleiben, du wirst das schon schaffen... Und ich bleib' dabei in einer guten Stimmung.“

Wie kannst du sagen: „Zeig uns den Vater?“ Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist?

Joh 14,9-10

Der Strom lateinamerikanischer Migranten, die auf der Suche nach Arbeit nach Tijuana kommen, reißt nicht ab, ebenso wenig der Strom jener, die aus den USA nach Tijuana abgeschoben werden. Täglich kommen etwa tausend neue Menschen in die Stadt.

Viele wissen nicht, ob sie versuchen sollen, ein Visum für die USA zu bekommen, in die Heimat zurückzukehren oder eine neue Existenz aufzubauen. Trotzdem ist die Stadt, wie es scheint, voller Leben und Fröhlichkeit.

Tijuana macht eine spirituelle Grundfrage überdeutlich sichtbar. Ist das Glück schon jetzt da und nur im gegenwärtigen Moment zu finden? Oder verweisen innerste Sehnsüchte auf eine Erfüllung, die die Gegenwart übersteigt?

Buddhisten sehen den Grund des Leidens in der Illusion des Ich und seiner Wünsche. Nur wer ganz im Moment aufgeht, findet das Glück. In der Bibel schüttelt der Philosoph Kohelet verständnislos den Kopf über Stress und Karrierestreben: „Windhauch von Windhauch“, sagt er, „alles ist Windhauch. Mit einer Frau, die du liebst, genieß das Leben alle Tage deines Lebens voll Windhauch.“

Im Johannesevangelium sehnt sich Philipp nach einer unmittelbaren Gottesbegegnung – „Zeig uns den Vater!“ Jesus rät ihm, Gott im Hier und Jetzt zu suchen: „Glaubst du nicht, dass der Vater in mir ist?“ Die Spannung zwischen dem Glück, das schon da ist, und unerfüllten Sehnsüchten prägt auch mein Leben. Die weiße Gischt des Pazifik und Tijuanas Fröhlichkeit – alegría – haben mich daran erinnert, den Moment zu genießen.

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2013)