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Mellach: „Ein Wunderwerk der Technik“

Gaskraftwerk Mellach Verbund Bild Siemens
Gaskraftwerk Mellach Verbund Bild SiemensSiemens AG
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Der Verbund betreibt in Mellach eines der modernsten Gaskraftwerke Europas. Vorstandschef Wolfgang Anzengruber überlegt, es einzumotten.

Wien/Gh. So eine Wertberichtigung in Höhe von einer Milliarde Euro kann etwas Befreiendes haben. Zumindest wirkte Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber am Freitag im Klub der Wirtschaftspublizisten sehr gelöst. Mitte der Woche musste der Verbund ad hoc vermelden, dass er vor allem mit seinen Gaskraftwerken ein massives Problem hat. „Mit Stromerzeugung aus Gas kann man heute in Europa kein Geld verdienen“, sagt Anzengruber. Und diesem Umstand wird der Verbund nun Rechnung tragen.

Da wäre einmal das Gaskraftwerk im steirischen Mellach. „Ein Wunderwerk der Technik“, schwärmt Anzengruber. 60 Prozent Wirkungsgrad. Da gebe es nur ganz wenige Gaskraftwerke in Europa, die so effizient sind. Mellach ist leider ein effizienter Sargnagel. Denn das 550 Millionen Euro teure Kraftwerk ist gerade einmal ein Jahr in Betrieb. In diesem Jahr war es zwei Drittel der Zeit mehr oder weniger abgeschaltet. Mittlerweile steht das Wunderwerk nur noch mit 141 Millionen in der Bilanz. Es schreibt 40 Millionen Euro Verlust im Jahr.

„Kann man da nicht durchtauchen?“, lautet eine Frage. Zumindest ein paar Jahre. 2020 nehmen die Deutschen die letzten Atomkraftwerke vom Netz. Diese Lücke werde man dann doch füllen müssen. Mit Gas.

„Es sind schon so manche beim Durchtauchen ertrunken“, antwortet Anzengruber trocken. Etwas Galgenhumor schwingt mit. Verkaufen, einmotten, alles sei möglich, meint er. Wobei: Wer kauft schon ein unrentables Kraftwerk? Käme also einmotten infrage. Das Wunderwerk und auch die paar Gaskraftwerke, die der Verbund in Frankreich betreibt, werden womöglich bis auf Weiteres abgedreht.

In Bayern zahle der Staat Kraftwerksbetreibern sogar die Erhaltungskosten. Nur damit die Gaskraftwerke nicht eingemottet werden. Denn im Falle des Falles sind diese unrentablen Dinger äußerst praktisch. Sie können binnen kürzester Zeit hochgefahren werden und erfüllen so einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit.

Na, das wäre doch auch eine Lösung. Da könnte Anzengruber – freilich nach der Nationalratswahl – doch auch Steuergeld für Mellach fordern. „Nein“, antwortet er. Die Sache mit den Gaskraftwerken sei eben „unternehmerisches Risiko“. Als das Projekt Mellach vor fast einer Dekade aus der Taufe gehoben wurde, kostete die Megawattstunde rund 70 Euro. Die Experten prognostizierten Strompreise von 120 Euro. Und heute? Der Verbund verheizt Gas um 35 Euro, um eine Megawattstunde Strom zu erzeugen. Auf dem Spotmarkt gibt es dafür 25 Euro.

Natürlich wird der Strompreis wieder steigen, ist Anzengruber überzeugt. „Steigt der Strompreis um einen Euro, macht der Verbund 30 Millionen mehr Gewinn“, rechnet er vor. Nur: „Hoffnung alleine kann man nicht bilanzieren.“

Und deshalb steigt der Verbund vorerst völlig vom Gas. Das Konzernergebnis werde trotzdem 600 Millionen Euro ausmachen. „Der Verbund ist eines der ertragreichsten Energieunternehmen Europas“, sagt Anzengruber. Das liegt an den 125 Wasserkraftwerken in Österreich und Deutschland. Auf die Wasserkraft will sich der Verbund nun auch konzentrieren – und auf Windenergie. Und der Verbund will nicht nur Strom erzeugen, sondern noch viel mehr an Privatkunden verkaufen. Zurzeit liegt der Marktanteil bei den Privatkunden bei sechs Prozent. Mit einer großen Werbeoffensive im Herbst soll der Absatz um 20 Prozent erhöht werden.

 

„Es gab massive Verwerfungen“

„Wasserkraft ist die einzige erneuerbare Energie, die ohne Förderungen wettbewerbsfähig ist“, betont der Manager. Und überhaupt trage das staatliche Förderregime in Europa wesentlich zur Malaise bei, sagt jener Mann, dessen Konzern zu 51 Prozent der Republik Österreich gehört.

Anzengruber spricht von „massiven Verwerfungen“ in der Energiepolitik. Mit der Förderung von erneuerbarer Energie sei die Energiewende gelungen. Der Preis, den der Konsument dafür bezahlt, ist aber hoch. In Deutschland machen die Förderungen mehr als die Hälfte des Stromtarifes aus. Von einer Entlastung der Umwelt könne trotzdem keine Rede sein. Denn aufgrund der Krise sind CO2-Zertifikate so billig, dass Kohlekraftwerke rentabel sind. „Mit Kohle- und Braunkohlekraftwerken wird Storm produziert wie nie zuvor.“ Ein Grund dafür sei der Ausstieg aus der Atomenergie. Den „begrüßt“ Anzengruber „ausdrücklich“. Aber er gehe „unkoordiniert“ vonstatten. Wie so vieles in der Energiebranche.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2013)