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Zakhar Prilepin: "Bin sogar für Russen schwer zu verstehen"

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Er studierte Linguistik, zog für Russland in den Tschetschenien-Krieg, schloss sich den "rot-braunen" Nationalbolschewisten von Eduard Limonow an. Heute ist Zakhar Prilepin Oppositionsaktivist und erfolgreicher Schriftsteller.

Ihr Roman „Sankya“, der unlängst auf Deutsch erschienen ist, wurde in Russland vor sieben Jahren veröffentlicht. Sie verarbeiten darin Ihre eigenen Erfahrungen als Aktivist der russischen Nationalbolschewisten, einer verbotenen radikalen Partei, die ein Sammelbecken für linke und rechte „Unzufriedene“ ist. Der Roman mündet in einen Jugendaufstand gegen die brutale russische Obrigkeit. Wie ist es, nach so langer Zeit wieder aus dem Buch zu lesen?

Zakhar Prilepin: Es ist, als wäre es nicht mehr mein Text. Wenn ich die Zeilen lese, begegne ich ihnen leidenschaftslos. Früher habe ich den Roman als Teil meiner Biografie und der meiner Freunde empfunden, als Teil meines Lebens, meines Schicksals.

Das Geschriebene war Ihnen also früher einmal emotional viel näher?

Vor zwei Jahren wurde in Deutschland die Bühnenfassung von „Sankya“ aufgeführt. Ich war im Saal, und was ich sah, brachte mich das erste Mal in zehn Jahren zum Weinen. Ich war in einem Schockzustand.


Ist es nicht schwierig, einen Stoff, der einem so nah ist, jemand anderem zu geben?

Ich versuche grundsätzlich, dazu überhaupt keine Beziehung zu haben. In Russland wird gerade ein anderes meiner Bücher verfilmt. Ich versuche immer den Regisseuren zu entkommen, damit sie mich nicht mit ihren Fragen nerven können. Wenn ich einen Text geschrieben habe, ist die Sache für mich erledigt. Die anderen Künstler sollen damit machen, was sie wollen – von mir aus, die Frauen zu Männern machen oder umgekehrt.


Nach „Sankya“ hat man Sie in Russland als „Stimme einer Generation“ bezeichnet. Fühlen Sie sich geehrt?

Ich habe niemandem meine Stimme gegeben, ich habe einfach mit meiner eigenen Stimme gesprochen. Zufällig war meine Stimme zum Teil auch für andere Menschen dieser Generation zutreffend – und auch für ältere Intellektuelle. Sie haben meinen Text als wichtig oder auch als gefährlich empfunden. Beim Schreiben habe ich an diese Dinge nicht gedacht. Wenn ich daran denken würde „Wie kann ich wieder zur Stimme der Generation werden?“, dann könnte ich mich gleich ins Krankenhaus einliefern lassen.

Fühlen Sie sich überhaupt irgendeiner Generation zugehörig?

Ich wurde in der Sowjetunion geboren und gehörte zum letzten Jahrgang der Pioniere. In den Neunzigern haben viele meiner Altersgenossen weder von der Privatisierung noch vom Geschäftemachen profitiert. Die Leute um uns herum teilten sich die Pfründe untereinander auf. Wenn ich zu einer Generation gehöre, dann zur „Generation BMP“, der Abkürzung für „bez menja podelili“: „Ohne mich aufgeteilt“.

Mitte der Neunziger haben Sie sich dann der Nationalbolschewistischen Partei von Eduard Limonow angeschlossen. Was hat Sie an dieser Bewegung fasziniert?

Es waren verschiedene Dinge. Erstens habe ich Limonows Bücher gelesen. Ich habe den Niedergang des Landes als sehr schmerzhaft erfahren: Mein Vater war Professor, meine Mutter Krankenschwester, es ging uns gut. Und plötzlich wurden wir zu nichts. Ich sah das Land zerfallen, das Gesetz und die Ersparnisse verschwinden. Es war ein Schock. 1996 war ich im Tschetschenien-Krieg, 1997 lernte ich Limonow kennen und sagte ihm, dass ich mit ihm zusammenarbeiten will. Limonows Partei war eine Schule der Kunst und Freiheit, Konfrontation und Männlichkeit. Ein Platz für Nonkonformismus. Viele heute bekannte Journalisten und Intellektuelle sind durch diese Schule gegangen.

War in Ihrer Beziehung zum exaltierten Limonow die politische oder die künstlerische Anziehung wichtiger?

Man kann eines nicht vom anderen trennen. Das, was Limonow in der Politik gemacht ist, ist keine Performance, kein Kunstprojekt. Für ihn ist schmerzhaft, was im Land vorgeht. Er will eine Veränderung erzielen. Es gibt natürlich das Element seines Egos, aber das gibt es immer, bei jedem Politiker: Alle wollen bedeutsam sein. Limonow will kein Geld verdienen oder Vorteile für sich herausholen, er macht das alles, weil ihm die Sache wichtig ist. Er ist ein Politiker im ursprünglichen Sinne des Wortes; die Politik ist sein Schicksal. Er hatte nicht viel davon außer Unannehmlichkeiten: Überwachung durch den Geheimdienst FSB, Verfolgung, Haft.

Für mich ist die ideologische Faszination an Limonow schwer zu verstehen. War für Sie der Weg des Liberalismus nie eine Option?

Für mich ist der Liberalismus keine Wahl. In Russland tritt der Liberalismus nur in seiner sozialdarwinistischen Ausformung auf. Einen solchen Liberalismus erleben wir seit zwei Jahrzehnten. Ich weiß, dass es im Westen einen anderen Liberalismus gibt. Aber nicht hier. In diesem Sinne ist mein Weg nicht nur meine Wahl, sondern die Wahl der Mehrheit der Intellektuellen und der russischen Bevölkerung. In Russland ist die Mehrheit gegen Putin, aber nicht auf der Seite der Liberalen. Wir betrachten die Dinge von einer linkskonservativen Seite. Das kann man dem Westen schwer erklären. Und was die angebliche imperialistische Rhetorik Limonows betrifft: Schwachsinn! Wir wollen nur, dass jene Grenzen gewahrt bleiben, in denen die Russische Föderation jetzt ist.

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, Sie wären noch immer bei der Eliteeinheit Omon, wenn nur die Bezahlung stimmen würde. Ist das so?

Ja natürlich. Das streite ich überhaupt nicht ab.

Sie haben Linguistik studiert und sind in den Krieg gezogen, Sie haben sich Limonows Radautruppe angeschlossen und schreiben für die Oppositionszeitung „Nowaja Gazeta“, die im Westen vor allem deshalb bekannt ist, weil Anna Politkowskaja dort vor ihrer Ermordung als Journalistin gearbeitet hat. Und Sie sind in Russland ein berühmter Schriftsteller. Wie passt das alles zusammen?

Das sind alles verschiedene Dinge. Ich bin manchmal sogar für Russen schwer zu verstehen. Ich wurde Schriftsteller, weil ich gerne schreibe. Ich gehe auf Demonstrationen, weil mir etwas in meinem Land nicht gefällt. Ich war für Omon tätig, weil es für mich als Mann normal ist, mit anderen Männern und mit Waffen zu tun zu haben.

Wie erklären Sie sich, dass im Herbst 2011 nach den Parlamentswahlen plötzlich so viele Menschen auf den Straßen waren?

Es war klar, dass die Wahlen gefälscht waren. Und es hat sich in den vergangenen Jahren eine Mittelschicht gebildet; viele Bürger waren schon im Westen und haben einen politischen Willen entwickelt. Doch all die Jahre, in denen ich mich mit Politik beschäftigt habe, haben sich diese Menschen nur mit sich selbst beschäftigt. Ich weiß, dass Politik eine langwierige Sache ist, nicht nur ein Flashmob.

Ist das der Grund dafür, dass die Bewegung mit der Zeit verpufft ist?

Mir scheint, dass wir schon ganz am Anfang die reale Möglichkeit verpasst haben, etwas grundlegend zu verändern. Ich spreche von der Kundgebung am 10. Dezember 2011. Limonow wollte damals zur Zentralen Wahlkommission ziehen, die liberale Opposition lehnte das ab. Sie haben die Revolution verpatzt. Limonow hatte recht.

Hat sich der Protest erledigt, hat Putin sein Russland wieder zurückerobert?

Es ist schwierig, in Russland etwas vorherzusagen. Die Dinge passieren immer unerwartet. Wenn in einem Jahr alles in Rauch und Feuer aufgeht, würde es mich nicht wundern; wenn Putin in zehn Jahren noch immer fest im Sattel sitzt, ebenfalls nicht. Veränderungen wie 1917 oder 1991 brechen stets wie Naturkatastrophen über uns herein.

Wie denken Sie über den Prozess gegen die Aktivistinnen von Pussy Riot?

Ich fand den Prozess und die Haftstrafe schrecklich. Aber ich bin kein Anhänger von Pussy Riot. Im Westen denken nun alle, Pussy Riot – das ist die russische Opposition. In diesem Sinne hat Putin gesiegt: Er hat uns diskreditiert.

Die Nazboly haben bei ihren Aktionen auch häufig Gesetze übertreten.

Aber wir haben niemals Aktionen in Kirchen gemacht. Wir richteten uns stets direkt gegen die Behörden – aber nicht gegen die Werte der Gesellschaft.

Sie leben das halbe Jahr auf dem Land. Ist der Rückzug so etwas wie ein Lebensideal?

Für mich ist das die einzig richtige Form des Lebens. Wenn es eine Revolution gebe, würde ich sofort in die Stadt fahren – und danach wieder ins Dorf zurückkehren.


1... ob Sie eine bestimmte Methode bei der Erziehung Ihrer vier Kinder haben?
Ich versuche ein gutes Vorbild zu sein. Der Vater muss ein Mann sein, der sich vorbildlich und männlich benimmt. Die Ästhetik bringt die Ethik hervor.

2... ob Ihre Kinder wissen, dass Sie mehrfach festgenommen wurden?
Ja. Meine Frau hat es meinem Ältesten erklärt, und er hat es normal aufgenommen. Er versteht, dass das Vaterland und der Staat zwei verschiedene Sachen sind, die im Konflikt miteinander stehen können. Als dann einmal der Gouverneur an die Schule meines Sohnes kam, hat er nicht applaudiert wie alle anderen Kinder.

3... ob Sie schon einmal daran gedacht haben, aus Russland auszuwandern?
Nein, natürlich nicht. Ich lebe auf dem Dorf, dort findet mich sowieso niemand. Es gibt nicht einmal vernünftige Straßen dorthin.

Steckbrief

1975
Zakhar Prilepin wird geboren. Nach der Schule Studium der Linguistik in Nischni Nowgorod.

1997
Bekanntschaft mit Eduard Limonow, Prilepin schließt sich den „Nazboly“ an.

2008
Für seinen Roman „Sankya“ erhält er den Russian National Bestseller Award.
Er lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Nischni Nowgorod und Umgebung.

Buchtipp

„Sankya“,Prilepins erster Roman, wurde 2006 in Russland veröffentlicht.

Auf Deutsch ist er 2012 in der Übersetzung von Erich Klein und Susanne Macht bei Matthes & Seitz erschienen (362 S., 23,60 €).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2013)