Sergej Bubka kandidiert für das Amt des IOC-Präsidenten. Der ukrainische Stabhochsprungstar plädiert für olympische Werte, will die Jugend forcieren, den Gigantismus bremsen und gezielt in die Zukunft der Spiele investieren.
Herr Bubka, Sie waren als Stabhochspringer unschlagbar und sind jetzt Präsident des ukrainischen Olympischen Komitees sowie seit vielen Jahren Mitglied im IOC – ist diese Ausnahmestellung letztlich der Auslöser dafür, dass Sie nun für das Präsidentenamt im Internationalen Olympischen Komitee kandidieren?
Sergej Bubka: Vorweg: Ich bin Sportler, schon mein ganzes Leben lang. Ich habe als Stabhochspringer so viel erlebt. Ich habe nur gute Erinnerungen an meine Karriere, aber ich bin auch schon seit 1996 Teil der olympischen Bewegung. Ich bin NOK-Chef in der Ukraine, sitze im Exekutivkomitee, bin Vizepräsident des Leichtathletikweltverbands und Geschäftsmann. Es sind nun zwanzig Jahre, in denen ich Erfahrungen sammeln und mithelfen konnte, den Sport und die Olympia-Bewegung kennenzulernen, zu fördern. Ich war für Vereine tätig, ich habe das Wissen, was zu tun ist, um eine große Idee anzuführen. Ich habe finanzielles Know-how, Kontakte – ich will dem Sport etwas zurückgeben. Diese Sichtweise ist von großem Vorteil: Ich sehe das Amt als IOC-Präsident sowohl als Sportler als auch als Funktionär als Herausforderung, als große Ehre. Ich bin happy, die Mitglieder vertrauen mir. Ich gebe dafür mein Bestes – 24 Stunden lang, jeden Tag.
Warum wollen Sie IOC-Präsident werden, welche Ziele und Ideen verfolgen Sie?
Jeder Mensch muss Visionen, Ideen und ein Programm haben. Ich muss nun meine Vorstellungen präsentieren, sie sollen der Zukunft des IOC, der Spiele und denen der Gesellschaft helfen. Die Welt verändert sich, die Menschen und ihre Ansprüche verändern sich. Und damit auch der Sport und die Spiele. Ich will dabei die Gesellschaft einbinden. Wie reagiert sie, welche Anforderung stellt sie, welche Wünsche hat sie? Etwa: Wie bringen wir Kinder zum Sport, anstatt sie nur vor dem Computer sitzen zu sehen? Ich sage Drogen und Kriminalität den Kampf an. Rassismus darf in unserer Gesellschaft keinen Platz haben, auch die Politik muss da eingreifen.
Haben Sie ein Vorbild, das Sie inspiriert?
Natürlich, gar keine Frage! „Sport kann mit einfachsten Dingen die Welt verändern“, das hat auch schon Nelson Mandela gesagt. „Nichts anderes, Simples kann weltweit so viel bewegen wie der Sport“ – wahre Worte eines großen Mannes. Erinnern wir uns zum Beispiel nur an die London-Spiele. Erstmals waren in allen Sparten Frauen vertreten. Die olympische Familie und Präsident Jacques Rogge haben es geschafft, alle Bedenken und Widersprüche auszuräumen. Es ist jetzt leicht gesagt, dass Sport Frieden, Zusammenhalt und Freude bewirken kann, aber er schafft es. Ich glaube an eine bessere Welt, Sie etwa nicht?
Wie viel Macht hat der IOC-Präsident?
Diese Funktion hat enorme Stärke, die Worte und Handlungen des IOC-Präsidenten haben weltweit Gewicht, da gibt es gar keine Diskussion. Es ist eine bedeutsame Aufgabe. Ich will dem Sport und der olympischen Familie dienen. Ich will, dass wir unsere Ziele verwirklichen und nicht nur darüber reden. Hier geht es aber nicht um Parteien oder Politik, sondern einfach darum, wie man am leichtesten Wege aufzeigt, das Miteinander zu schaffen. Noch einmal: Ich will Probleme wie Drogensucht und Gewalt bekämpfen, ich will Kinder schützen, das IOC wird auch weiterhin die UNO unterstützen oder Stellung im Kampf gegen Rassismus beziehen. Das ist die große Aufgabe. Ich werde nie stillsitzen, das kann ich nicht. Ich will immer mein Bestes geben, wie schon als Sportler.
Die olympische Familie, das IOC – wer ist das eigentlich? Ist es die größte, längstdienende Sportvereinigung, mit weltweiten tiefen Wurzeln in Politik und Wirtschaft? Ein Clan, der selbst auch vor Korruption ...
Moment: Im IOC sitzen hohe Persönlichkeiten, die enormes Fachwissen und weltweit die besten Kontakte zu Politikern haben. Ich bin davon überzeugt: Es ist die Garde des Sports. Es ist ein starkes, vereintes Team. Es verfolgt seine Ziele und erreicht sie auch. Und der Präsident steht ihnen vor, er ist das Aushängeschild – aber er muss ein Teamplayer sein, so verstehe ich jedenfalls diese Position.
Dennoch: Der Faktor Geld ist mit dem IOC eng verbunden, Olympia ist ein gewinnbringendes Ereignis. In der Geschäftsperiode von Vancouver 2010 bis London 2012 wurden 5,6Milliarden Euro allein aus dem Verkauf von TV-Rechten verbucht. Welche Rolle spielt Geld für Sie?
Ich habe vor IOC-Präsident Jacques Rogge größten Respekt. Er hat großartige Arbeit geleistet, in seiner Ära ist perfekt gearbeitet worden. Er hat vielen Hoffnung gegeben – sein Wort hat Gewicht. Auch hat er viel mit den Jugendspielen erreicht: Beeindruckend. Und ich will, dass wir daran anknüpfen und dieses Geld in die Zukunft unserer Kinder investieren. Da müssen große Organisationen wie IOC, die jeweiligen NOKs oder Verbände aus der Leichtathletik oder Fußball mithelfen. Wir müssen auf Trends in der Gesellschaft reagieren, damit Sport ein wichtiger Punkt bleibt. Aber, wir müssen auch für Sponsoren und TV entscheiden, denn die Spiele sind das attraktivste, spektakulärste Event der Welt!
Nur für Sportler, Zuschauer und Medien; was bedeuten Olympische Spiele für Sie?
Olympia ist mehr als nur ein sportliches Spiel. Olympia inspiriert doch die ganze Welt. Nach jedem Ereignis heißt es, es könne nicht mehr besser werden. Auch jetzt nach London, diese Sommerspiele waren wirklich ein unfassbarer Erfolg mit all der Begeisterung und den guten Leistungen. Was aber dahintersteckt, sehen viele schon gar nicht mehr – den Spirit, die Kraft, die sie ausstrahlen. Und was sie verändern: beginnend bei Arbeitsplätzen oder Infrastrukturen. Oder: Erinnern Sie sich an Moskau 1980, die Boykottspiele und deren eigentliche Idee dahinter. Olympia kennt keine Grenzen, Diskriminierungen oder religiöse Verfolgung – diese Botschaft wollen wir, die müssen wir vermitteln. Alle vier Jahre gibt es neue Zugänge, bessere Technik, Stadien und neue Stars. Warum sonst würden sich Milliarden für Olympia interessieren? Es ist unique.
Der Wahl zum IOC-Präsidenten stellen sich nun sechs Kandidaten. Was unterscheidet Sie von allen anderen?
Ach, wir sind alle sehr gut miteinander befreundet, und jeder von uns würde ein sehr guter Präsident sein, davon bin ich überzeugt. Ich werde jetzt sicher nicht sagen, ich kann dieses oder jenes besser und der andere nicht, das wäre nicht fair. Wir haben alle eigene Zugänge und Ideen, diese werden wir bis zur Wahl am 10. September vorstellen.
Was passiert, wenn Sie die Wahl verlieren?
Das Allerwichtigste zuerst: Ich bin Mitglied der olympischen Familie. Ich bin dankbar dafür, und darauf konzentriere ich mich. Natürlich will ich ein gutes Resultat erreichen und gewinnen. Aber diese Entscheidung obliegt den IOC-Mitgliedern – und ihnen will und kann ich nicht vorgreifen.
Gut, bleiben wir beim Thema Olympia: Es ist auch zu einem extrem riskanten Kostenfaktor geworden. Insgesamt soll London 11,5 Milliarden Euro eingesetzt haben. Das ist eine sehr hohe Summe, und selten ist das Event unter der Schirmherrschaft der fünf Ringe letztlich für Veranstalter ein Gewinn.
Das ist der vielleicht wichtigste Zugang bei dieser Thematik. Der Gigantismus darf nicht überhandnehmen, und mit ihm auch nicht die Kosten. Eine Host-City muss es sich leisten können. Mit diesem Schritt können mehr Länder, vielleicht schon bald auch Afrika, eine Kandidatur erwägen. Auch in diesem Punkt wird das IOC in Zukunft eine dynamische, starke Rolle spielen.
Hätte, aus Ihrer Sicht, auch Österreich eine Chance auf die dritten Winterspiele nach 1964 und 1976 in Innsbruck? Bewerbungen für Kärnten oder Salzburg waren zuletzt stets gescheitert.
Warum denn nicht? Österreich hat enorme Tradition, eine großartige Infrastruktur, euer Land ist als Wintersportnation weltberühmt. Auch hat das ÖOC einen großen Wert für die olympische Familie, es ist fester Bestandteil von uns. Also, ich bin mir sicher: Eines Tages werden wieder Olympische Spiele in Österreich stattfinden. Wann, das kann ich aber nicht beantworten. Das liegt an eurer Bewerbung, der Stadt, den Zielen, Initiativen, an eurem Programm. Es ist sicherlich viel Arbeit. aber das ist es auch wert.
Sie sprachen Veränderungen an: Zuletzt sorgte der Vorstoß, dass Ringen 2020 aus dem Olympiaprogramm verbannt werden soll, für Unverständnis. Es soll aus „Imagegründen“, also wegen schlechter TV-Quoten und geringen Zuschauerinteresses, geschehen sein. Wie stehen Sie zu diesem Fall?
Auch das olympische Programm unterliegt dem Anspruch, stets attraktiv, dynamisch, jung zu sein. Es gibt immer wieder neue Sportarten, die weltweit Ansehen genießen, und es gilt, diese durch die IOC-Exekutive genau zu prüfen. Wie reagieren die Sportler darauf, welchen Stellenwert nimmt die jeweilige Sportart weltweit, oder wie im Fall von Ringen speziell in Ländern wie Griechenland, Türkei oder Iran, ein? Dort ist Ringen ein Nationalsport, daher verstehe ich, wie wichtig es für viele Menschen ist. Die Reaktion der Verantwortlichen auf die Entscheidung, dass es nicht mehr bei Olympia sein soll, fand ich fantastisch. Sie haben enorm viel binnen sehr kurzer Zeit bewegt, sich neue Zugänge überlegt. Es ist ein Sport aus der Antike, und ich will zu diesem Punkt und all den Diskussionen eines klarstellen: Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, hat in der Zukunft keine Chance.
Wenn Sie gerade in Erinnerungen schwelgen: Haben Sie Ihre Karriere und die 35 Weltrekorde noch vor Augen?
Ja, an fast jeden meiner Sprünge kann ich mich noch sehr gut erinnern, vor allem aber an die Rekorde. Sie waren, jeder für sich, einzigartig. Ich erinnere mich noch an den ersten WM-Titel in Helsinki 1983 oder an meinen Sieg bei den Sommerspielen in Seoul 1988. Beides waren großartige Events, aber an Olympia reicht wirklich nichts heran. 1988 war ich in Seoul im ersten Augenblick vollkommen verloren. Die Stimmung im olympischen Dorf war so hervorragend, Sportler aus aller Herren Länder haben sich unterhalten, Hände geschüttelt, und wirklich jeder hat sich für den anderen gefreut. Das muss man doch erst einmal zu genießen verstehen.
Steckbrief
Sergej Bubka
wurde am 4.Dezember 1963 in Woroschilowgrad, Ukraine, geboren.
Hoch hinaus
Als Stabhochspringer gewann er sechsmal WM- und 1988 auch Olympiagold. Er stellte 35 Weltrekorde auf, seine Bestmarken liegen bei 6,14 (Freiluft) und 6,15Meter (Halle).
IOC-Mitglied
Bubka ist seit 2000 im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und sitzt als Vorsitzender der IOC-Athletenkommission in der Exekutive der Ringe-Organisation.
Politiker und Bankier
Der Ex-Parlamentarier und Bankier ist zudem ukrainischer NOK-Präsident sowie
Vizepräsident des
Leichtathletik-Weltverbandes IAAF.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2013)