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Doktor Mirzaeis Spurensuche

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Der Nuklearmediziner Siroos Mirzaei kann die Spuren von Folter auf dem Körper entdecken, wenn sie für das Auge längst unsichtbar geworden sind. Doch es ist ein Kampf gegen die Zeit.

Doktor Siroos Mirzaei sucht nach schwarzen Punkten. Es können Pünktchen sein, zart wie Nadelstiche. Fette Punkte, voll wie Tintenkleckse. Oder wolkenartige Gebilde, die sich auf den Befunden über ganze Körperteile des Patienten ziehen. Mirzaei findet die Punkte häufig auf dem Hinterkopf, auf dem Nasenbein, an den Rippen.

Das Arbeitszimmer des Mediziners im Pavillon 25 des Wilheminenspitals liegt im Dämmerlicht, die Sonnenstrahlen brechen sich an den Jalousien. In seinem Blickfeld hängen Gemälde, hinter seinem Rücken Diplome. Vor Mirzaeis Augen, auf dem Bildschirm, erscheinen die Befunde aus den Räumen einen Stock tiefer, an deren Türen vor Radioaktivität gewarnt wird. Es sind Bilder, aufgenommen mit Gamma-Strahlung.

Mirzaei ist Vorstand des Instituts für Nuklearmedizin. Ein Mann mit bronzefarbenem Teint, das Haar zur Glatze geschoren. Die Drahtgestellbrille lässt den 50-Jährigen wie einen Asketen wirken, wenn er auch dafür zu kräftig ist. Mirzaeis Stimme ist ruhig und tief, und es scheint, als könnte ihn nichts aus der Ruhe bringen, weder die Autofahrer im hektischen Stadtverkehr noch seine Arbeit, bei der er nach den schwarzen Flecken auf dem weißen Knochengerüst seiner Patienten sucht. Die schwarzen Punkte sind die Spuren, die Folter im Inneren des Körpers hinterlässt, auch dann, wenn die äußerliche Schwellung zurückgegangen ist und die blutigen Wunden auf der Haut verheilt sind. „Wenn man viele Schläge an einer Stelle bekommen hat, ist das auch später noch sichtbar“, sagt er.

Knochenszintigraphie nennt sich die Untersuchungsmethode, die die verborgenen Spuren der Gewalt sichtbar macht. Eine radioaktive Substanz wird dem Patienten in die Vene gespritzt. Sie bahnt sich ihren Weg durch den Körper und setzt sich in den Gebeinen fest. An den Stellen, wo ein erhöhter Stoffwechsel feststellbar ist, weil der Körper nach der Gewaltanwendung einen Schaden reparieren musste, lagert sich die Substanz ab. Durch die Bestrahlung des Patienten mit Gamma-Strahlen wird das sichtbar.

Die Punkte sind einfarbig, doch die Methoden der Gewaltanwendung vielfältig. Schläge, Elektroschocks, Aufhängen sind besonders häufige Folterpraktiken. Immer häufiger versuchen die Verursacher, keine Spuren zu hinterlassen. Man kann die Haut anfeuchten, bevor man Elektroden für Elektrofolter an Zehen und Ohrläppchen ansetzt. So werden Wunden vermieden. Auch die Glut der Zigaretten lässt sich an Stellen löschen, an denen man es nicht sofort bemerkt: etwa an stark behaarten Körperteilen. Die Gewalttäter entwickeln immer neue Techniken – und brechen neben den Menschenrechten besonders perfide die größten Tabus ihrer Gesellschaft. Seit einigen Jahren werde im Iran sexuelle Gewalt gegen Männer als Foltermethode eingesetzt, sagt Mirzaei. Als er einen 43-jährigen Iraner, der in der Haft mit unbekannten Gegenständen und Elektroschocks im After malträtiert worden war, untersuchte, habe er „das zuerst nicht geglaubt“. Er habe eine große „menschliche Enttäuschung“ gespürt, sagt der Arzt, und es klingt fast eine Spur zu diplomatisch. Courtoisie wird den Menschen aus dem Iran gern nachgesagt. Mirzaei ist 1980 von dort geflohen. Zurück kann er – „angesichts meiner Tätigkeit“ – unter der derzeitigen Führung nicht.

Blutige Fußsohlen. Mirzaeis Gegner ist, das mag zynisch klingen, die Selbstheilungskraft des Menschen. In den ersten Monaten nach der Tat ist Folter problemlos nachweisbar. Danach wird es schwieriger. „Je mehr Zeit verstreicht, desto kleiner wird die Chance. Die Zeit heilt viele körperliche Wunden“, sagt er. Türkische Kollegen hätten „Falanga“ (Auspeitschen der Fußsohlen) auch nach zehn Jahren nachweisen können, allerdings nur in der Hälfte der Fälle. Die Nicht-Nachweisbarkeit kann für Betroffene dramatische Folgen haben: etwa wenn Beweismittel in einem Asylverfahren fehlen.

Folter ist „eine absichtliche, systematische oder mutwillige Verursachung von physischem und psychischem Leid durch eine oder mehrere Personen, ... um eine andere Person zur Herausgabe von Informationen zu zwingen, ein Geständnis zu erpressen oder aus einem anderen Grund“, steht in der Tokio-Deklaration des Weltärztebundes von 1975 geschrieben. Aus der Sicht der Überlebenden ist Folter totales Ausgeliefertsein und Ohnmacht.

Für Betroffene ist daher Therapie ebenso wichtig wie die Diagnose. Mirzaei hat vor 15 Jahren den Verein Hemayat mitgegründet, in dessen Vorstand er ist. Hier werden Folteropfer ebenso wie Kriegstraumatisierte behandelt. Die Symptome sind ähnlich: Schlafstörungen, Unruhe, Reizbarkeit. Oft reicht ein kleiner Auslöser – etwa der Anblick einer Uniform –, damit die Menschen die Foltersituation innerlich nochmals durchmachen. Überlebende werden von ihrem Trauma überwältigt, wieder und wieder. „In der Therapie soll sich das Erlebte, das oft nur als unkontrollierbare und fragmentierte Erinnerung existiert, wieder zu einer Geschichte verbinden“, sagt Geschäftsführerin Cecilia Heiss. „Vergessen kann man Folter nicht, aber verarbeiten.

Mirzaei hat nach vielen wissenschaftlichen Artikeln unlängst einen Roman geschrieben. „Irdische Träume im Paradies“ heißt er. Auch darin wird gefoltert, von schwarzen Punkten ist aber nicht die Rede. Shokufeh, eine junge Frau, wird wegen Ehebruchs gesteinigt. Sie erwacht im Paradies. Jeden Freitag wird sie auf eine Erinnerungsreise in ihr früheres Leben geschickt.

Fakten

150

In mehr als 150
Ländern weltweit wird nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International gefoltert. Häufige Methoden: Schläge, Aufhängen, Elektroschocks, simuliertes Ertränken (Waterboarding), psychologische Folter.

5

In Artikel 5

der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen ist das Folterverbot festgeschrieben:

„Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“

Hilfe für Folteropfer

Der Begriff „Trauma“ bedeutet in der Medizin Wunde, Verletzung oder Schädigung des Körpers.

Hemayat ist ein Verein, der Folterüberlebende und Kriegstraumatisierte Menschen betreut. 2012 waren 692 Menschen in psychotherapeutischer und psychologischer Behandlung. Die meisten kamen aus der russischen Teilrepublik Tschetschenien (320), gefolgt von Afghanistan (109) und Iran (61). Die Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt ein Jahr.

Mit dem Sommerfest für Hemayat (mit Benefiz-Auktion) sollen neue Therapieplätze finanziert werden. Termin: 21. Juni ab 19 Uhr im Amerlingbeisl, 7., Stiftgasse 7. www.hemayat.org

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2013)