Der Sommer ist ja okay, aber bitte nicht endlos

„Wochenende ohne Ende“ verheißt ein Glücksspielunternehmen dem Gewinner: Das ist ein guter Grund, sich kein Los zu kaufen.

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Unter den Lastern, die ich mir versage, ist das Glücksspiel. Unter anderem aus einem Grund, der abergläubisch klingen mag. Wer auf zufälliges Glück hofft, muss sich konsequenterweise genauso vor zufälligem Pech fürchten, und dazu habe ich keine Lust. Obwohl: Die Chance, aus 45 Zahlen die sechs richtigen zu erraten, ist ca. 1,2✕10–7, die Chance, mit einem Flugzeug abzustürzen, beträgt laut Experten ca. 7✕10–10, das ist schon ein Unterschied...

Egal. Ich tippe nicht, ich kreuze nicht an, ich gebe nicht ab. In dieser Verweigerung bestärkt mich ein jüngst plakatierter Werbeslogan eines Lotterieunternehmens: „Wochenende ohne Ende“ verspricht er dem Gewinner. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 7, 7, 7, 7, 7,... Oder: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 6, 7, 6, 7, 6, 7, 6, 7,... Was für eine seltsame Vorstellung: ein Ende, das nie endet, Endlichkeit und Unendlichkeit in einem.

Jedenfalls ziemlich sicher sehr fad. Höllisch himmlisch wie im Song der Talking Heads: „Heaven is a place where nothing ever happens.“ Wo sie nur das Lieblingslied spielen, wieder und wieder, die ganze Nacht. Oder wie in der grantigen südenglischen Vision von Morrissey: „Everyday is like sunday, everyday is silent and grey.“ Und das in einer „coastal town that they forgot to close down“, und noch fettigen Tee dazu, bis der Sänger bettelt: „Come, armageddon, come!“

Nein, so soll es nicht sein. Auch der endlose Sommer und der ewige Urlaub sind nicht wünschenswert, gerade weil wir uns Sommer und/oder Urlaub oft sehnlich wünschen. Das Gleiche gilt fürs dauerhafte Glück. (Fürs Liebesglück nicht, weil Liebe nie statisch sei, sagen manche, aber das ist wohl auch nur eine Illusion.)

„Jede Fortdauer einer vom Lustprinzip ersehnten Situation ergibt nur ein Gefühl von lauem Behagen“, schreibt Freud im „Unbehagen in der Kultur“. „Wir sind so eingerichtet, dass wir nur den Kontrast intensiv genießen können, den Zustand nur sehr wenig.“ Es folgt eine seiner berühmten Fußnoten: „Goethe mahnt sogar: ,Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen.‘ Das mag immerhin eine Übertreibung sein.“

Sagen wir: Eine Reihe ertragen wir gern, aber bitte eine endliche.


E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2013)

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