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Der Mann, der den Eisernen Vorhang durchschnitt

FALL DES EISERNEN VORHANG
1989: Mock und Horn durschneiden den Eisernen Vorhang
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Ungarns Ex-Premier Gyula Horn starb im 81. Lebensjahr. Gemeinsam mit Alois Mock, seinem damaligen österreichischen Amtskollegen, durchtrennte er im Juni 1989 in einem symbolischen Akt den Grenzzaun.

Einer der Symbolträger der Öffnung des Eisernen Vorhangs ist tot. Gyula Horn starb am vergangenen Mittwoch nach jahrelanger schwerer Krankheit im Alter von 81 Jahren in Budapest. Wer erinnert sich nicht daran, als am 27. Juni 1989 der damalige ungarische Außenminister Horn und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock den Eisernen Vorhang zwischen Ungarn und Österreich durchtrennten, der rund vierzig Jahre lang Europa, ja die ganze Welt in Ost- und Westblock teilte.

Horn war es auch, der im Namen der Übergangsregierung von Miklós Németh (1989-1990) im September 1989 ankündigte, die an der ungarisch-österreichischen Grenze harrenden DDR-Flüchtlinge in die Freiheit, sprich den Westen, zu entlassen. Und es war ebenfalls Gyula Horn, der im März 1990 gemeinsam mit dem damaligen sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse jenen Vertrag in Moskau unterschrieb, der den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn besiegelte.

Kommunistische Schattenseiten

Vor der Wende hatte der politische Lebensweg Horns aber auch ihre Schattenseiten. Seine Rolle zu Zeiten des real existierenden Sozialismus ist in Ungarn insofern umstritten, als er während des ungarischen Freiheitskampfes gegen die sowjetischen Besatzer 1956 auf Seiten des von Moskaus Gnaden installierten kommunistischen Regimes unter János Kádár zu den Unterdrückern gehörte. Horn zeigte zeitlebens keine Reue für 1956. Vor einigen Jahren erklärte er in einem Interview, dass er damals nur die „gesetzliche Ordnung" gegen die Aufständischen schützte.

Unmittelbar nach der Wende, im Mai 1990, übernahm Horn die Führung jener Ungarischen Sozialistischen Partei (MSZP), die aus der kommunistischen Staatspartei MSZMP hervorgegangen war. Während die MSZP bei den ersten freien Parlamentswahlen nur 33 Mandate erlangt hatte und ins politische Abseits gefallen war, führte Horn die Sozialisten bei den Wahlen 1994 zu einem Erdrutschsieg. Dank seines pragamtischen Stils und der geschickten Ausschlachtung der Kádár-Nostalgie im Land erlangte die MSZP unter seiner Führung 54 Prozent der Wählerstimmen. Zusammen mit den Liberalen, mit denen die Sozialisten 1994 eine umstrittene Koalitionsregierung bildeten, verfügte die Regierung Horn sogar über eine Zweidrittelmehrheit.

Technokrat

Trotz des Triumphs bei den Wahlen übten sich Horn und seine linksliberale Regierung in Zurückhaltung. Wohl wissend, dass es sowohl im In-als auch im Ausland viele Menschen gab, die eine „Rückkehr des Kommunismus" unter seiner Regierung befürchteten, gebärdete sich Horn weniger als Machtpolitiker denn als Technokrat, der sich in erster Linie auf die Sachpolitik konzentrierte. Auch indem er die Liberalen ins Regierungsboot holte, versuchte er all jenen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die seine demokratische Gesinnung infrage stellten.
Unter der Regierung Horn wurde zum einen die Privatisierung des staatlichen Vermögens rasant vorangetrieben, zum anderen wurde die Wirtschaft des Landes konsolidiert. Für die damalige wirtschaftliche Konsolidierung Ungarns steht nicht zuletzt der Name von Lajos Bokros, der als Finanzminister (1995-96) dem Land eine bis dahin beispiellose Rosskur verschrieb, unter der das ganze Land ächzte. Indes läutete das „Bokros-Paket" eine jahrelange Phase des galoppierenden Wirtschaftswachstums ein.

Im Inland umstritten, im Ausland geehrt

Obwohl die Sozialisten bei den Parlamentswahlen 1998 die meisten Stimmen erlangten, gelangten dennoch Viktor Orbán und dessen konservative Partei Fidesz ans Ruder. Ausschlaggebend war, dass Orbán die stimmenstarken Kleinlandwirte-Partei als Juniorpartner für sich gewinnen konnte. Kurz nach der überraschenden Wahlniederlage trat Horn als MSZP-Chef zurück und kehrte der Parteipolitk fortan nach und nach den Rücken. Gleichwohl blieb er eine graue Eminenz bei den Sozialisten. Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte Horn bei der Feier seines 75. Geburtstags, bei der auch der ehemalige sowjetische Präsident Mihail Gorbatschow anwesend war. Als Horn, bei dem sich schon damals die ersten Anzeichen seiner Erkrankung bemerkbar machten, wider Erwarten das Wort ergriff, musste der damalige ungarische Premier Ferenc Gyurcsány (2004-2007) persönlich einschreiten, um seinen zusammenhanglosen Redeschwall zu unterbrechen.

Angesichts seiner Teilnahme an der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands 1956 wurde Horn in Ungarn gleich zwei Mal (2002 und 2007) die Verleihung von staatlichen Auszeichnungen verweigert. Demgegenüber wurden ihm in Deutschland und Österreich als Anerkennung für seine Rolle zur Zeit der Wende mehrere Auszeichnungen zuteil.