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Götz Spielmann: "Die Welt ist das, was wir von ihr denken"

Goetz Spielmann Welt denken
Goetz Spielmann Welt denken(c) Fabry
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Jeder sei zu etwas berufen, meint der Filmemacher. Auch er selbst, wenn auch nicht immer. Geschichten erzählt er, um seine lebensbejahende Grundhaltung immer wieder aufs Neue zu überprüfen.

Was heißt für Sie Berufung?

Götz Spielmann: (Lacht.) Sie gehen ja gleich aufs Ganze.


Finden Sie?

Ich denke „Berufung“, das ist einer dieser Begriffe, die man klein macht, wenn man sie leichtfertig definiert. Ich habe keine intellektuelle Definition parat, aber vielleicht haben wir ja den Begriff am Ende unseres Gespräches genauer erfasst.


Ich glaube es ja für mich zu wissen.

Na, dann sagen Sie es mir.


Ich interviewe ja Sie. Also, fühlen Sie sich zu etwas berufen?


Immer wieder einmal. Nicht immer. Jemand, der sich ständig seiner Berufung gewiss ist, wäre ein Heiliger.


Ist denn jeder zu etwas berufen?

Natürlich. Aber nicht jeder erkennt die Berufung, hört den Ruf.


Vielleicht ist jemand, der seine Berufung nicht hört, kein Berufener.

(Lächelt.) Innerhalb kürzester Zeit befinden wir uns mitten in einem komplexen philosophischen Gespräch. Nicht ganz mein Metier. (Denkt nach.) Jene, die ihre Berufung nicht hören, leben eben diese Ebene ihrer Existenz nicht aus. Aber sie ist dennoch in ihnen drinnen , unrealisiertes und ungelebtes Potenzial.


Wissen Sie, wann Sie das erste Mal eine Berufung in sich gespürt haben?

(Lacht.) Eine intime Frage. Aber gut: Ja, das weiß ich. Mit etwa sechs Jahren hatte ich eine Erfahrung, die man als Berufung bezeichnen könnte. Ein glückhaftes, weites Gefühl für die Wirklichkeit. Aber nicht im Sinne einer späteren Berufswahl.


Thomas Mann fühlte sich zum Schreiben berufen. Keine andere Tätigkeit wäre für ihn denkbar gewesen.


Man kann das Wort Berufung aber auch umfassender begreifen. Dann hat es damit zu tun, wie man seine Arbeit macht, und nicht damit, welche Arbeit das tatsächlich ist.


Als ich ein Kind war, sagte meine Großmutter einmal zu mir: „Es ist egal, was du tust. Wenn du es mit Hingabe machst, wird dich alles zu interessieren beginnen.“ Ich hatte da stets meine Zweifel.

Eine kluge Frau. Sie hat recht. Wobei es eine hohe Forderung ist, ein oft unerfüllbarer Anspruch. Es ist eine Utopie.


Also ein unrealistischer Ansatz?


Den Stern, dem man folgt, kann man nicht erreichen. Dennoch ist er real, realistisch ihm zu folgen. Wie weit man eine Utopie realisieren kann, ist ja eine andere Frage. In einem Beruf wie dem meinen ist es leichter. Für die vielen Menschen, die keine Wahl haben, sondern gezwungen werden, um ihr Überleben zu kämpfen, ist es ungleich schwieriger. Aber nicht unmöglich.


Berufung ist ein großes Wort. Ist es Ihnen zu pathetisch?


Das nicht. Aber Vorsicht ist geboten: Wer sich mit seiner Berufung allzu sehr brüstet, wie mit Besitz, der hat sie nicht verstanden. Sie bläht ja das Ego nicht auf, im Gegenteil, sie stellt es in den Schatten. Das ist ja das Beglückende daran. Die Berufung erhebt einen nicht über andere Menschen, sondern sie stellt dich in den Dienst einer Sache. Einer Sache, die größer ist als das Ich.


Sie sind Filmemacher. Ein Beruf, oder eine Berufung?


Es hat Aspekte von beidem. Wenn man seine Arbeit tut, agiert man in den realen Umständen, man ist mit Behinderungen konfrontiert, muss Kompromisse machen, Umwege gehen. Die Welt ist, wie sie ist, und es ist ihr egal, ob du dich berufen fühlst. Mit dem gehe ich um und versuche, meine Grundhaltung wachzuhalten und nicht zu verraten.


Wie ist Ihre Grundhaltung?


Ich glaube daran, dass das Leben einen Sinn in sich birgt, so wie es ist. Das ist keine Ideologie, sondern ein radikal gesetzter Ausgangspunkt, ein Glaube. Mit den Geschichten, die ich erzähle, überprüfe, befrage ich diesen Glauben.


Sie überprüfen in Ihren Filmen Ihren Glauben daran, dass das Leben einen Sinn in sich birgt. Findet man nicht immer das, woran man glaubt?


Zu dieser Frage fällt mir so viel ein. Ich muss mich sammeln. (Sammelt sich.) Kurz gesagt: ja. Die Welt bestätigt uns immer in unserem Denken. Die Welt ist immer das, wie wir sie denken.


Ein konkretes Beispiel, bitte.


Wenn einer daran glaubt, die Basis der Evolution bestünde in Konkurrenz und Kampf, dann wird er in der realen Welt fortwährend Bestätigung dafür finden. Und sich entsprechend verhalten. Die Theorie beeinflusst unsere Wahrnehmung und diese bestätigt die Theorie.


Wenn ich also denke, es gibt keine Konkurrenz, werde ich sie auch nicht erleben?


Wenn jemand glaubt, dass die Kooperation die Basis der Evolution ist, was übrigens viel logischer ist, dann wird er sehen, wie viel Mitgefühl und Hilfsbereitschaft in der Welt ist. Und er wird sein Gewissen entdecken. Und seine Zufriedenheit, die seine Bedürfnisbefriedigung überschreitet.

Ihr Film „Revanche“ wurde 2009 für den Auslands-Oscar nominiert, er war ein Riesenerfolg. Im Herbst kommt Ihr neuer Film „Oktober November“ in die österreichischen Kinos. Wie lange haben Sie am Drehbuch geschrieben?

Unfassbar lange für meine Verhältnisse, sechs Monate etwa. Das lag auch daran, dass parallel die Arbeit hier zu tun war. (Anm.: Spielmann lehrt seit 2011 an der Filmakademie.) Vor allem aber war die Geschichte besonders fordernd, eine wagemutige Sache.


Inwiefern?


Die Geschichte ist nicht nach den herkömmlichen dramaturgischen Gesetzen aufgebaut. Da hat die Arbeit kein Sicherheitsnetz. „Revanche“ war dagegen ein sehr einfacher Film. Da wusste ich, dass er nicht schiefgehen kann.


Schon nachdem das Drehbuch fertig war? Sehr selbstbewusst.

Dass er dermaßen makellos wird, die Gewissheit gab es natürlich nicht. Aber wirklich scheitern konnte er auch nicht. Das weiß man schon.


Und wie erging es Ihnen bei der Entstehung von „Oktober November“?


Es war eine fordernde, schwierige Arbeit. Die Fallhöhe sehr groß, das Risiko hoch. Das führt zu Zweifeln, erhöht den Druck. Aber das war ja bewusst so gewählt.


Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?


Ja, ich bin glücklich mit dem Film. Er scheint mir gelungen.


Lassen sich Ihre Filme nach dem Erfolg von „Revanche“ leichter realisieren?

Ich denke, ohne „Revanche“ hätte ich dieses radikale Projekt nicht finanziert bekommen. Ich konnte meine Arbeit in eine Richtung erweitern, die für mich künstlerisch aufregend ist. Das mag ich. Ich hätte den Erfolg auch ökonomisch ausbeuten können, die Angebote dazu gab es, auch international.


Der Verführung mit einem US-Film viel Geld zu verdienen, der sind Sie nicht erlegen? Sie würden auch keine Folge von „Soko Kitz“ drehen?


(Zögert.) Nein, derzeit nicht. Es hätte aber auch sein können, dass ich auf diese Art meine Familie ernähren muss. Auch wenn sich meine Arbeit nicht nach materieller Profitmaximierung richtet. Wobei der Druck auf die Menschen und die Gesellschaft extrem steigt, genau das zu tun. Diese totalitäre Ökonomisierung der Gesellschaft ist absurd.


Woran denken Sie?


Wirtschaftsfragen werden zunehmend als das einzig Relevante propagiert. Sie dominieren alles. Es ist, als würde man die Verdauung zum Sinn und Zweck des Lebens erklären!  Ich denke hier an Banken, Konzerne, Teile der Politik, die jede Verelendung und Zerstörung in Kauf nehmen, nur um den Profit einer immer kleiner werdenden Schicht zu erhöhen. Diese Vergötterung des sogenannten freien Marktes. Eine Gesellschaft, die Wirtschaft über alles stellt, ist geisteskrank. Das sage ich mit Bedacht und das meine ich auch wirklich wörtlich.


Und wie kommen Sie in dieser Welt zurecht?

Sie beunruhigt mich, macht mich ratlos und besorgt. Auch wenn ich persönlich nichts zu klagen habe. Ich muss mich nicht entfremden, nicht in diesen Ungeist fügen. Ich kann meine Familie mit meiner Arbeit, die mir wichtig ist und vor meinem Gewissen standhält, durchbringen. Das ist ein großes Privileg. ?

Herr Spielmann, darf man Sie auch fragen . . .

1 . . . ob  Sie schnell sind im Beurteilen?
Nein. Ich halte den Zwang, ständig beurteilen zu müssen, für einen Defekt. Und es ist in den allermeisten Fällen völlig unnötig. Die Wurzel liegt in der Vergötzung des Intellekts. Jemand, der daran arbeitet, sein Ego zu verkleinern, wird notgedrungen weniger urteilen.

2 . . . ob Ihnen Ihre Lehrtätigkeit an der Wiener Filmakademie Spaß macht?

Sie macht mir Freude, manchmal Spaß. Ich habe das Gefühl, etwas geben zu können. Das ist ja der eigentliche Sinn der Arbeit. Das hat unsere Gesellschaft vergessen, dass es bei dem, was wir tun, viel mehr darauf ankommt, was man gibt, nicht was man dafür bekommt. Das sage ich nicht aus einem strengen Idealismus heraus. Geben ist einfach das bessere Leben.

3 ... ob Sie asketisch sind?

Nein, es hält sich im Rahmen. Aber ich wäre es gerne.