Russlands Gehirn fließt ab

(c) EPA (Sergei Ilnitsky)
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Wer agil und unternehmerisch ist, findet in Putins Russland nicht nur unzureichend Möglichkeiten, das eigene Potenzial zu realisieren. Er wird zunehmend daran gehindert. Als Ausweg bleibt die Emigration.

Schwer und wohl müßig zu eruieren, wer von beiden der größere Kapazunder ist. Der eine ein Computerhirn, das alle Konkurrenten der Welt hinter sich gelassen hat. Der andere ein Berater von Premier Dmitri Medwedjew sowie Rektor der Moskauer New Economic School (NES). Der eine, Schachweltmeister Garri Kasparow, eben 50 geworden, der andere, Starökonom Sergej Guriew, gerade einmal 41 Jahre alt. Was beide verbindet? Beide haben sich fluchtartig aus Russland verabschiedet.

Er ziehe es vor, in der Freiheit zu bleiben, meinte Guriew in Anspielung auf die gehäuften Durchsuchungen seiner NES durch Russlands entfesselte Ermittlungsorgane. Und Kasparow erklärte, er werde zumindest für eine gewisse Zeit nicht mehr zurückkehren, weil er wegen seiner aktiven Teilnahme an den Massenprotesten im Vorjahr ein juristisches Nachspiel fürchte.

Die Fälle mögen spezifisch sein, weil es sich um namhafte Leute handelt. Aber sie sind auch repräsentativ für eine neue Tendenz zur Emigration aus dem Riesenreich. Ganze 22Prozent wollen laut Meinungsforschungsinstitut Lewada-Centre den ständigen Wohnsitz ins Ausland verlagern. 2009, als die Wirtschaftskrise die von Jungpräsident Medwedjew forcierte Tauwetterperiode zu überschatten begann, waren es noch 13 Prozent.

Gewiss sitzen nicht alle auf reisefertigen Koffern, wie es die „Kofferstimmung“ vermuten lässt, von der man in diesem Zusammenhang spricht. Von einem festen Entschluss zur Ausreise berichtet nur ein Prozent der Befragten, und weniger als ein Prozent bereitet die nötigen Dokumente vor. Aber in einem Land mit 143 Mio. Einwohnern sind auch das über eine Million Menschen.


Lettland buhlt um Russen. Wer etwa jüdische Vorfahren hat, besorgt sich einen israelischen Pass. Wer auch den Zufall mitspielen lassen will, nimmt an der Verlosung von Greencards für die USA teil. Wer nur an seine Nachfahren denkt, fliegt zur Niederkunft in die USA und verschafft seinem Sprössling so die US-Staatsbürgerschaft. Wer direkt eine Aufenthaltsgenehmigung in der EU will, kauft gern eine Immobilie in Bulgarien. Zuletzt beliebt wurde wieder Lettland: Die Balten haben Gesetzesänderungen vorgenommen, die eine Aufenthaltsgenehmigung jenen schmackhaft macht, die eine Wohnung für 100.000 bis 200.000 Dollar kaufen, eine Firma im Land registrieren oder ein Bankkonto über 400.000 Dollar eröffnen.

Die neue Welle der Emigration ist nicht erst heuer ausgebrochen. Abzuzeichnen begann sie sich im Herbst 2011, als klar wurde, dass Wladimir Putin zu einer dritten Amtszeit in den Kreml zurückkehren werde. Seit er im Vorjahr dort wieder Platz genommen hat, fahren die Sicherheitsbeamten ein ungeahnt repressives Programm.

Dennoch, Putin ist nicht der alleinige Emigrationsgrund. Am meisten unzufrieden sind die Leute laut Umfrage allgemein mit den Lebensbedingungen und der instabilen wirtschaftlichen Situation. Abstoßend sind die Willkür der Machthaber und das Geschäftsklima. So ist es bezeichnend, dass neben den Studierenden gerade die Unternehmer die zweite Hauptgruppe sind, die an eine Emigration denkt.


Sogar Kremlloyale gehen. Was der Kreml als Faktum gelassen nimmt, weil durch den Exodus der Agilsten und Klügsten auch oppositionelle Bewegungen geschwächt werden, wie Lewada-Chef Lew Gudkow meint, lässt Experten Alarm schlagen, da ein weiterer Braindrain die Geschichte eines traurigen Jahrhunderts voller Antiintellektualismus und physischer Intellektuellenvernichtung fortzuschreiben droht. Heute gehen sogar Kremlloyale. Wie Wladimir Mau, Rektor der präsidentennahen Akademie für Volkswirtschaft, erklärt, ist die jetzige Welle gekennzeichnet davon, dass die bereits Erfolgreichen gehen – und zwar, damit es ihnen woanders noch besser geht.

Dabei herrscht zu Hause gerade bei Facharbeitern und im Management ein eklatanter Mangel. Dafür muss man gar nicht erst das dem Schriftsteller Nikolaj Gogol zugeschriebene Bonmot bemühen, demzufolge Russland an zwei Übeln – den schlechten Wegen und den Dummköpfen – laboriere und das vom Chef der landesweit größten Bank Sberbank, Herman Gref, mit „schlechter Infrastruktur und schlechtem Management“ in die heutige Zeit übersetzt wurde. Bände spricht, dass der vom einst so gefeierten Russlandgeschäft mittlerweile enttäuschte Strabag-Chef Hans-Peter Haselsteiner im Interview mit dem „Trend“ kürzlich sagte, „der eklatante Mangel an tauglichem Management“ sei einer der drei Hauptgründe dafür, „dass Russland viel, viel schwieriger ist, als wir es eingeschätzt haben“.

Dementsprechend flüchtet übrigens auch das Geld. Über 350Mrd. Dollar sind seit 2008 abgeflossen, was neben der Eurokrise dem schlechten Geschäftsklima, darunter der Korruption, geschuldet sei, wie Zentralbank-Chef Sergej Ignatiev sagt. 2013 werde der Abfluss weiterhin „sehr stark bleiben“, und bislang gebe es keinerlei Tendenz zu seiner Verringerung.

Beim Braindrain auch nicht. Wo ihre Schätze hinfließen, dorthin folgt nicht nur der Russen Herz. Es folgt der ganze Mensch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2013)

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