Das Donauinselfest ist 30 Jahre alt geworden. Irgendwie graut einem davor, sich wieder durch die Menschenmassen zu wälzen - aber irgendwie hat man es doch sehr lieb gewonnen.
Es ist ein bisschen so wie der Besuch der alten Tante, die einmal im Jahr für ein paar Tage vorbeischaut. Irgendwie graut einem davor, aber irgendwie freut man sich dann doch immer wieder darauf. Die alte Tante, das ist in diesem Fall das Donauinselfest. Und der Besuch, der findet dieses Wochenende statt. Was wird die Tante diesmal erzählen? Die alten Geschichten, die man schon so oft gehört hat? Die man fast schon auswendig mitsprechen kann, wenn sie von damals erzählt. Ja, man hat Wolfgang Ambros schon vor Jahrzehnten auf der Donauinsel singen gehört, hat wunderbare Abende vor der großen Bühne verbracht, hat sich gemeinsam mit 80.000 anderen bei Rainhard Fendrich dazu hinreißen lassen, lauthals „I am from Austria“ mitzugrölen. Und irgendwo im Hinterkopf hat man auch noch das legendäre Falco-Konzert 1993, als man sich gemeinsam mit 150.000 Menschen plötzlich in einem Gewitterschauer wiederfand. Und so wie man sich als Kind freute, als die echte Tante die neue Schallplatte von Shakin' Stevens mitbrachte, so sehr freute man sich auch, als genau dieser Held der Jugend 2003 plötzlich beim Donauinselfest leibhaftig zu sehen war.
Zentimeterweises Vorankommen. „Oh, so groß ist er schon geworden“, dazu das Streicheln durch die Haare, das am Anfang noch nett war, doch ab einem gewissen Alter war diese obligate Geste der Tante ein wenig unangenehm. Man war ja kein kleines Kind mehr. Und genauso fühlt es sich heute zeitweise an, über die Insel zu gehen. Früher war es noch so aufregend, die vielen Menschen, das zentimeterweise Vorankommen, der Slalom zwischen Bierbecher und Langos. Doch die Faszination hat nachgelassen. Ein bisschen Ruhe, ein bisschen weniger Menschen rundherum – bei der echten Tante kann man sich kurz entschuldigen, zum Luftschnappen ein paar Minuten in ein anderes Zimmer gehen. Auf der Donauinsel fällt das gelegentlich schwer.
Wenn die alte Tante ihre Geschichten erzählt, spricht sie nicht mehr so klar wie früher, springt von einem Thema zum nächsten. Das Zuhören ist schwieriger geworden. Aber auch das gibt es auf der Donauinsel. Wenn das eine Ohr schon den Rock 'n' Roll der Band von der einen Bühne hört, während im anderen noch die Techno-Beats vom Cocktailstand nebenan mitschwingen, unterlegt vom permanenten Grundrauschen der Besucher, die mitsingen, schunkeln, sich liebevoll um den betrunkenen Freund kümmern, der vor der Hitze kapituliert hat.
Orange statt rot. Jägermeister galt früher als Getränk für ältere Menschen, wahrscheinlich hatte die alte Tante früher auch einen in ihrer Bar stehen – mittlerweile ist er als Partydrink überall dort bekannt, wo es voll, laut und spektakulär ist. Längst sieht man öfter das Logo mit dem Hirsch auf dem Fest als die Insignien der Wiener SPÖ, die das Fest veranstaltet. Ja, natürlich wird Alkohol getrunken, auch das gehört zum Volksfest. Doch der Exzess ist mitnichten ständiger Begleiter, da sind Eltern mit ihren Kindern – tagsüber sitzen die Kleinen auf den Schultern, abends liegen sie in eine Decke gehüllt auf der Festwiese, während die Eltern Amy Macdonald beklatschen und sich von den Ö3-Moderatoren zu Jubelrufen, rhythmischem Klatschen und „Ö3“-Rufen animieren lassen. Mit der alten Tante sitzt man bei Kaffee und Kuchen am Esstisch – die Festwiese auf der Donauinsel ist ähnlich, nur mit etwas mehr Menschen.
Als man klein war und die Tante mit den Erwachsenen reden wollte, da ging man ins Kinderzimmer. Auch das hat sich auf eine gewisse Art auf der Insel bewahrt – mit all den Bühnen, bei denen die Tante den Kopf schütteln würde. Hip-Hop am Freitag, Indie-Rock von Maximo Park am Samstag – da nimmt man die Alten nicht mit. Die können sich derweil ja auf der Schlagerbühne unterhalten lassen.
Mit der Zeit hat man sich all das erzählt, was es zu bereden gab, hat mit der alten Tante Fotoalben angeschaut, ist durch die alte Wohngegend spaziert. Und die Luft ist merkbar draußen. Natürlich, man hat noch nette Gespräche, isst guten Apfelstrudel, aber man weiß, dass die alte Tante am nächsten Tag wieder weg sein wird. Auf der Donauinsel ist es ähnlich. Noch ein Hotdog hier, eine Band da, aber im Hinterkopf ruft bereits der Montagmorgen. Es wird langsam Zeit, sich zu verabschieden. Auf Wiedersehen, alte Tante! Auf Wiedersehen, Donauinsel. Wieder ein Jahr überstanden. Aber nächstes Jahr kommt sie ja hoffentlich wieder. War bis jetzt immer so.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2013)