Seit 50 Jahren steht das Jagdkommando des Bundesheeres als Eliteeinheit für Einsätze bereit. Wenn es die Politik will.
Es ist unerträglich heiß. Die Luft über dem Asphalt flimmert, die Gesichter glänzen vor Schweiß – viel schlimmer kann es auf dem Golan eigentlich auch nicht sein. Vielleicht gefährlicher, aber zurückziehen würde sich deswegen keiner dieser Soldaten. Denn für gefährliche Einsätze werden die Männer, die hier in der Hitze stehen, ausgebildet. „Numquam retro“ steht auf dem Uniformabzeichen mit den gekreuzten Gewehren und dem Schwert. „Niemals zurück“ lautet das Motto des Jagdkommandos – es sei denn, die Politik befiehlt es.
Der Abzug der österreichischen Soldaten vom Golan ist weltpolitisch ein heikles Thema: Auf dem Prüfstand steht die Frage, wie sehr man sich auf Österreich verlassen kann, und somit die gesamte österreichische Außenpolitik. Und es ist ein heikles Thema für die Soldaten – militärisch und menschlich. Vor allem für die, die hier auf einem Übungsplatz in der Nähe von Wiener Neustadt mit scharfer Munition auf Pappfiguren schießen. In Internetforen macht man sich über das österreichische Bundesheer lustig und spottet über die „Weicheier“, die schon bei kleinsten Gefahren fliehen und heim zu Mama wollen. Nur die klügeren User und aufmerksameren Leser der besseren Tageszeitungen kennen die politischen Hintergründe.
Aber die sind relativ egal, wenn es um die militärische Ehre geht. Gerade beim Jagdkommando, Österreichs einziger Eliteeinheit des Bundesheeres. Die Männer (in 50 Jahren absolvierte nur eine Frau, eine Tirolerin, den Kurs) haben viel geschwitzt, hart trainiert, sind sechs Monate durch eine brutale Grundausbildung gegangen und zweieinhalb weitere Jahre durch eine nicht minder brutale Spezialausbildung. Sie können bei Nacht aus einem Flugzeug springen, können Geiseln aus der Hand von Terroristen befreien, Gegner mit ein paar Handgriffen kampfunfähig machen, sie treffen auf hunderte Meter ein handtellergroßes Ziel, sie können unbemerkt durchs Wasser tauchen – und wofür das alles, wenn dann bei geringsten Problemen zum Rückzug geblasen wird oder man auf die Fähigkeiten erst gar nicht zurückgreift?
Einsatz im Tschad. Horst Hofer sitzt in seinem Büro im dritten Stock der Maximilian-Kaserne und lächelt breit unter seinem Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart. Die Erfahrung hat das Militär gelehrt, dass man sich zu politischen Fragen besser nicht äußert. Nur so viel sagt der Kommandant des Jagdkommandos: „Das ist wie bei der Feuerwehr: Man muss ständig üben, um dann im Krisenfall einsatzbereit zu sein.“
Wie oft der Krisenfall für die Kommandoeinheit eintritt? Auch darauf erntet man nur ein Lächeln. Auf dem Schreibtisch des Kommandanten steht eine kleine Statue des Erzengels Michael, des Schutzheiligen der Soldaten. Sie erklärt mehr, als der Oberst sagen will: Denn das Jagdkommando ist nicht nur die einzige Eliteeinheit des Heeres, sie ist auch die einzige, die immer wieder im echten Kampfeinsatz ist.
Ausgerechnet der unmilitärischste aller Militärchefs, der ehemalige Verteidigungsminister Norbert Darabos, entsandte 2008 ein Kontingent des Bundesheeres auf die bisher vermutlich gefährlichste Mission in den Tschad. Das Ziel des EU-Einsatzes war der Schutz der zehntausenden Flüchtlinge. Bei dem Einsatz gerieten einige Mitglieder des Jagdkommandos unter Feuer, sie schossen zurück und töteten angeblich mehrere Angreifer. Kommentieren will das niemand.
Das war einer der offiziellen Einsätze. Andere führten nach Albanien, Afghanistan und in den Kosovo. Wohin inoffizielle Einsätze die Soldaten führten, will man nicht sagen. Weil die Einsätze geheim sind; weil die Umstände, unter denen sie stattfanden, vielleicht nicht hundertprozentig legal waren; weil man nicht Taktiken und Einsatzmöglichkeiten verraten will; und auch, um die Mitglieder nicht zu gefährden.
Man steht nicht gerne in der Öffentlichkeit, auch wenn man heuer das 50-Jahr-Jubiläum feiert und dafür sogar einen „Tag der offenen Tür“ veranstaltete (Vorführungen gibt es auch diesen Freitag und Samstag bei der Air Power in Zeltweg). An den Uniformen der Soldaten fehlt auf der rechten Seite das Klettband mit dem Namen, fotografieren lässt man sich nicht gerne und auch am Stammtisch kann man nur bedingt angeben, weil „viel unter die Geheimhaltung fällt“, meint Hofer.
Etlichen Mitgliedern sind die Möglichkeiten, die ihnen in Wiener Neustadt geboten werden, nicht genug. Früher, erzählt man sich, hätten viele bei der Fremdenlegion angeheuert. Heute sind es private Sicherheitsfirmen, bei denen gut ausgebildete Elitesoldaten gefragt sind. Alt werden beim Jagdkommando wenige, die meisten wechseln nach einigen Jahren zu anderen Einheiten des Heeres.
An Nachwuchs mangelt es nicht: Wer beispielsweise 5000 Meter in 24 Minuten laufen kann, drei Klimmzüge schafft, 300 Meter in Hemd und Hose schwimmen kann und einen psychologischen Test besteht, darf zum Grundkurs antreten. Von den 70, 80 Personen bleiben freilich nach zwei Jahren vielleicht zehn, 15 übrig. Doch die seien bereit, „ihr Leben für die Mission einzusetzen“, sagt Hofer. Wenn sie denn von der Politik dazu aufgefordert werden. Vornehmlich in Nicht-Wahljahren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2013)