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Schmerzliche Bekanntschaften im Wasser

(c) EPA (Franco Silvi)
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Ein starker Schmerz, ein höllisches Brennen - wem solch böse Überraschung beim Schwimmen oder Waten im Meer widerfährt, der könnte in Hautkontakt mit Quallen, Seeigeln oder Stachelrochen gekommen sein. Wie kann man vorbeugen?

Auf diese Art von Urlaubsbekanntschaft kann wohl jeder gerne verzichten: auf einen Kontakt mit Quallen, Seeigeln oder Stachelfischen. Wie kann man sich schützen vor derlei unliebsamen Wassergesellen und was sollte man tun, wenn es dennoch zu schmerzhaften Berührungen mit einem von ihnen gekommen ist?

„Eine der falschesten Maßnahmen, die man nach einem Quallenkontakt treffen kann, ist es, mit Süßwasser zu duschen“, warnt der bekannte Tropenexperte Heinrich Stemberger, Leiter des Wiener Instituts für Reise und Tropenmedizin. Denn Süßwasser kann die Beschwerden verschlimmern, weil es auf der Haut befindliche Nematozysten erst aktiviert. Das sind Nesselkapseln, die eigentlichen Waffen der Quallen, die sich zu Tausenden auf deren Tentakeln befinden und über die sie ihre Gifte mit Hochdruck explosionsartig in die (menschliche) Haut schießen. Und das können auch noch tote Quallen, die von Schiffsschrauben erfasst und deren Tentakel an den Strand gespült worden sind. Auch an Land lauert also mitunter Quallengefahr.

Nicht mit Süßwasser duschen. Im Wasser sind diese gallertartigen Organismen mehr oder weniger in allen Meeren vertreten. Da reicht schon ein Urlaub an der Adria – wenn es dann plötzlich brennt, hat man wahrscheinlich gerade mit einer Feuerqualle Bekanntschaft gemacht. In diesem Fall sollte man also nicht gleich mit Süßwasser duschen, sondern vorher die Tentakel, die meist noch an der Haut haften, mit Meerwasser oder Essig abspülen. „Man könnte sie auch mit einem Handtuch und trockenem Sand abreiben“, sagt Thomas Löscher, Vorstand der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin der medizinischen Universitätsklinik München.

Feuerquallen sind – wie die meisten ihrer Artgenossen – für den Menschen keine ernsthafte Gefahr. Kontakt mit ihnen verursacht meist einen brennenden Schmerz, Hautrötungen, Blasen, mitunter gibt es aber auch tiefere Wunden, Gewebszerstörung und vielleicht sogar störende Narben. Als wirkliche Bedrohung kann sich aber die portugiesische Galeere entpuppen, die sich im Pazifischen Ozean genauso findet wie vor den Kanarischen Inseln, vor Portugal und in der Karibik. Ihre Tentakel können bis zu zehn Meter lang werden, ihr Gift zu (Atem-)Lähmungen und mitunter sogar zum Tod führen. Tödlich kann auch ein Zusammentreffen mit einer bestimmten Spezies der Würfelqualle enden, die vor allem vor Australien und Thailand anzutreffen ist.

Das extrem starke Gift dieser Quallen ist jedoch äußerst hitzelabil. „Man kann es abtöten, wenn man die betroffene Stelle so heiß wie möglich duscht. In diesem Fall ist also Süßwasser angebracht“, sagt Tropenexperte Stemberger. „Prinzipiell kann man sich vor Quallen mit dem in Israel entwickelten Mittel Safe Sea schützen. Man trägt es auf die Haut auf und kann so weitgehend verhindern, dass Quallengift in den Körper injiziert wird.“


Schuhe gegen Seeigel. Einen Schutz vor allen möglichen Stacheln bieten Badeschuhe, „aber mit einer festen Sohle“, sagt Thomas Löscher. Ist man ohne Schuhe unterwegs, kann einem selbst der friedliebende Seeigel Probleme bescheren. Zu einer Konfrontation zwischen Stachelhäuter und Mensch kann es in quasi allen Meeren kommen, häufig bleiben Stacheln in der Sohle als unliebsame Erinnerung. Sie sollten so schnell wie möglich mit einer Pinzette aus der Fußsohle entfernt werden. Bricht – was leicht passieren kann – der Stachel ab, empfehlen sich Spülungen mit heißem Wasser, so kann der Stachel möglicherweise aufgelöst werden. Vorsorgliche Desinfektion schadet auch nicht – wenn nichts anderes vorhanden ist, einfach mit hochprozentigem Alkohol.

Stichwort Infektion durch Stacheln: Stemberger rät zum Antibiotikum Josamycin im Reisegepäck. „Das ist deswegen so gut, weil es sich besonders stark in der Haut anreichert, also gleich am Ort des Geschehens eingreift.“ Wenn Hand oder Fuß nach Seeigel-Kontakt oder selbst nach nur einem Mückenstich anschwellen oder Entzündungen zeigen, soll zu Josamycin gegriffen werden. Eitrige Geschwüre im Urlaub lassen sich damit in der Regel vermeiden.

Keineswegs ein Ferientraum ist auch Hautkontakt mit stachelbewehrten Fischen, die in fast allen Meeren heimisch sind. „Stachelrochen vergraben sich gerne im Sand, auch im seichten Wasser, auch schon im nahen Mittelmeer, und wenn man draufsteigt, schlägt der Fisch mit dem Schwanzstachel peitschenartig nach oben aus, es gibt also schmerzhafte Verletzungen im Unterschenkelbereich“, sagt Stemberger. „Das kann saumäßig wehtun, ist aber nicht lebensgefährlich.“

Letales Gift enthalten indes die Stacheln in den Rückenflossen eines Steinfisches. Wer damit – beispielsweise beim Waten im Wasser an der Ostküste Afrikas oder im indischen Ozean – brennende Bekanntschaft macht, sollte so schnell wie möglich aus dem Wasser kommen und ein heißes Fußbad nehmen. „Eventuell mit 40 Grad beginnen und immer heißeres Wasser dazuschütten, denn die Hitze zerstört das Gift sofort“, weiß Stemberger.

Karibik-Urlaubern in spe sei noch ein Fischverzehr-Tipp mit auf die Reise gegeben: „Wenn das Meer eine grünlich oder rötliche Färbung aufweist, besser keinen Fisch essen“, rät Löscher. Die Farbe stammt dann meist von gewissen Algen, deren Gift Ciguatera die Fische aufnehmen. Das Gift übersteht auch Kochen oder Braten und gelangt beim Fischverzehr in den menschlichen Körper. Der reagiert im besten Fall „nur“ mit Magen- und Darmproblemen.

Nervenstörung nach Fischgenuss. „Sehr häufig folgen aber Nervenstörungen wie ein Kribbeln um den Mund und im Gesicht, teilweise auch an den Händen. Das kann Wochen oder Monate anhalten“, weiß der Experte. Und wenn jemand dann an einem heißen Tee nippt und glaubt, es handle sich um Eiswasser und beim Trinken von kaltem Bier das Gefühl hat, sich zu verbrennen, kann das ebenfalls Folge dieses Algengifts sein. Sehr starke Vergiftungen führen auch zu lebensbedrohlichen Atemlähmungen. Menüvorschlag daher von Löscher: Besser kleinere Fische essen und vor allem Raubfische, allen voran Barracudas, eher meiden – besonders, wenn sich das Karibische Meer rötlich oder grünlich präsentiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2013)