An seinem 70. Geburtstag spielte Klaus Maria Brandauer im Burgtheater Becketts „Das letzte Band“ in der Inszenierung Peter Steins, langsam und eindringlich. Dann wurde er auf der Bühne öffentlich gefeiert.
„Zwei Bananen, das stimmt!“, murmelte eine Dame im Publikum, als sich Klaus Maria Brandauer in der Rolle des Krapp das zweite Mal eine Banane in den Mund steckte und, wie's in der Regieanweisung Samuel Becketts heißt, „regungslos verharrte, vor sich ins Leere starrend“. Die Wortmeldung der Theaterbesucherin belegt, dass Becketts „Das letzte Band“– wie „Warten auf Godot“ und „Endspiel“ – längst zum Klassiker geworden ist. Für dieses Stück werden die Theater dieser Welt noch lange ein Tonbandgerät im Fundus behalten müssen. Man kennt die rituellen Handlungen, die Wiederholungen und Variationen, man weiß, dass Krapp auf der ersten Bananenschale ausrutschen und die zweite weit wegwerfen muss, man wartet geduldig darauf, dass später die Stimme des jungen Krapp vom Tonband sagt: „Habe gerade, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, drei Bananen gegessen und mich nur mit Mühe einer vierten enthalten können.“
Wartet man gern? Wird die Zeit nicht erdrückend lang, wenn ein Schauspieler die Rituale, die Beckett vorschreibt, bedächtig ausspielt? Dazwischen wirklich lange ins Leere starrt? Geht da nicht die Slapstick-Qualität des Beckett-Theaters verloren? Der Autor dieser Zeilen hat gern behauptet, dass man Beckett nicht langsam spielen soll, zuletzt anlässlich einer Robert-Wilson-Inszenierung von „Krapp's Last Tape“ in St. Pölten. Das muss revidiert werden. Zumindest diesen Beckett kann man langsam spielen. Wenn man ihn so einfühlsam spielen kann wie Klaus Maria Brandauer. Wenn man die Liebesgeschichten des jungen Krapp, den Abschied von der Liebe, um den es ja geht, ernst nimmt, so wie sie der alte Krapp ernst nimmt, gebrochen in Resignation.
„Beste Jahre“ in der Vorvergangenheit
Dabei drosselt Brandauer das Tempo anfangs fast brutal. Er dreht die Bewegungen auf Zeitlupe, nimmt damit die Zeit selbst unter die Lupe, die 30 Jahre, die verflossen sind, seit Krapp das Tonband besprochen hat, das er sich nun wieder und wieder anhört, die Vergangenheit beschwörend und damit sein junges Ich, das auf ein noch jüngeres Ich zurückblickt, auf die „besten Jahre“, die nun in der Vorvergangenheit liegen.
„Hörte mir soeben den albernen Idioten an, für den ich mich vor 30 Jahren hielt“, sagt der alte Krapp auf sein neues – letztes? – Band: „Kaum zu glauben, dass ich je so blöde war. Diese Stimme!“ Diese Passage bezieht ihre Komik auch daraus, dass just der alte Krapp eine seltsame, alberne Stimme hat, als „krächzend“ beschreibt sie Beckett, Brandauer wählt einen senilen, quiekenden, leicht singenden Tonfall. Auch das passt. Regisseur Peter Stein, der diese Inszenierung im März in Neuhardenberg (Brandenburg) herausgebracht hat, hat, wohl um das Clowneske dieses Spiels zu unterstreichen, Brandauer eine Knollnase aufgesetzt. In der englischen Originalversion (1958 uraufgeführt) war eine rote Clownnase vorgeschrieben, für die deutsche Erstaufführung (1959) strich Beckett dieses allzu offensichtliche Attribut. Dass Stein es wieder eingeführt hat, ist vielleicht der einzige Fehler dieser Inszenierung: Brandauer braucht die falsche Nase nicht, sie stört die Wahrhaftigkeit, mit der er die Tragikomik des alten Krapp darstellt, in genau der richtigen Mischung aus Lächerlichkeit und Würde, Trauer und Resignation.
Und aus Spiel und Ernst. Wie gut das funktionierte, zeigte die Passage, in der Brandauer – nachdem er umständlich die Lade aufgesperrt hatte, aus der er die Bananen holte, auch das ein Rückgriff aufs englische Original – zu husten begann. So suggestiv, dass Zuseher ebenfalls ihre Kehlen sprechen ließen, worauf Brandauer die provozierten Huster dirigierte . . . Ein schöner Moment von Mitmach-Theater.
70. Geburtstag auf dem Thron
Den eineinhalb Stunden in allen Details stimmigen Theaters folgte eine legerere Inszenierung: Klaus Maria Brandauer ließ sich zu seinem 70. Geburtstag auf der Bühne feiern, ohne die Nase des 69-jährigen Krapp abzunehmen. „Eigentlich“, so erklärte er, „wollte ich alte Säcke noch nicht spielen.“
Nachdem die Bananenschalen weggekehrt waren, kam ein Thron auf die Bühne, auf dem Brandauer, der ab Dezember unter Steins Regie im Burgtheater den König Lear spielen wird, quer Platz nahm. Er habe „alles erreicht, was man erreichen kann“, bescheinigte ihm Direktor Matthias Hartmann mit hörbar angeschlagener Stimme: „Es gibt keinen Größeren!“ Brandauer antwortete mit dem Bekenntnis, er habe nie von etwas anderem geträumt als vom Theater. „Da muss ich hin. Da bin ich. Vielen Dank.“
Betriebsrätin Dagmar Hölzl überreichte Brandauer den „Ehrenring des Burgtheaters“, Ensemblesprecher Roland Koch einen gigantischen Hortensienstrauß. Gerhard Blasche, der künstlerische Generalsekretär, überbrachte die Gratulation des Bundespräsidenten, der seine Abwesenheit damit erklärte, dass er in Lienz, Osttirol, weile, was Brandauer sichtlich amüsierte – und zur Erzählung animierte, dass einmal in Aussee ein Stier dem Präsidenten ein Horn vor die Brust gestoßen habe, was er als Ausseer besonders bedauere . . .
„Happy Birthday“, als „altes österreichisches Volkslied“ vorgestellt, kam so holprig daher, wie sich das gehört. Hoffentlich hat es jemand auf ein Band aufgenommen, das man zum 80. wieder abspielen kann.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2013)