Nitsch könnte nicht Brot und Wein statt Fleisch und Blut verwenden

In Leipzig durften für eine Nitsch-Aktion keine Tiere eigens geschlachtet werden. Und das Fleisch durfte nachher nicht verzehrt werden. Das provoziert seltsame Fragen.

Jetzt hat das Drei-Tage-Fest des Hermann Nitsch also doch stattgefunden in Leipzig, allerdings nicht mit eigens geschlachteten Tieren, sondern mit im Handel erworbenem Fleisch: Tierteilen, die zusammengenäht wurden, um ganze Kadaver zu ergeben, wie sie für ein Orgien-Mysterien-Theater gebraucht werden.

Schuld an dieser substanziellen Änderung des Rituals war eine Interpretation des Tierschutzgesetzes, dem zufolge Tiere nur aus „vernünftigem“ Grund getötet werden dürfen: Darunter falle das Ansinnen, ihr Fleisch zu verzehren, nicht aber die Verwendung in einer Kunstaktion. Was die Frage aufwirft, ob das Adjektiv „vernünftig“ überhaupt je auf Kunst passen kann...

Auf jeden Fall hat die gefundene Lösung etwas Augenzwinkerndes an sich: Die Orgien-Mysterien-Meister mussten Fleisch kaufen, als ob sie es zum Verzehr brauchen würden, dann aber etwas anderes damit aufführen. Wobei üblicherweise das bei einer Nitsch-Aktion verwendete Fleisch dann doch verzehrt wird – im Rahmen des Festes. Genau das war in Leipzig nicht möglich: Das Veterinärinstitut hatte – lange vor der Intervention des Bürgermeisters – erklärt, dass das Fleisch aus hygienischen Gründen nicht gegessen werden dürfe. Zumindest nicht von Menschen: Es wurde als Tierfutter verwendet.

Wie vieles an den Nitsch-Ritualen an religiöse Formen angelehnt ist, hat auch dieses Problem ein religiöses Pendant: Wird das einer Gottheit geopferte Fleisch (danach) von Menschen verzehrt? Bei einem Brandopfer, bei dem ein Tier ganz verbrannt wurde, war das naturgemäß nicht möglich. Bei anderen antiken Opferformen war das Opfer nur symbolisch, das gesamte Tier wurde von den Opfernden verzehrt. Und es gibt Mischformen, z.B. das Sebach Schlamim der Juden: Dabei wurden Fett und Nieren des Tieres auf dem Altarherd verbrannt, der Rest wurde von den Opfernden/Feiernden gegessen.

Im Christentum hat das Opfer eine völlige begriffliche Wende durchgemacht: Nicht mehr die Menschen opfern Tiere, um Gott zu versöhnen, sondern Gottvater opfert seinen Sohn, um die Menschen von ihrer Schuld – von der „Erbsünde“ – zu befreien. Freud entdeckte in dieser Schuld einen urzeitlichen Vatermord, den die „Brüderschar“ begangen habe. Zuerst habe das Opfertier (Totem) den ermordeten Vater symbolisiert. In der christlichen Kommunion werde „die alte Totemmahlzeit wieder belebt, in welcher nun die Brüderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters, genießt, sich durch diesen Genuss heiligt und mit ihm identifiziert“.

Im christlichen Abendmahl stehen Brot und Wein für Fleisch und Blut des Gottessohnes: Ob sie sich wirklich verwandeln (Transsubstantiation) oder „nur“ als Symbole zu verstehen sind, ob Blut und Fleisch „realpräsent“ oder „idealpräsent“ sind, ist unter den christlichen Kirchen umstritten. Wobei auch der konservativste Katholik wohl nicht glaubt, dass eine chemische Analyse des Abendmahlsweins nach der Wandlung ergeben würde, dass es sich um Blut handelt. Das Wort „real“ hat hier eine andere Bedeutung, als wir Bürger einer naturwissenschaftlich geprägten Ära ihm geben. Das Reale ist für Christen immateriell.

Darf man noch eine Analogie zum Theater von Nitsch wagen? Man könnte fragen, ob es möglich wäre, in einem Drei-Tage-Fest das Fleisch durch eine – täuschend ähnliche – Nachbildung (womöglich aus Brot) und das Blut durch einen roten Saft (womöglich Wein) zu ersetzen.

Ich würde glauben: nein. Die „Feier des Lebens“, das „Fest der Sinne“, die Feier des „Seins des Weltalls“, von denen Nitsch gern spricht, sind grundsätzlich diesseitig: Das Reale ist für Nitsch das Materielle. Darum muss er beim Fleisch bleiben, egal, ob seine Anhänger und Gäste es nach dem Ritual essen oder nicht.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2013)

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