Frauenkongress 1865. Die erste Feuilletonistin der „Presse" über den „heillosen Grundsatz", ein Mädchen wisse genug, wenn es sich nur einen Mann zu erobern verstehe.
[4. November 1865] Die Nachricht von dem Frauenkongress, der vor Kurzem in Leipzig stattfand, mag bei manchem ein spöttisches Lächeln hervorgerufen haben; damit ist aber noch keineswegs bewiesen, dass dieses Lächeln am rechten Platz war. Nur die Oberflächlichkeit kann sich über die Bedeutung der Fragen täuschen, die dort zur Beratung kamen. Es handelt sich um nichts Geringeres, als der von Jahr zu Jahr wachsenden Zahl alleinstehender, auf sich selbst angewiesener Frauen den Weg zur Gründung einer unabhängigen Existenz zu bahnen.
Nicht von törichten und unsauberen Emanzipationsgelüsten ist hier die Rede, sondern von dem Recht jeder menschlichen Kreatur, die ihr verliehenen Fähigkeiten zu ihrem eigenen wie zum Nutzen der Gesamtheit zu verwerten. Wer kennt nicht die Redensarten, mit denen die sozialen Pharisäer jeden Versuch des Weibes, sich durch Arbeit eine Stellung zu erringen, als unstatthaft zurückzuweisen pflegen? Die Nichtigkeit ihrer Einwürfe braucht kaum bewiesen zu werden; Tag für Tag finden sie ihre, nicht selten tragische Widerlegung.
Wir haben es zur Genüge gehört, dass das Weib nur für den engen Kreis der Häuslichkeit geschaffen sei, dass es seiner Bestimmung untreu werde, wenn es etwas anderes sein wolle als Gattin und Mutter; auch die tiefsinnige Bemerkung, dass es durch ernste Tätigkeit, sobald diese nach anderen Zielen strebt, seinen eigentümlichsten Reiz einbüße, ist uns sattsam bekannt. Ihr weisen Ratgeber! Ihr strengen Warner! Wird es jedem Mädchen so gut, das Haus der Eltern nur zu verlassen, um das eines geliebten Mannes zu betreten? Oder glaubt ihr wirklich, es existiere ein zurechnungsfähiges weibliches Wesen, das aus freier Wahl mit Sturm und Wogen kämpfte, wenn ihm der Hafen einer beglückten Häuslichkeit offenstände?
Emanzipation durch Bildung
Tatsache ist es, dass auch in unserem als patriarchalisch gepriesenen Deutschland die Zahl der Ehelosen in fortwährender Progression begriffen ist und dass alle persönlichen Vorzüge nicht mehr hinreichen, ein Mädchen vor dem Los des Sitzenbleibens zu bewahren. Niemand kann dieses Factum leugnen, dennoch pflegt man es bei der Erziehung der Mädchen gänzlich außer Acht zu lassen. Von Kindheit an wird ihnen durch alles, was sie sehen und hören, der Glaube eingeprägt, es gebe für ein weibliches Wesen kein anderes Lebensziel, als nur unter die Haube zu kommen.
Keine Macht der Erde vermag die Stellung der Frauen plötzlich umzugestalten; sie ist die Folge einer verkehrten Erziehung, die es ganz unterlässt, sie für das praktische Leben auszubilden. Im Allgemeinen lehrt man die Mädchen zwar eine Menge Dinge, aber fast nichts so gründlich, so systematisch, dass sie wirklich Vorteil daraus ziehen könnten. Bevor hier nicht eine Umkehr zur Vernunft, zur Erkenntnis der Wirklichkeit eintritt, wird auch die Stellung der Frauen dieselbe bleiben.
Soll sie sich bessern, so muss vorerst der heillose Grundsatz aufgegeben werden, ein Mädchen wisse genug, wenn es sich nur einen Mann zu erobern verstehe. Verrät ein Mädchen hervorragende geistige oder künstlerische Anlagen, so verwende man auf die Ausbildung derselben den ganzen Ernst, die ganze Konsequenz, die bei der Erziehung eines Knaben für unerlässlich gelten. Mädchen von der Durchschnittssorte bringe man praktische Kenntnisse bei und gebe ihnen durch die Entwicklung spezieller Fertigkeiten einen sichern Geleitbrief fürs Leben mit. Die einen wie die anderen gewöhne man daran, der eigenen Kraft zu vertrauen und die Stütze, derer sie bedürfen, in sich selbst zu finden.
Man kann niemandem die Freiheit schenken, jeder muss sich selbst befreien. Die Frauen mögen es machen wie so viele andere früher Unterdrückte, die durch Bildung und Tüchtigkeit sich selbst so glorreich „emanzipierten", dass der auf ihnen lastende Druck zum Unding und deshalb endlich unmöglich wurde.
Betty Paoli (1814–1894) war Lyrikerin, später auch Journalistin. Sie schrieb für die „Neue Freie Presse“ und für „Lloyd“.
("Die Presse", 165 Jahre Jubiläumsausgabe, 29.06.2013)