Feminismus heute: Betty Paoli hätte die Quote gefordert

Sie forderte Bildung – doch Bildung reicht nicht. Mögen in den Hörsälen mittlerweile die Studentinnen die Mehrheit stellen, in den Chefetagen dominieren Männer.

Sie war meine Vorgängerin, als es für eine Frau noch exzeptionell war, für eine Zeitung zu schreiben, als die Kultur noch nicht als „weiches“ Ressort galt (wobei „weich“ meint, dass Frauen hier nicht automatisch in der Minderheit sind). Betty Paoli kam 1814 als Barbara Elisabeth Glück in Wien zur Welt, ihr Vater starb früh. Im Alter von 15 Jahren ging sie als Erzieherin nach Russland und Polen, arbeitete später als Gesellschafterin, veröffentlichte Gedichte. Grillparzer hielt sie für den „ersten Lyriker Österreichs“, ganz sicher war sie die erste Berufsjournalistin des Landes, manche sagen: des deutschsprachigen Raums.
Betty Paoli hat Frauen gefördert: In ihren Feuilletons, die klassisch „unterm Strich“ auf Seite eins der „Neuen Freien Presse“ erschienen, stellte sie die Werke von Ebner-Eschenbach und Droste-Hülshoff vor. Sie plädierte für die naturwissenschaftliche Erziehung der Mädchen, für die Möglichkeit der Frauen, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, sie focht für die Emanzipation. Der Weg zur Gleichberechtigung führte für sie über die Bildung.
Mittlerweile erhalten Mädchen dieselbe Ausbildung wie Buben, sie besuchen erfolgreich Gymnasien und später Universitäten. Dieser Schritt zur Befreiung, den Betty Paoli von uns gefordert hat, ist also getan. Vermutlich würde sie das mit Genugtuung erfüllen.
Nach der ersten Freude würde sich Betty Paoli allerdings wohl wundern: Bildung allein, müsste sie feststellen, reicht nicht. Längst stellen die Mädchen auf den Gymnasien und Universitäten die Mehrheit, aber die gläserne Decke existiert auch für hoch qualifizierte Absolventinnen: Für eine Studie hat die TU „Zwillinge“ gebildet – je ein Mann und eine Frau mit ähnlichen akademischen Leistungen, ja ähnlicher Persönlichkeitsstruktur – und den weiteren Lebensweg verfolgt: Die ersten Jahre verliefen ähnlich, dann zogen die Männer davon. Auch dann, wenn die Frauen (noch) keine Kinder hatten.
Betty Paoli hat davon geschrieben, dass Frauen sich selbst befreien müssten. Aber sie hat auch gewusst, dass es für diese Befreiung Rahmenbedingungen braucht: gleiche Schulbildung für Buben und Mädchen etwa, die Öffnung der Universitäten. Heute wäre das vielleicht die Quote.

("Die Presse", 165 Jahre Jubiläumsausgabe, 29.06.2013)

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