Kulturpessimismus macht sich immer gut; die „Negermusik“-Debatte aber ist erfreulicherweise verschwunden.
Die Bahnbrecher der Popmusik sind 30 geworden. Ihre Zeit ist um.“ So begann Gotthard Böhm am 22. Jänner 1971 in der „Presse“ einen Abgesang auf die Beatles, er endete mit einer Voraussage, wie es mit den „Nachfolgern der Beatles weitergehen“ werde: „Es wird wohl so kommen wie in den anderen Künsten: Zerfall in Politik einerseits und unverbindliches Unterhaltungsgewerbe andererseits. Die Zeit der Nachrufe bricht an.“
20 Jahre später, am 30. September 1991, schrieb „Presse“-Jazzkritiker Reno Barth im Nachruf auf Miles Davis: „Der Jazz hat niemanden mehr, der die Rolle von Miles Davis übernehmen könnte. Seine Bedeutung wird jetzt ungebremst schrumpfen.“ Damit hat er recht behalten: Der Jazz lebt weiter, gewiss, aber Innovationen erwartet keiner mehr von ihm. Im Pop ließ die von Gotthard Böhm prophezeite „Zeit der Nachrufe“ noch ein wenig auf sich warten, heute ist sie da. Und dass Popmusiker über 30 sind, ist längst der Normalfall.
Die beiden Beispiele zeigen: Mit Kulturpessimismus hat sich „Die Presse“ auch im Feld der sogenannten U-Musik immer leicht getan, und Pessimisten behalten oft recht. Dass Wilhelm Furtwängler in seiner wilden Polemik gegen den Jazz recht hatte, würde allerdings heute wohl kaum jemand behaupten. Der Jazz hat ihn durch sein schlichtes Überleben widerlegt.
„Tief in die Triebwelt“
Dem Jazz zu unterstellen, er sei keine „wirkliche Musik“, war wohl damals, 1929, schon eine Provokation. Ihn „Negermusik“ zu nennen nicht: Dass der Jazz – wie der Soul und der Blues – starke afroamerikanische Wurzeln besitzt, ist unbestritten. Und das Wort „Neger“ war damals noch nicht verpönt. So attestiert in Hermann Hesses „Steppenwolf“ (1927) die Hauptfigur Harry Haller dem Jazz „liebenswerte unverlogene Negerhaftigkeit“. Hallers Worte über den Jazz wirken wie eine freundliche Variation über Furtwängler: „Jazz war mir zuwider, aber sie (sic!) war mir zehnmal lieber als alle akademische Musik von heute, sie traf mit ihrer frohen rohen Wildheit auch bei mir tief in die Triebwelt.“ Und: „Natürlich war sie, mit Bach und Mozart und wirklicher Musik verglichen, eine Schweinerei.“ Auch Adorno, eine Respektsperson der Linken, fand keine guten Worte für den Jazz: Dieser sei „Ware im strikten Sinn“, schrieb er 1936.
Ein sanfter Nachhall der Debatte darüber, wie „schwarz“ der Jazz sei, fand sich – als diese Musik längst in die Kulturseiten eingezogen war – in der Idee des Wiener Trompeters Franz Koglmann, eine „White Line“ im Jazz aufzuspüren. „In der Tat muss man einräumen“, kommentierte Reno Barth 1990, „dass etwa die Bezeichnung ,strukturbetonter Jazz‘ – in Anbetracht der in der Öffentlichkeit noch immer vorhandenen Klischeevorstellungen von ,Negermusik‘ – glücklicher und weniger missverständlich gewesen wäre als ,weißer Jazz‘.“
Mit Samir H. Köck hat „Die Presse“ seit 1996 einen Jazzkritiker, der den Jazz völlig selbstverständlich in der stolzen afroamerikanischen Tradition sieht. So selbstverständlich, dass er, der selbst steirische und irakische Wurzeln hat, die unselige „Negermusik“-Debatte ironisieren kann: In seinem Zweitberuf als Herausgeber von Jazz- und Soul-Sammlungen verwendet er das Pseudonym „Don Murl“. Was hätte der alte Furtwängler wohl dazu gesagt?
("Die Presse", 165 Jahre Jubiläumsausgabe, 29.06.2013)