Wird sich der ewige Eros behaupten können?

Leser und Schreiber. Über vier Jahrzehnte lang war Sigmund Freud der „Neuen Freien Presse“ eng verbunden. Er schaltete Annoncen, schrieb Leserbriefe, ließ seine Werke abdrucken. Und die Zeitung feierte ihn.

Er habe seine Ordination in Wien 9, Berggasse 19, „auf die Zeit von 3 bis 5 Uhr verlegt“: Das gab „Docent Dr. Freud“ in einer Annonce in der „Neuen Freien Presse“ vom 3. Jänner 1895 bekannt. (In derselben Ausgabe, einige Seiten weiter, findet sich das Inserat einer Heilanstalt für Nervenkranke, die „Morphium-Entzhg. ohne Qualen“ verspricht.) Sigmund Freud war nicht nur eifriger Leser der „Neuen Freien Presse“, er veröffentlichte auch in ihr. Über Jahrzehnte. Etwa am 11. November 1904 einen Nachruf auf seinen ehemaligen Religionslehrer Samuel Hammerschlag, einen Mann vom „Geiste der großen jüdischen Wahrheitskenner und Propheten“. Oder am 14. Dezember 1930 eine – auf Seite 62 abgedruckte – Stellungnahme zu einem Kriminalfall: Ein Student wurde des Vatermordes verdächtigt. Die Innsbrucker medizinische Fakultät erstellte dazu ein Gutachten, in dem das Wort „Ödipuskomplex“ vorkam. Freud stellte klar, dass sich dieser „wegen seiner Allgegenwärtigkeit nicht zu einem Schluss auf die Täterschaft“ eigne.
Für Freud-Fans besonders spannend ist die Gratulation zum 60. Geburtstag des Schriftstellers und Pazifisten Romain Rolland; sie steht in der Sonntagsbeilage der „Neuen Freien Presse“ vom 24. Jänner 1926 gleich unter der Gratulation Albert Einsteins. „Unvergesslicher“, schreibt Freud, „durch welche Mühen und Leiden haben sie sich wohl zu solcher Höhe der Menschlichkeit emporgerungen!“ Rolland kommt in einem zentralen Werk Freuds, im „Unbehagen in der Kultur“ vor, allerdings (zumindest in  der ersten Ausgabe) anonym. Ein „ausgezeichneter Mann“, der sich „in Briefen meinen Freund“ nenne, habe moniert, dass Freud „die eigentliche Quelle der Religiosität nicht gewürdigt hätte“: das „ozeanische Gefühl“, das dieser Freund „die Empfindung der ,Ewigkeit‘ nennen möchte“. Er, Freud, bedaure: „Ich selbst kann dieses ,ozeanische‘ Gefühl nicht in mir entdecken.“

„Der greise Schöpfer der Psychoanalyse“


Das „Unbehagen“ ist unter den Schriften Freuds, die in der „Neuen Freien Presse“ auszugsweise veröffentlicht wurden, im Neujahrsblatt vom 1. Jänner 1930 unter dem Titel „Wege zum Glück“ und mit einer ebenso schönen Einleitung: „Der greise Schöpfer der Psychoanalyse behandelt Schicksalsfragen der Menschenart: Können die Menschen in der Gesellschaftsordnung der Zivilisation glücklich sein, wird sich der ewige Eros im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner, dem Trieb der Menschen, sich gegenseitig und sich selbst zu vernichten, behaupten können?“
Heute, da die Psychoanalyse längst nicht mehr der Mainstream der Psychotherapie ist, erstaunt es, wie affirmativ die „Neue Freie Presse“, das Organ des liberalen Bürgertums, die Freud'sche Lehre behandelt hat. Das illustriert ein Rätsel, das die Zeitung am 29. Jänner 1928 ihren Lesern stellte: Unter den 27 Fragen – darunter „Aus welchem spätlateinischen Worte stammt das Wort ,Pferd‘, aber auch: „Wie pflegte Girardi auf der Bühne seinen Kaffee zu zuckern?“ – ist die Frage: „Welcher Arzt hat durch seine Lehre die moderne Literatur am entscheidendsten beeinflusst?“ In der Auflösung wurde freilich der Vorname Freuds als „Siegmund“ angegeben, unfehlbar war die Zeitung auch damals nicht . . .
Die Psychoanalyse war in den Zwanzigern so allgemein akzeptiert, dass sich auch Hollywood dafür interessierte. Am 23. Dezember 1924 las man, dass „der bekannte amerikanische Filmmagnat Mr. Goldwyn“ Freud überreden wolle, die künstlerische Leitung seines nächsten Films zu übernehmen. Ebenfalls in der „Neuen Freien Presse“ stellte Freud klar – am 25. August 1925, in einem am Semmering aufgegebenen Schreiben –, dass er „bisher zu keinem psychoanalytischen Film meine Autorisation oder Zustimmung gegeben habe und es auch weiterhin nicht tun werde“.

„Auflösung der Angst und des Hasses“


Die Feste des alten Freud feierte die „Neue Freie Presse“ im großen Stil: So druckte sie zu seinem 70. Geburtstag ein Feuilleton von Stefan Zweig (siehe Seite 62 unten), zum 80. berichtete sie über die Festrede Thomas Manns, „Freud und die Zukunft“. „Freuds Lebenswerk ist das Fundament der Zukunft“, heißt es im Bericht: „Freuds Wissenschaft vom Unbewussten ist eine überindividuelle Heilmethode, sie bringt der Menschheit Auflösung der Angst und des Hasses.“
Auffällig, wie oft die Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse betont wird. Freud war es ja wichtig, dass sie „ein Stück Wissenschaft“ sei und sich zur „wissenschaftlichen Weltanschauung“ bekenne. Man wüsste gern, wie er dazu stünde, dass in heutigen Zeitungen – auch der „Presse“ – die Psychoanalyse kaum mehr als Wissenschaft behandelt wird.

("Die Presse", 165 Jahre Jubiläumsausgabe, 29.06.2013)

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