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1872: Sind den Frauen die Universitäten zu öffnen?

Sind den Frauen die Universitäten zu öffnen?
Gabriele Possanner von EhrenthalUnbekannt
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Die Rektorsrede Späths über die Frauenfrage. „Sind Frauen befähigt und berufen, die Wissenschaften zu kultivieren?“ Die schlagendsten Argumente gegen die „emanzipationslustigen Frauenzimmer“ anno 1872.

[20. November 1872] Hochansehnliche Versammelte! Akademische Bürger! Sind die Frauen gleich den Männern befähigt und berufen, die Wissenschaften zu kultivieren? Die Motive, welche diese Frage auf die Tagesordnung gebracht haben, sind verschieden. Die Frauen seien den Männern ebenbürtig und in jeder Hinsicht vollkommen gleichzustellen — und somit sei ihnen der Tempel der Wissenschaften ebenso zugänglich zu machen wie den Männern. Andere gehen nicht von einem so idealen Standpunkte aus, sondern sind einfach bestrebt, die Frauen unabhängiger zu stellen, ihnen einträglichere Erwerbsquellen zu eröffnen.

An praktischer Bedeutung hat diese Angelegenheit wesentlich gewonnen, seit Edinburgh, Petersburg und Zürich den Frauen faktisch die Universitäten eröffnet haben. In Zürich befanden sich im Sommersemester 1872 unter 354 Immatrikulierten 63 junge Damen. Infolgedessen hat die Frage über das Universitätsstudium der Frauen, namentlich über das der Medizin, eine ziemlich scharfe Kontroverse hervorgerufen, welche bisher von Professor v. Bischoff in München als Gegner und von den Professoren Boehmert und Hermann in Zürich als Anwälte der Frauen geführt wurde. Den nach seiner Ansicht wichtigsten Beweis findet Bischoff in der Tatsache, dass das Gewicht des Gehirnes beim Weibe aller Völker und aller Rassen durchschnittlich geringer ist als beim Manne. Dessen ungeachtet können sie aber unmöglich zur Lösung der in Rede stehenden Frage dienen – wenn man bedenkt, dass es Tiere gibt, deren Gehirn sogar fünf Pfund und darüber wiegt, während des Mannes Gehirn nur beiläufig drei Pfund wiegt. Doch wenn endlich die vergleichende Anatomie überhaupt keinen genauen Parallelismus zwischen der Gehirnmasse und den Manifestationen der geistigen Tätigkeiten im Tierreiche nachzuweisen vermag, so wird man unmöglich aus der geringeren Gewichtsmenge des Frauengehirns deren geistige Jnferiorität derart abzuleiten wagen, dass man sie als absolut unfähig für die Kultur der Wissenschaften erklären könnte. Wenn auch das Geschlecht inferior ist, lässt sich dies doch nicht von allen einzelnen Mitgliedern desselben behaupten. Wenn wir nun den Frauen die geistige Befähigung zu wissenschaftlicher Ausbildung zuerkennen müssen, so können wir ihnen die Berechtigung zu derselben vermöge der allgemeinen Menschenrechte nicht absprechen. Eine ganz andere Frage ist es aber, ob die Frauen auch für jeden Lebensberuf geeignet seien, für den Männer geeignet sind. In dieser Hinsicht kann die geistige Befähigung allein nicht maßgebend sein, sondern muss vor allem auch das Naturgesetz beachtet werden, dass jedes Wesen eine bestimmte Mission in der Schöpfung zu erfüllen hat.
Im Manne herrscht der kalte Verstand. Des Mannes Denken vermag mit zäher Ausdauer in die Tiefe zu dringen. Des Mannes ist die Entwicklung der physischen Kraft.  In der Frau herrscht das Gemüt und Mitgefühl. Sie sieht, wie Schopenhauer richtig bemerkt, vor allem nur das Oberflächliche, Zunächstliegende. In ihr ist die Entwicklung der Weichheit und Zartheit. Des Mannes Körper kennt nur die stetige Zu- und Abnahme seiner Kraft, die in ihren Leistungen durch seine Geschlechtsverhältnisse nicht beeinflusst ist. Welche Verschiedenheit und Wandelbarkeit finden wir in dieser Hinsicht bei der Frau? Welche Störungen in der Epoche der Entwicklung, welche Unterbrechungen in ihren gewöhnlichen Beschäftigungen während des größten und wichtigsten Teiles ihres Lebens durch ihre naturnotwendigen Funktionen, welchen sie sich teilweise nicht entziehen kann und teilweise auch nicht entziehen soll? Das Wesen der Frau ist sowohl nach ihrer körperlichen Beschaffenheit als auch nach ihren geistigen Anlagen für die erste Erziehung des Kindes bestimmt.
Diesen Daseinszweck der Frau wird in körperlicher Hinsicht wohl niemand anzweifeln. Aber auch ihre geistigen Eigenschaften sind ganz für diesen Zweck geschaffen. Man entziehe die Frau als Mutter der ersten Erziehung der Kinder, diesem erhabenen Daseinszwecke, nicht, wenn man nicht die Menschheit der Verwilderung überliefern will.
Nun bedenke man erst die Ausübung der ärztlichen Praxis! Welche physische Anstrengung, Tag und Nacht jeden Augenblick für jedermann bereit zu sein! Wie verträgt sich das mit den verschiedenen Phasen des weiblichen Lebens? Mit der ersten Mutterpflicht? Der wichtigere und schwierigere Teil der geburtshilflichen Praxis, der operative, mit seinen wahrhaft aufreibenden, manchmal erschütternden Ereignissen fordert physische Kraft, Ausdauer, kalten Verstand und durch keine Gefühlserregungen gestörte Ruhe. Dazu ist kein Weib geeignet!

Sollen demnach die Wissenschaften den Frauen ewig unzugänglich, sollen ihnen denn Geheimnisse ewig verschlossen bleiben? Wenn wir auch die Förderung der Wissenschaften nicht als den eigentlichen Daseinszweck der Frauen erkennen können, so haben sie doch vermöge der allgemeinen Menschenrechte Anspruch auf deren Ergebnisse, die wir ihnen nicht vorenthalten dürfen, ohne der Menschheit zu schaden. Man sorge also für bessere Erziehung der Frauen, man lege ihnen die Ergebnisse der Wissenschaften zurecht, um sie dadurch für ihren eigentlichen, erhabenen Beruf geeigneter zu machen, aber nicht um sie ihrem eigentlichen Berufe zu entziehen. Ihre Würde, ihr wahrer Wert wird dann gewiss nicht geringer sein, als wenn sie als unmittelbare Förderer der Wissenschaft dienten. Oder ist vielleicht der Grundstein, weil er unscheinbar im Dunkel der Erde ruht, von geringerem Werte als der Schlussstein, der sonnenbeglänzt am Giebel prangt?

Man strebe nicht gegen die Gesetze der Natur; es geschieht nie ungestraft. Wenn die Frauen Männer sein wollen, streifen sie zwar die Weiblichkeit ab, aber Männer können sie doch nimmer werden. Und kann ihre Würde bei einem solchen Streben gewinnen? Können sie davon Nutzen haben? Nimmermehr! Wir bewundern entzückt die Töne der Nachtigall, wir staunen über den kühnen Flug des Adlers gegen die Sonne. Lassen Sie beide die Stellen tauschen, und keines wird gewinnen. Das Gekrächze des Adlers wird uns nicht entzücken, und die bald erlahmten Fittiche der Nachtigall werden uns nicht in Staunen versetzen. Jedes Wesen bleibe, wohin es die Natur gewiesen!

Joseph Späth (1823–1896), Gynäkologe und Rektor der Uni Wien.

("Die Presse", 165 Jahre Jubiläumsausgabe, 29.06.2013)