27.000 Menschen waren im Praterstadion. Paul McCartney gab ihnen, was sie von ihm erwarteten: Melodien, Optimismus und Nostalgie. In insgesamt 39 Songs.
"And in the end the love you take is equal to the love you give." Mit diesem Satz, gesungen zu einer seiner unvergleichlichen wehmütig-versöhnlichen Melodien, beschließt Paul McCartney derzeit seine Konzerte. Und legt dazu ein (vorläufig) letztes Mal auf sein abgetragenes Bubengesicht den Dackelblick, den er sich über all die Jahrzehnte behalten hat. Wer da noch immer nicht gerührt ist, den rührt nichts mehr, und danach ist es zu spät, es kommt nur noch das Feuerwerk . . .
„The End" ist das perfekte Finale für ein McCartney-Konzert: Es ist der letzte Song auf „Abbey Road" (1969), man kann ihn mit gutem Grund als letzten Beatles-Song betrachten („Let It Be" ist zwar später erschienen, wurde aber früher aufgenommen). Und es fasst in eine Nussschale, woran Paul McCartney glaubt, und was den optimistischen Schimmer ausmacht, in dem seine Lieder fluoreszieren.
Natürlich stimmt es nicht: Die Liebe ist keine Erhaltungsgröße, die am Ende null ergibt. Sie ist unberechenbar und ungerecht wie das ganze Leben, und auch Paul McCartney weiß das, er hat gelebt. Aber er glaubt es nicht, er will es nicht glauben. „Boy, you're gonna carry that weight", singt er vor „The End", in diesem fast schon jenseitigen Medley am Ende von „Abbey Road". „Du wirst es schon tragen": Auch das ist ein typisches McCartney-Motto. „Don't make it bad", „Let it be", „Life goes on", „We can work it out", im Grunde sind das alles Sätze der Besänftigung, Beschwichtigungsformeln: Beruhig dich, alles wird gut.
26 Beatles-Songs. Dieser Glaube McCartneys, dass alles schon gut wird, hat in Kombination mit John Lennons unbändigem Aufschrei, dass alles gefälligst besser werden muss, die explosive Mischung ergeben, die die Beatles an die Spitze des Pop-Olymps katapultierte. Als sich die beiden trennten, blieb ihnen nur jeweils die Hälfte. Wenigstens McCartney, der eindeutig Nettere, wusste das und litt darunter.
Heute noch verwaltet er, wenn er das Erbe der Beatles verwaltet, fast nur seine Hälfte. Die 26 Beatles-Songs, die er live bringt, sind streng danach ausgewählt, dass sie zumindest zum größeren Teil von ihm stammen. „Strawberry Fields Forever", „Don't Let Me Down" oder „I'm a Loser" würde er naturgemäß nie singen, aber auch nicht „Tell Me Why" oder „When I Get Home", nicht einmal „A Hard Day's Night". (Gut, „For the Benefit of Mr. Kite" bringt er, aber das ist nun wirklich kein typischer Lennon.) Hart gesagt: Die schärfsten Songs fehlen, die milden sind alle auf der Liste. Die wichtigste Ausnahme beim Wien-Konzert: „I Saw Her Standing There", der erste Song, den Lennon und McCartney gemeinsam schrieben und noch immer ein Schnellzug, der alle Schienen zur Weißglut bringt.
Was diesfalls auch an der Band - u. a. mit dem vielseitigen Paul Wickens -, lag, die die Songs grundsätzlich immer eher etwas schneller als etwas langsamer spielt. „Day Tripper" war geradezu ein Quickie, und den „Paperback Writer" hat man noch nie so flott tippen gehört. Bei diesem Song vergaß McCartney nicht auf den Hinweis darauf, dass er ihn auf der gleichen Gitarre spielte wie 1966. Man meinte, das Stadion ehrfürchtig raunen zu hören.
Überhaupt hing die Nostalgie wie bestellt schwer über dem Oval. „Let's all get up and dance to a song that was a hit before your mother was born", sang McCartney in „Your Mother Should Know" (1967), während die Beatles auf dem Videoschirm umhersprangen. Auf einige Kinder im Publikum traf der Satz gewiss zu. Für Kinder haben ja viele McCartney-Songs einen besonderen Reiz, und das ist nicht abfällig gemeint. „Lovely Rita" etwa, „All Together Now" oder „Lady Madonna": Die bunte Märchenwelt der Sixties hat heute etwas Kindliches, etwas rührend Unschuldiges an sich.
Wie sehr sich doch „Something" in seiner Grundtraurigkeit davon abhob! McCartney spielte es zur Ehre des 2001 gestorbenen George Harrison. Dem 1980 erschossenen John Lennon widmete er - leider - keinen von dessen Songs, sondern das selbstgestrickte „Here Today" aus dem Jahr 1982. Es zeigt, was passiert, wenn McCartney nicht einfach sentimental ist, weil er es halt ist, sondern wenn er vorsätzlich rührselig ist. „If you were here today", heißt es darin, „you'd probably laugh and say that we were worlds apart". Das wäre wohl noch die günstigste Reaktion Lennons auf diese Tränen berechnende Schnulze, deren Refrain einfühlsam „uh, uh, uh" lautet.
Auch seiner jetzigen Frau Nancy und der 1998 gestorbenen Linda McCartney widmete er je ein Lied: Linda das tatsächlich aufregende „Maybe I'm Amazed", Nancy das beschauliche, jazzige „My Valentine". Dieser Song vom Album „Kisses On The Bottom" (2012) war das einzige Stück im Programm, das nicht über 30 Jahre alt war. So richtiges Vertrauen in sein Spätwerk hat dieser Mann nicht, oder er ist einfach zu gutherzig, um dem Publikum weniger Bekanntes, womöglich nicht Mitsingbares zuzumuten.
Acht Wings-Stücke. Von seiner zweiten Band „Wings", die er in den Siebzigern betrieb, dagegen sind immerhin acht Songs dabei, und die machen sich nicht schlecht: „Let Me Roll It" ist ein schwerer Blues, „Mrs. Vandebilt" nett, wenn auch vielleicht ein bisschen gar kindisch, „Band on the Run" ganz schön dramatisch. Und „Live and Let Die" ist ein großer James-Bond-Song, gerade weil er das Nie-gerührt-Pathos mit ein wenig Rührung à la McCartney unterwandert. Nach dem finalen Krach hielt sich McCartney kokett die Ohren zu.
Und wie sang er? Tadellos. Gerade beim Refrain von „Things We Said Today", der für den sanften Paul ungewöhnlich fordernd ist („Love is here to stay!"), schwächelte er kurz. Andere Besucher werden wohl bei anderen Passagen, die ihnen besonders am Herzen liegen, ein wenig enttäuscht worden sein. Das ist ja das Tückische an der Nostalgie: dass sie nach exakten Kopien des Gestern schreit.
Wie bitte? Ja, richtig, „Yesterday" hat er auch gespielt.
1. Eight Days a Week (Beatles, 1964)
2. Junior's Farm (Wings, 1974)
3. All My Loving (Beatles, 1963)
4. Listen to What the Man Said (Wings, 1975)
5. Let Me Roll It (Wings, 1973)
6. Paperback Writer (Beatles, 1966)
7. My Valentine (2012)
8. Nineteen Hundred and Eighty-Five (Wings, 1973)
9. The Long and Winding Road (Beatles, 1970)
10. Maybe I'm Amazed (1970)
11. Things We Said Today (Beatles, 1964)
12. We Can Work It Out (Beatles, 1965)
13. Another Day (1970)
14. And I Love Her (Beatles, 1964)
15. Blackbird (Beatles, 1968)
16. Here Today (1982)
17. Your Mother Should Know (Beatles, 1967)
18. Lady Madonna (Beatles, 1968)
19. All Together Now (Beatles, 1969)
20. Lovely Rita (Beatles, 1967)
21. Mrs. Vanderbilt (Wings, 1973)
22. Eleanor Rigby (Beatles, 1966)
23. Being for the Benefit of Mr. Kite! (Beatles, 1967)
24. Ram On (1971)
25. Something (Beatles, 1969)
26. Ob-La-Di, Ob-La-Da (Beatles, 1968)
27. Band on the Run (Wings, 1973)
28. Back in the U.S.S.R. (Beatles, 1968)
29. Let It Be (Beatles, 1970)
30. Live and Let Die (Wings, 1973)
31. Hey Jude (Beatles, 1968)
ZUGABEN:
32. Day Tripper (Beatles, 1965)
33. Hi, Hi, Hi (Wings, 1972)
34. I Saw Her Standing There (Beatles, 1963)
35. Yesterday (Beatles, 1965)
36. Helter Skelter (Beatles, 1968)
37. Golden Slumbers (Beatles, 1969)
38. Carry That Weight (Beatles, 1969)
39. The End (Beatles, 1969)