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1931: Eine abgewendete Finanzkatastrophe

Banken. Verlust der Credit-Anstalt von 140 Millionen. Die Rettung ist gesichert.

[12. Mai 1931] Gestern Abend um 9.30 Uhr fand im Finanzministerium eine Pressekonferenz statt. Bundeskanzler Dr. Ender gibt folgende Erklärung ab:

„Die Regierung war sich von allem Anfang darüber bewusst, dass nichts versäumt werden dürfe, um die österreichische Wirtschaft vor einer Katastrophe zu retten. Die Regierung sah sich daher vor der Notwendigkeit, die Credit-Anstalt unbedingt zu unterstützen. Es wird das nun auch in der vollständig ergiebigen Weise gemacht werden, sodass die Credit-Anstalt nicht nur intakt, sondern gestärkt dastehen wird.“

Finanzminister Dr. Juch machte folgende Mitteilungen: „Ich brauche hier kein Wort darüber zu verlieren, was geschehen wäre, wenn es der Regierung nicht gelungen wäre, diese Katastrophe aufzuhalten. Österreichs Wirtschaft wäre in einer entsetzlichen Weise getroffen worden. Selbstverständlich hat sich die Regierung vom ersten Augenblick an – die Regierung hat vor drei Tagen von der Situation erfahren – keinen Moment überlegt, dass hier eine kräftige und sofortige Hilfsaktion einsetzen müsse, wenn es gelingen sollte, die Folgen der bedrohlichen Katastrophe so weit abzuschwächen, dass sie erträglich bleiben können. Es müssen in einem solchen Zeitpunkte alle anderen Rücksichten zurückgestellt und alles getan werden, um der drohenden Katastrophe Herr zu werden. Die Verhandlungen haben vom vergangenen Freitag bis heute ununterbrochen gedauert, Tag und Nacht wurde beraten, um den Rettungsversuch mit Erfolg zu unternehmen.

Die Verluste betragen für das Jahr 1930, wie sich jetzt bei der Aufstellung der Bilanz ergeben hat, rund 140 Millionen Schilling. [. . .] Es sollen nun 160 Millionen aufgebracht werden. Daran beteiligen sich der Bund mit 100 Millionen, die Nationalbank mit 30 Millionen, das Haus Rothschild mit 30 Millionen. Diese Konstruktion, glaube ich, muss man gewiss als kraftvoll, weitgehend und großzügig bezeichnen. [. . .]“

Staat wird Aktionär der Bank

Die Folge dieser ganzen Aktion ist, dass der Bund ein Großaktionär der Bank sein wird: gewiss keine beabsichtigte Folge. Sie ergibt sich aus der ganzen Situation, und es wird Sache des Bundes sein, sich zu bemühen, im gegebenen Zeitpunkte sich dieser Stellung zu entledigen. In der Anfangszeit aber, solange der Bund dieses Majoritätspaket besitzt, ist ein Einfluss des Bundes, zumindest ein Einblick in die Gebarung der Bank, ohne Weiteres gegeben, was für die Öffentlichkeit wertvoll sein mag, und natürlich auch ein Einblick der Nationalbank.

Nominalzahlung bei einem derzeit gewiss geringeren Werte und überdies Barabdeckung des Verlustes sind Opfer, die verlangen, dass keine Gleichstellung der neuen Aktionäre mit den alten Aktionären erfolge.

Der Bund hat das Geld gar nicht

Man wird sich wundern, dass der Bund 100 Millionen flüssigmacht, obwohl der Bund jetzt eigentlich nicht einmal über einen kleinen Teil der Summe verfügen kann. Aber die Regierung musste sich fragen: Was ist wichtiger? Die Bedenken der Geldbeschaffung und eventuell einer schlechteren Gebarung des Haushaltes oder die andere Eventualität? [. . .] Es liegt auf der Hand, was bei einem Zusammenbruch der Wirtschaft dem Bund passiert wäre: keine Steuern, ein Heer neuer Arbeitsloser.

Die ganze Nation kann daher, soweit die Ausgabenseite des Bundes in Betracht kommt, natürlich nicht in Vergleich gestellt werden mit den anderen Sorgen, die der Bund hat, wie Sozialversicherungsreform, Beamtenfrage. Ein Zusammenhang mit diesen Dingen kann nicht anerkannt werden. Es handelt sich hier um eine Elementarkatastrophe, die abgeriegelt werden muss, die mit anderen Dingen überhaupt keinen äußeren Zusammenhang hat.

Der Bund sagte sich: Ich muss das Geld haben. Es gilt, einen Wildbach einzudämmen. Wir haben an das Mittel gedacht, Schatzscheine zu begeben, wozu ich die Ermächtigung habe. Für 75 Millionen kurzfristiger Schatzscheine, die bei der Nationalbank lombardfähig sind. Die kann ich nicht dazu verwenden, denn erstens brauche ich für die laufende Gebarung eine gewisse äußerste Reserve und zweitens halte ich es theoretisch und auch praktisch finanzpolitisch für nicht richtig, ein Defizit durch kurzfristige Schatzscheine zu decken. Daher ist die Idee der langfristigen Schatzscheine aufgetaucht, wie sie in anderen Staaten schon begeben wurden.
Es ist noch die leichteste und rascheste Beschaffung von Geld.

Leitartikel zur CA-Rettung:

Die Credit-Anstalt, die bisher mächtigste und stärkste Bank von Österreich mit vertrauenswürdiger Führung, sie muss Verluste von 140 Millionen Schilling im Jahre 1930 verzeichnen.

Die offenen Reserven und ein großer Teil des Aktienkapitals, das 125 Millionen beträgt, sind aufgezehrt und Staat, Nationalbank und das Haus Rothschild müssen in die Bresche springen, um die Situation zu retten. Die Rettung, dies sei vorweg betont, ist gelungen, das Kapital der Credit-Anstalt wird um ein Viertel verkleinert, dann werden 91 Millionen neue Aktien ausgegeben, die zu einem erhöhten Kurse vom Staate, von der Nationalbank und vom Hause Rothschild übernommen werden.

Das letzte Resultat dieser Transaktion ist also keine Schwächung, sondern eine Stärkung der vorhandenen Mittel der Bank. Trotzdem, manchmal ergibt sich in solchen unglücklichen Verwicklungen die Alternative: Soll man das Publikum vorbereiten, soll man langsam die Kulissen stellen für das kommende Drama, oder ist es besser, durch ein Unglück ex machina, durch einen Donnerschlag, der plötzlich hereinbricht, die Erregungen zu konzentrieren und deswegen auch ihre Zeitdauer zu verkürzen? Es wäre heute gänzlich sinnlos, wollte man in dieser Beziehung etwa Kritik üben.

Wir stehen vor einer Situation, die mit scharfen Umrissen unabänderlich gegeben ist, wir können nur unter der Wirkung einer so nervenerschütternden Krise und mit dem schmerzlichen Anteil an dem Schicksal eines so ehrwürdigen Unternehmens, wir können heute nur die Genugtuung äußern, dass es in dreitägigen Verhandlungen geglückt ist, einer unnennbaren, gar nicht zu schildernden Katastrophe beizukommen und drei Viertel der österreichischen Arbeiterschaft vor der Arbeitslosigkeit zu bewahren.

Musste es dazu kommen, war das schmerzliche Resultat des vorigen Jahres unvermeidlich? Es ist nicht unsere Sache zu entscheiden, ob nicht Irrtümer geschehen sind. Aber im Wesentlichen ist es doch der einfache Ausbruch der Weltkrise und der österreichischen Krise im Besonderen, der in diesem Verlust von 140 Millionen zutage tritt. [. . .] Nun aber muss festgestellt werden, dass für die Einleger auch nicht die leiseste Ursache zur Unruhe vorhanden ist. Es handelt sich, das hat Bundeskanzler Dr. Ender scharf hervorgehoben, nicht etwa um eine Krise der Liquidität, wie bei der Bodencreditanstalt, sondern um eine Krise des Verlustes. Die Credit-Anstalt ist gerüstet, um ihren Verpflichtungen Genüge zu leisten.

Schon der Umstand, dass der Staat und die Nationalbank nunmehr als Aktionäre fungieren werden, mit allen Kontrollrechten, die daraus entspringen, kennzeichnet die übrigens selbstverständliche Tatsache, dass ein Finanzorganismus von so überragender Wichtigkeit nicht fallen gelassen wird und auch nicht fallen gelassen werden kann. Das ist eben die natürliche Konsequenz der Verschwisterung zwischen Banken und Industrie, die nach dem Jahre 1873 in Österreich eingetreten ist.
Die Industrieunternehmungen sind an den Fingern einer Hand zu zählen, die nicht mit Bankkapital arbeiten, und wenn überhaupt dieses Österreich industriell bestehen will, wenn es überhaupt noch imstande ist, seine Volkswirtschaft vor dem Untergang zu bewahren, dann muss es, wenn auch mit Schmerzen, das tun, was Dr. Renner seinerzeit als unmöglich bezeichnet hat, es muss die Schulden sozialisieren. Der Staat kann nicht mitansehen, wie der größte und stärkste Pfeiler der Wirtschaftsorganisation von den Fluten der Weltkrise unterwaschen und von der stürzenden Gewalt der Wogen gebrochen wird.

Der Leitartikel vom 12. Mai 1931 war namentlich nicht gezeichnet.

("Die Presse", 165 Jahre Jubiläumsausgabe, 29.06.2013)