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1927: „Ein Fiebertraum, ein böser Rausch – niemals, niemals wieder“

Justizpalastbrand. Im Juli 1927 verwüsten Demonstranten aus Wut über ein Fehlurteil den Justizpalast. 89 Menschen sterben.

[18. Juli 1927] Das Gefürchtete ist eingetreten. Die Saat der Agitation ist aufgegangen. Nicht der Geist des Verzeihens ist durch das Schattendorfer Urteil geweckt worden, nicht der Wunsch, das Unselige zu vergessen. Ein Aufschrei wie von einem verwundeten Riesen war die Antwort, ein Aufschrei, menschlich erklärbar, aber doch unerwartet in seiner Durchschlagskraft.
Alles, was am blutigen Freitag geschehen ist, alles, was darauf folgte, entsprang der rasenden Erregung, die Taten waren nicht Taten besinnungsvoller Absicht, keine tief liegende oder gar politische Verschwörung wird vermutet. Keine zielsichere, einem bestimmten Erfolge nachjagende Taktik. Nein, die Demonstration hat alle überrumpelt, die Regierung, die Polizei, sogar die sozialdemokratische Partei. Wie immer bei derartigen Gewitterstürmen der Erregung wurden die verschiedensten Beschuldigungen laut, besonders gegen die Wache. Wir sind überzeugt, dass unsere Sicherheitstruppe, die doch selbst zum großen Teil sozialdemokratische Gesinnung hat, ihre Befugnis nicht im wesentlichen Ausmaß überschritt, dass niemand Zusammenstöße hätte verhindern können, da infolge der Überraschung, infolge der Unplanmäßigkeit keine Vorbereitungen getroffen waren für so gigantische Gefahren.
Die Vorbereitung, sie hätte darin bestehen müssen, dass die so oft gerühmte Organisation der Sozialdemokraten mit voller Wucht in Aktion getreten wäre; oder man hätte schon von Anfang an so großartige Machtmittel entfalten müssen, dass die Menge sofort zur Erkenntnis gekommen wäre, dass alle Sturmversuche, alle Exzesse an einem Felsen zerschellen. Beides war nicht der Fall. Wir möchten heute unter dem unmittelbaren Eindruck dieser für Österreich beispiellosen Katastrophe nicht die Frage der Schuld aufwerfen.

Alles, was geschehen ist, auch die Verbrennung der Redaktion der „Reichspost“, die Beschädigung der Redaktion der „Wiener Neuesten Nachrichten“, diese verdammenswerten Beschränkungen der freien Meinungsäußerung, dieser Komplex von furchtbaren Erlebnissen, ist Ausfluss unserer ganzen öffentlichen Zustände, die wir nicht einmal, sondern hundertmal geschildert, ins Licht gesetzt und beklagt haben. Wir können nicht darüber schlüssig werden, warum der Bürgermeister als Landeshauptmann die Militärassistenz so lange verweigerte, welche die Polizei schon um elf Uhr gefordert hat.s
Wir wollen nicht daran zweifeln, dass der nachfolgende Verkehrsstreik, das Ausschalten von Telegraf, Telefon, Post, Eisenbahn und Radio beschlossen wurde, um ein Weitergreifen des Unglücks zu verhüten und den Protest in friedliche Bahnen zu lenken. Dennoch kann von einer Demokratie nicht gesprochen werden, wenn solche Verfügungen Platz greifen; wenn die Stadt in Revolution gestürzt wird durch das Urteil eines Geschworenengerichtes, das zum großen Teile aus Proletariern zusammengesetzt war.
Wir möchten wissen, wie sich ein Mann, der ehrlich entrüstet über das Schattendorfer Urteil auf die Straße geht, wir möchten wissen, wie sich die Sozialdemokratie als Partei den Gang einer unabhängigen Justiz vorstellen kann, wenn solche Pressionen ausgeübt und die Seele des Volksrichters mit so viel politischen Erwägungen, solchen schauderhaften Befürchtungen belastet wird. Wir verteidigen nicht das Schattendorfer Urteil, wir halten es für verfehlt, ja für gefährlich. Aber schließlich ist doch dafür die ganze bürgerliche Gesellschaft nicht verantwortlich, schließlich kann man doch nicht Kabinettsjustiz von unten für wünschenswert erachten, so wie der Absolutismus in seiner schwärzesten Epoche Kabinettsjustiz von oben betrieben hat. Wenn die Arbeiterschaft, dieser Hort demokratischer Einrichtungen, ein Verdikt von Volksrichtern damit beantwortet, dass gleichsam alles kurz und klein geschlagen wird, dann gibt es wirklich keine Möglichkeit des unbefangenen Rechtsprechens in Österreich.

Warnung vor dem Faschismus

Das war ein Fiebertraum, ein böser Rausch, das war eine grässliche Einmaligkeit, die niemals, niemals, niemals wieder vorkommen darf. Wir möchten am liebsten, man solle die schauerlichen Reste des Justizpalastes, die verkohlte Auslage des Schreckens, die Wachstube gegenüber dem Rathaus, so bewahren, wie sie sind, als bleibende Warnungsmale, als tägliches Memento für dieses ganze Volk, damit es nie und nimmer vergesse, wohin der Weg des Klassenkampfes leitet; damit es für alle Zeiten die Furcht bewahre vor hemmungsloser Leidenschaft, vor unversöhnlichem Wüten, vor dem Toben der Kriegsfurie im Streite der Politiker. Vielleicht musste dieser Blitzstrahl niederzucken, es musste vielleicht all denen eine furchtbare Lehre erteilt werden, die mit der Revolution spielen; die sich denken, man könne Massenleidenschaft so regeln wie Zeiger eines Uhrwerkes; die glauben, man könne Größenwahn predigen, ohne Übermut zu züchten.
ss-4;0Für uns selbst gilt die schärfste Mahnung: zurück zur politischen Vernunft und zur sozialen Verständigung. Die geistige Abrüstung darf nicht um einen Tag länger verzögert werden, denn wenn die Parteien den Wahnsinn weiter begünstigen, wenn weiter das Gift in die Gemüter geträufelt wird, dann ist es Matthäi am Letzten mit Österreich, dann können wir ein Kreuz machen über die Republik, dann ist Faschismus die Folge, ob von rechts oder von links, ist gleichgültig. Wer noch die Republik in Österreich will, der muss sich um das Banner des Rechtes scharen, um das Banner der wahren Freiheit.

Namentlich nicht gezeichneter Leitartikel, wegen Generalstreiks drei Tage nach dem Brand.

("Die Presse", 165 Jahre Jubiläumsausgabe, 29.06.2013)