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1904: Der Kolonialwahnsinn - Die neueste Form der Barbarei

Streitschrift. Die Kolonialpolitik ruiniert uns, Mulatten werden sich rächen, die Nachwelt uns richten: Warum wir reiche, freie Gelbe und Schwarze brauchen.

[18. September 1904] Die weißen Menschen haben einmal im Zeitalter der Höhlenbewohner und der Pfahlbauten gelebt. Damals waren sie Wilde und gingen nackt. Sie ließen ihre rohen Gefäße aus Ton an der Sonne trocknen. Sie hatten keine andere Wissenschaft als die der Zauberer, und ihre Feste bestanden darin, dass die Menschen Chöre bildeten und barbarische Tänze aufführten. Seitdem aber haben sie den Parthenon erbaut, die Regeln der Geometrie begriffen, den Ausdruck ihrer Gedanken und die Bewegungen ihres Körpers den Gesetzen der Harmonie unterworfen.

Kann man also zu den Negern in Afrika sagen: Ihr werdet euch immer von Stamm zu Stamm, von Hütte zu Hütte gegenseitig niedermetzeln und einander grausame und sinnlose Martern bereiten? Immer wird ein König in religiösem Wahn seine Gefangenen in einem Korb eingeschnürt von dem Dach seiner Hütte herabschleudern lassen. Immer werdet ihr von den zerstückelten Leichnamen eurer greisen Eltern das Fleisch herabreißen und es mit Wollust verschlingen. Immer werden euch die Forschungsreisenden mit ihren Flinten niederschießen und in euren Hütten räuchern; immer wird der auf sein Christentum stolze Soldat sein Mütchen an euch kühlen, eure Weiber vergewaltigen und in Stücke schneiden, immer wird der joviale Matrose, der von dem Meer des Nordens herkommt, eure kleinen Kinder mit einem Fußtritt auf den Bauch zermalmen, um seinen steif gewordenen Beinen Bewegung zu verschaffen! Kann man einem Drittel der Menschheit immerwährende Schmach und ewige Rechtlosigkeit prophezeien?

Eine köstliche Negerkunst

Ich weiß nicht, ob eines Tages das Leben Afrikas mit einem Glanz und einer Pracht erwachen wird, die den frostigen Völkern des Okzidents unbekannt sind, und ob hier die Kunst sich in neuen und herrlichen Formen entfalten wird. Aber eine unendlich süße, träumerische Musik, wie man sie bisher nicht kennt, kann dort entstehen, eine köstliche Negerkunst in Tanz und Gesang lässt sich schon ahnen.

Inzwischen machen die Schwarzen von Carolina, Louisiana und Virginien in der bürgerlichen und kapitalistischen Zivilisation, die sie hasst und verachtet, reißende Fortschritte und erstaunliche Eroberungen.

Vor 50 Jahren besaßen sie alle zusammen keine 100 Hektar Land. Heute ist ihr Besitz mehr als vier Milliarden Francs wert. Sie waren Analphabeten. Heute können 50 Prozent von ihnen schreiben und lesen. Es gibt Schwarze, die Romane schreiben; schwarze Poeten, schwarze volkswirtschaftliche Schriftsteller, schwarze Philanthropen.

Kommt der geniale Mulatte?

Die zahlreichen Mestizen, die aus der Verbindung von Herr und Sklavin herstammen, sind ganz besonders intelligent und kräftig. Diese Farbigen sind gleichzeitig wild und verschlagen, berechnend und tollkühn, und sie wachsen der abgelebten kreolischen Rasse, welche die Schwarzen so leicht mit frivoler Grausamkeit behandelt, allmählich über den Kopf. Vielleicht ist der geniale Mulatte schon geboren, dem die Nachkommen der Weißen das Blut der von ihren Vätern gelynchten Neger werden teuer bezahlen müssen.

Die Kolonialpolitik ist die allerneueste Form der Barbarei oder, wenn man lieber will, die Form der Zivilisation. Ich mache keinen Unterschied zwischen den beiden Ausdrücken, sie sind identisch. Was die Menschen Zivilisation nennen, das ist der gegenwärtige sittliche Zustand, was sie Barbarei nennen, das sind die früheren Zustände. Unsere gegenwärtigen Sitten wird man barbarisch nennen, wenn sie der Vergangenheit angehören.

Ich gebe ohne Weiteres zu, dass es in unseren Anschauungen und unserer Moral begründet ist, wenn die schwachen Völker von den starken vertilgt werden. Das ist eben das Prinzip des Völkerrechtes und die Grundlage aller Kolonisation. Bleibt noch die Frage, ob Eroberungen in entfernten Ländern für die Nationen immer ein gutes Geschäft sind. Was haben Mexiko und Peru für Spanien getan? Was Brasilien für Portugal? Was Batavia für Holland?

Kolonien kosten vor allem

Es gibt verschiedene Arten von Kolonien, in denen die Europäer nur unkultiviertes, wüstes Land finden. Diese sind dem Mutterland so lange treu, als sie arm sind, trennen sich aber von ihm, wenn sie prosperieren. Es gibt Kolonien, die für die Weißen unbewohnbar sind, aber man bezieht Rohstoffe aus ihnen und führt Waren für die Eingeborenen ein. Und es ist evident, dass von diesen Kolonien nicht das Land sich bereichert, das sie regiert, sondern diejenigen, die dorthin Handel treiben. In der Regel sind sie das nicht wert, was sie kosten. Außerdem setzen sie das Mutterland jeden Augenblick militärischen Unglücksfällen aus.

Da höre ich, dass man mir zuruft: „Aber England!“
England ist weniger ein Volk als eine Rasse. Die Angelsachsen haben kein anderes Vaterland als das Meer. Und dieses England, von dem man glaubt, es sei reich durch seinen ausgedehnten Länderbesitz, dankt sein Vermögen und seine Macht seinem Handel. Nicht um seine Kolonien ist es zu beneiden, sondern um seine Kaufleute, die sind Schöpfer seines Reichtums. Indessen ist es begreiflich, dass die Völker, die viele Kinder haben und viele Fabrikate erzeugen, unter den augenblicklichen Verhältnissen Länderbesitz und Absatzmärkte in der Ferne suchen und sich sie mit List und Gewalt zu sichern streben.

70 Jahre Raub an den Arabern

Aber wir Franzosen! Wir sparsames Volk, das acht darauf gibt, nicht mehr Kinder zu haben, als das Land, in welchem sie geboren werden, leicht ernähren kann. Wir, die nur mäßig fabrizieren und uns nicht gern auf Abenteuer in fernen Ländern einlassen, wir, das glückliche Frankreich, das kaum über die Grenze seines Gartens hinausgeht – wozu brauchen wir Kolonien? Was tun wir damit, was bringen sie uns ein?

Frankreich hat verschwenderisch Menschen und Geld geopfert, damit der Kongostaat, Cochinchina, Anam, Tonking, Guyana und Madagaskar Baumwollwaren in Manchester, Waffen in Birmingham und Lüttich, Branntwein in Danzig und Kisten für Bordeauxwein in Hamburg kaufen. Durch 70 Jahre haben wir die Araber beraubt, haben sie gejagt und gehetzt, um Algier mit Italienern und Spaniern zu bevölkern!

Wer wirklich dran verdient

Das französische Volk hat keinen Vorteil davon, dass es Länder in Afrika und Asien besitzt, dagegen aber gereicht es seinen Regierungen zum großen Vorteil, solche Länder zu erwerben. Das ist für sie das Mittel, sich mit der Armee und Marine gut zu stellen, denen diese Politik Avancement, Pensionen und Orden in Aussicht stellt und überdies den Ruhm, die Neger zu unterwerfen. Sie befriedigen damit die großen Schifffahrtsgesellschaften, die Waffenfabrikanten, die Armeelieferanten und alle Geschäftsvermittler im Parlament. Sie schmeicheln damit der unwissenden Menge, die sich vor Stolz bläht bei dem Gedanken, jenseits des Meeres ein Reich zu besitzen, über das sich der Deutsche bloß und der Engländer gelb ärgert. Diese Menge würde nichts Eiligeres zu tun haben, als sich des Reiches zu entledigen, wenn sie die Budgets unserer Kolonien lesen würde. Aber die Menge versteht es nicht, ein Budget zu lesen.

Der Wahnsinn wird aufhören

Wird der Kolonialwahnsinn nie aufhören? Ich weiß wohl, die Völker sind nicht vernünftig. Es wäre auch gar nicht zu begreifen, wenn sie vernünftig wären, da man sieht, aus was sie zusammengesetzt sind. Aber oft warnt sie ihr Instinkt vor dem, was ihnen schädlich ist. Manchmal sind sie im Stande, zu beobachten. Im Verlaufe der Zeit werden sie sich der schmerzlichen Folgen ihrer Irrtümer und Fehler bewusst. Eines Tages werden sie sehen, dass die Kolonien für sie eine Quelle der Gefahr und eine Ursache des Ruins sind. Seit Spanien Kuba verloren hat, haben sich seine Finanzen erholt. Nach der kommerziellen Barbarei wird die kommerzielle Zivilisation kommen, nach dem gewaltsamen das friedliche Vordringen.
Heutzutage finden diese Ideen schon Eingang in die Parlamente. Sie werden siegen, nicht weil die Menschen uneigennütziger werden, sondern weil sie ihre Interessen immer besser kennenlernen.

Das Wertvollste für die Menschheit ist der Mensch selbst. Um der Erdkugel einen Wert zu geben, muss man zuerst dem Menschen einen Wert geben. Um den Boden, die Bergwerke, die Quellen, um alle Substanzen und Naturkräfte unseres Planten nutzbar zu machen, braucht man den ganzen Menschen – die ganze Menschheit. Die vollständige Ausnützung des Erdkugel erfordert die vereinigte Arbeit aller Menschen.

Wenn wir aber einen Teil der Menschheit herabdrücken, kleiner machen, kurz kolonisieren, so arbeiten wir gegen uns selbst. Unser Vorteil ist es, wenn die Gelben und Schwarzen mächtig, frei und reich sind. Unser Gedeihen, unser Reichtum hängen von ihrem Gedeihen und ihrem Reichtum ab. Je mehr sie von uns Nutzen haben, desto mehr Nutzen haben wir von ihnen. Mögen sie unsere Arbeit im Überfluss genießen, wir genießen dann die ihrige im Überfluss.

Anatole France, geb. 1844, französischer Autor und Literaturnobelpreisträger mit starkem humanitär-sozialistischen Engagement.

("Die Presse", 165 Jahre Jubiläumsausgabe, 29.06.2013)