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1914: „Leben, als ob ein Tag wie alle Tage wäre“

Erster Weltkrieg. Appell an die „oberen Stände“ – wenn der Besuch des Theaters zur Pflicht wird.

[8. September 1914] Das Ungeheure betäubt jeden Geist, aber es ist in der Gewalt des Geistes, diese Lähmung wieder von sich abzuschütteln. Unsere Lähmung von uns abzuschütteln, um das geht es jetzt. Das völlig Unfassliche ist Ereignis geworden; wir erleben's und fassen es nicht, werden es durchstehen, und es wird gewesen sein wie ein dunkler Traum, durch dessen Finsternisse doch Gottes Licht hinzuckte. Es gilt, zu leben, als ob ein Tag wie alle Tage wäre.
Schön war das Jauchzen der Mädchen, der Kinder, die Greise mit Früchten und Blumen in der Hand, von der Salzach bis an den Dnjestr, der jetzt das Blut von braven Männern trinkt; schön ist der scheue, ehrfürchtige Blick, mit dem Frauen und Knaben dem Verwundeten folgen; aber nicht schön ist es, wenn Hunderte sich's zur trägen, schlendernden Gewohnheit machen, vor den Häusern zu stehen, wo man sie hinbringt, um die Bahnhöfe zu lungern und sich aus dem Ungeheuren einen Feiertag zu machen. Die draußen haben keinen Feiertag, und so ist auch Werktag für uns, bis zu dem großen Feiertag, wo sie wieder heimkommen und wir ihnen zujubeln werden, dass es bis ans Gewölb des Himmels hinaufschlägt. Das Warten von einem Zeitungsblatt zum andern ist begreiflich – aber nicht produktiv. Und es handelt sich darum, produktiv zu sein, jeder auf seinem Posten.
Unser sind drei Millionen, die stehen jetzt im Felde, und heute oder morgen holt jeder von ihnen das Übermenschliche aus sich heraus, bei Tag und Nacht, in Sumpf und Wald, im Sand, im Lehm, im Kalkgestein, hungernd und im Feuer, dürstend und im Feuer, schlaflos und im Feuer.
Und unser sind zwölf oder fünfzehn Millionen, die arbeiten in den großen Betrieben, und sie finden vielleicht weniger Arbeit, als sie leisten möchten, und da fehlt's an Baumwolle und dort an Kohle und da an Hanf und dort an schwedischen Erzen und dort an Zylinderöl für die Maschinen, das uns Amerika liefert; aber dieses Ganze wird im Gang bleiben, der Staat erzwingt's, die allgemeine Not erzwingt's, und sie werden sich durchbringen, oder wir werden sie durchbringen, so oder so, es muss sein. Aber es handelt sich noch um anderes, das uns obliegt, uns allein, uns in den großen Städten, uns in Wien vor allem. Da ist unser Schneider, da ist die Putzmacherin, da ist der Wäscheladen, da ist die Federnschmückerin; sie wollen leben. Der Posamentierer und der Lederarbeiter wollen leben. Der Buchhändler und sein Gehilfe wollen leben.

Bravste bei Armee, die Witzigsten bleiben


Nur sehr bedingt ist jetzt das Verkleinern des Hausstandes anzuempfehlen, nur sehr bedingt der Verzicht auf das Überflüssige. Was sonst leeres Getue war, die Pflichten der Geselligkeit, nun sind sie etwas. Die Autos sind bei der Armee, die Pferde sind bei der Armee, aber die behaglichen Häuser sind geblieben, und es werden nicht die schlechtesten Musikabende und Geselligkeiten sein, zu denen man wie im Vormärz zu Fuß geht. Die Bravsten sind bei der Armee, aber es bleiben die Witzigen, die Gelehrten, die Erfahrenen. Man wird diesen oder jenen Saal, in dem wir Beethoven zu hören pflegten, mit Verwundeten belegen und ihm dadurch für alle Zeiten zu seinem Adel noch einen Adel verleihen, aber es werden andere Säle bleiben, und wir werden in Konzerte gehen, wie wir ins Theater gehen werden: um unsere, genau unsere Pflicht zu erfüllen.
Unser sind drei Millionen, die heute und morgen ihre Pflicht tun werden bis zum letzten Atemzug. So seien denn nirgends, in keinem Winkel, ihrer auch nur ein paar Hundert, die sich gegen die allgemeine Pflicht vergehen. Man würde sie aus dem Winkel hervorziehen und strafen müssen.

Hugo von Hofmannsthal (1874–1929) über den Beginn des Ersten Weltkriegs.

("Die Presse", 165 Jahre Jubiläumsausgabe, 29.06.2013)