1923: „Seit Jahrhunderten züchten Feinde Gefühle des Hasses gegen uns Türken"

Subversiv mit Atatürk: Die jüngste Protestbewegung in der Türkei bediente sich des Republiksgründers als Symbol.
Subversiv mit Atatürk: Die jüngste Protestbewegung in der Türkei bediente sich des Republiksgründers als Symbol. EPA
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Interview mit Atatürk. Mustafa Kemal Pascha, der Gründer der modernen Türkei, über die Schaffung der türkischen Republik und das schon damals schwierige Verhältnis zu Europa.

23. September 1923. Es ist schon heute nicht mehr leicht, den Schöpfer der neuen Türkei zu sehen, und noch viel weniger leicht, ihn zu sprechen. Man kann von großem Glück und Zufall reden, wenn man sich nach langer Reise und primitivem Aufenthalt in Angora nicht genötigt sieht, unverrichteter Dinge wieder abzufahren. Den Bemühungen des türkischen Pressebüros hat es Ihr Korrespondent zu verdanken, zu einer Audienz beim obersten Machthaber der neuen Türkei gelangt zu sein. Das Gespräch fand im Präsidentenzimmer der Großen Nationalversammlung statt.

Trotz Macht und Abgeschlossenheit ist das Wesen Ghazi Mustafa Kemal Paschas schlicht, frei, einfach und ungezwungen geblieben. Von seiner karg bemessenen Zeit wusste er in anregender, spannender Rede fast drei Viertelstunden zu erübrigen. Seine Worte sind ruhig und durchdacht, sichtliche Schlussglieder fester Gedankenketten. In seinem Antlitz ist nichts Schlaffes, nichts Schwaches, nichts Zielloses und nichts Unausgesprochenes. Es ist ein Bild gereifter und konzentrierter Energien, straff gespannter Kraft, wohltuend in dieser Zeit der Schwächen und der Mittelmäßigkeiten.

Mustafa Kemal machte Erklärungen von geschichtlicher Bedeutung: Zum ersten Mal seit dem Beginn der nationaltürkischen Bewegung gebrauchte er das bisher sorgsam und peinlich vermiedene Wort Republik: „Ich will Ihnen den ersten Paragrafen der neuen türkischen Verfassung wiederholen. Er lautet: Die Souveränität ist absolutes, ausschließliches Eigentum des Volkes. Alle Regierungsgewalt wird einzig und uneingeschränkt vom Volk selbst ausgeübt. Diese zwei Sätze, ihr Sinn und ihre Deutung sind die klare unzweideutige Definition des einen Wortes: Republik!

Der Entwicklungsprozess der neuen Türkei ist noch nicht beendet. Der Weg muss bis zu Ende gegangen werden. Änderungen, Korrekturen, Verbesserungen sind nötig, die letzte Vervollkommnung ist noch ausständig. Schon in sehr kurzer Zeit wird die Türkei auch in der Form das werden, was sie in ihrem Wesen schon ist: eine Republik! Ebenso wie die verschiedenen, bereits bestehenden Republiken Europas und Amerikas trotz einheitlicher, grundlegender Prinzipien in ihrer äußeren Gestalt sehr weit auseinander gehen können, unterscheidet sich schon heute die Türkei nur in gewissen äußeren Linien von anderen Republiken, ohne in ihrem wahren Wesen davon abzuweichen. Ebenso wie in allen anderen republikanischen Staaten haben auch wir unser souveränes Parlament, sind auch bei uns alle Minister persönlich für die ihnen zukommenden Regierungsgeschäfte verantwortlich."

Nach geistreich durchdachter, vergleichender Zergliederung des türkischen und der hauptsächlichsten sonst bekannten Regierungssysteme resümierte er abschließend: „Wir werden eine Republik sein mit einem Präsidenten, Regierungschef und mit verantwortlichen Ministern, und auch die Frage nach der Hauptstadt der neuen Türkei findet hiemit von selbst ihre Antwort: Angora ist die Hauptstadt der Republik Türkei!"
s-6;0Im weiteren Verlauf sprach Mustafa Kemal Pascha über die vielfach von der europäischen Presse behandelte Frage einer feindseligen Abkehr der Türkei von Europa und der westlichen Zivilisation: „Seit Jahrhunderten ist es Gewohnheit unserer Feinde, mit allen Mitteln, die ihnen zu Gebote stehen, Gefühle des Hasses und der Verachtung gegen uns Türken hochzuzüchten. Diese Gefühle und Gedanken haben sich in den Geistern eingewurzelt und jene besondere westliche Mentalität geschaffen, gegen die wir unermüdlich ankämpfen. Trotz aller Wandlungen und Ereignisse hat sie noch immer nicht gänzlich aufgehört. Immer noch will man im Türken einen Menschen sehen, der jedem Fortschritt abhold und feindlich ist, einen Barbaren, unfähig jeder moralischen und intellektuellen Entwicklung. Nicht zufrieden, uns als ein dem Untergang geweihtes Volk zu betrachten, tat der Okzident alles, um unseren Verfall weiter zu beschleunigen.

„Beziehung zu Europa werktätig fördern"

Es ist wahr, zur Zeit des Kaiserreiches waren die Regierungen der Sultane eifrig bestrebt, jeden direkten Kontakt des türkischen Volkes mit Europa zu hintertreiben, um besser und ausschließlicher über dieses Volk zu herrschen und jede freie Willensäußerung zu unterdrücken; doch wir türkischen Nationalisten schauen in unsere Umwelt mit offenen und klaren Augen, verfolgen aufmerksam und wachsam alle Ereignisse im In- und Ausland. Wir sind uns bewusst, dass es in unserem eigensten Interesse liegt, die Fühlungnahme unseres Volkes mit allen anderen Kulturvölkern nach Möglichkeit zu erleichtern. Wir wollen unser Bestes tun, die rasche, aufschublose Entwicklung der Beziehung zu Europa werktätig zu fördern."

Josef Hans Lazar (* 1895 Istanbul, †1961 Wien) war von 1920 bis 1927 „Presse“-Korrespondent in der Türkei. 1939 trat er in den Auswärtigen Dienst des NS-Regimes ein und arbeitete als Presseattaché in Madrid.

("Die Presse", 165 Jahre Jubiläumsausgabe, 29.06.2013)

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