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1848: Die Revolution – eine Übertreibung

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Reportage. Das aufständische Wien kapituliert, die letzten versprengten Revolutionäre irren ziellos herum. „Die Presse“ ruft dazu auf, aus dem Taumel der Leidenschaften zu erwachen und zur Ordnung zurückzukehren.

[6./7./8. November 1848] Am 31. Oktober, als die Stadt bereits zum zweiten Male übergeben war und die Unmöglichkeit eines Widerstandes selbst allen jenen einleuchtete, welche noch vor kurzer Zeit einen Ruhm darein gesetzt hatten, zu fallen, um ihr Prinzip zu retten; als die Kapitulation sogar unterzeichnet und die völlige Unterwerfung der Stadt schon auf 12 Uhr mittags festgesetzt war, gingen wir, froh, endlich durch das Einschreiten einer gesetzlichen Gewalt dem stündlich wachsenden Terrorismus zu entkommen, in der Stadt herum, in der man noch einen Tag früher nur unter gewissen Bedingungen unangefochten sich sehen lassen konnte.
Wir näherten uns der Goldschmiedgasse und erwarteten, das Aufziehen der kaiserlichen Fahne auf dem Stephansturm zu sehen: Da plötzlich stürzen aus einer Menge Leute, Garden, Studenten und andere in die Arme, erschreckt, flüchtend. Da hörten wir im selben Augenblicke Alarm schlagen, die Sturmglocken läuten und von allen Seiten her immer größere Massen fliehender Männer. ss0;100Die Nationalgarde und ein großer Teil der Legion hatten bereits die Waffen gestreckt, konnten also nicht alarmieren – einziehende Truppen hätten doch auch nicht Sturm läuten lassen, woher kam also der Alarm? Diese Frage erwägend, kamen wir auf den Stephansplatz und sahen: drei Arbeiter der untersten Klasse in Jacken von mattgelbem Flanell und hellblauen Pantalons, verschossene rote Mützen auf dem Kopfe, mit Schaufeln und Hauen bewaffnet – hinter ihnen zwei Weiber ebenso abenteuerlich gekleidet, nur dass sie auf dem Kopfe Männerkappen mit einem Quantum verschiedenfarbiger Federn trugen, dann zwei andere Weiber, die offenbar weder auf der höchsten sozialen noch moralischen Stufe standen, die eine mit einer verrosteten Pistole mit einem Spieß bewaffnet, die andere eine Trommel um den Leib gehängt und wie wahnsinnig den Alarmstreich schlagend. So mancher bewaffnete Proletarier durchlief die Straßen, der eine hinauf, der andere hinunter, sodass man das planlose Herumirren auf den ersten Blick erkannte; jeder aber schrie fürchterlich, sobald er einen unbewaffneten, namentlich einen honett gekleideten Mann erblickte: „Wart! Schwarz-Gelber, du hast auch schon die Waffen gestreckt, ich steche dich nieder!“

So endigte die Wiener Oktober-Revolution im brudermörderischen Kampfe mit Blut und Schrecken, wie sie begonnen hatte. Wir haben sie von ihrem Beginn an missbilligt. Wir haben mit aller Liebe zur Wahrheit weder eine deutsche Bewegung zugunsten der gefährdeten Nationalität noch eine Notwehr für die gefährdete Freiheit in ihr entdecken können. Ob die Zustände der letzten Wochen, ob der Terrorismus, den unsere Demokraten gegen alle, die ihre politische Ansicht nicht teilten, durch Drohungen und öfters selbst durch Tätlichkeiten übten, vielen die Augen geöffnet hat, wissen wir nicht. Vielleicht dauerte unser Revolutionszustand nicht lange genug, um den Ekel aller, die es mit der wahren Freiheit und dem Volke redlich meinen, gegen die revolutionäre Übertreibung in jenem Grade zu erregen, wie wir es heute in Ländern sehen, wo die Erfahrungen mit der Revolution älter und ihre Licht- und Schattenseiten richtiger gewürdigt sind. Wir haben die extreme Fraktion bekämpft, als sie mächtig war, als sie die Meinung durch Gewalt zu knechten suchte. Wir fühlen keinen Beruf in uns, Gefallene zu schmähen und die Verantwortlichkeit der Führer vor ihrem Richter zu erhöhen.

Hass gegen Hof, Adel – dann gegen Bürger

Welcher Zukunft wären wir mit einem siegreichen Proletariat entgegengegangen, und wo hätte die fortschreitende Revolution ihren Ruhepunkt gefunden mit all dem Zündstoff, der uns umgab, mit all dem Hass, den man heraufbeschworen, mit den verderblichen Lehren, die man in die beschränkten Köpfe der Massen geschleudert hat? Heute galt der Hass noch dem Hofe, der Kamarilla, den Aristokraten; morgen wäre jeder Bürger, der einen guten Rock trägt und behaglich wohnt und lebt in den Augen des darbenden Proletariers ein Aristokrat, ein Feind gewesen. Nichts ist täuschender, als der Glaube, dem Glanz einer Revolution da Halt gebieten zu können, wo man es eben wünscht.


In einem Lande, in welchem die Idee der Stetigkeit, der Unbeweglichkeit lange auf den Geistern gelastet hat, wird das Werk der Revolution ein leichtes. Die Disziplin war alles; man verwirft sie, man überlässt sich ganz dem Wellenschlage des Zufalls, er soll zu neuen Ufern führen. Das war der Fall in unserem Staate, man bewegte sich, lief, zerstörte, der Zweck war unbewusst, die Geister unbedeutend, und so war das Treiben der Massen allein von gewaltigem Interesse. Der Degen des Soldaten musste in die Waagschale geworfen werden; die Staatsmänner, welche seit März die Geschicke unseres Vaterlandes leiten sollten, erklärten sich von vornherein für besiegt, sie verstanden die Zeit nicht und waren gerade deshalb Fatalisten, und das Wort eines Ministers, nicht auf der Ministerbank werde jetzt Politik gemacht, sondern das Weltgeschick entscheide, bezeichnete ganz die Armut und die Schwäche der Seelen. Der Sieg der materiellen Ordnung, welche das moralische, das höhere Gleichgewicht vorbereitet, ist nicht bloß in Wien entschieden, ganz Europa erwacht aus dem Taumel der Leidenschaft, man sehnt sich überall nach Frieden und Freiheit.

Leopold Landsteiner war in der Gründungszeit Chefredakteur der Presse.

("Die Presse", 165 Jahre Jubiläumsausgabe, 29.06.2013)