Die "ideologische Missgeburt"

Von vagen Grenzen und der "ideologischen Missgeburt". Das Problem der Nation oder: Wie wir wurden, was wir sind, Teil eins.

 

Gerade einmal 25 Jahre ist es her, dass Jörg Haider die österreichische Nation als „ideologische Missgeburt“ bezeichnet hat. Nur vier Jahre später initiierte er das Volksbegehren „Österreich zuerst“. Ja, was nun? Eine Quotenregelung für Missgebildete? Im Umgang mit der österreichischen Nation verkörpert Haider zwei populistische Extreme in einer Person: tiefe Verachtung und hysterische Bejahung.

Und die deutsche Nation? Mein Schulatlas mit dem Titel „Deutschland und die Welt“ war seltsam unbestimmt bei der Kennzeichnung, wo Deutschland aufhört und wo die Welt beginnt. Die DDR war nur gestrichelt umrahmt. Sie hatte keine Grenzen, sondern „Demarkationslinien“, ebenso wie die nach dem Krieg verlorenen Gebiete Schlesien, Pommern und Ostpreußen: Die waren fett rot umrahmt und standen unter polnischer bzw. sowjetischer „Verwaltung“. Deutschland sah irgendwie unfertig aus, wie ein Bauplan eines unschlüssigen Architekten, der zur Sicherheit ein paar Dinge offen gelassen hatte. Gedruckt wurde der Atlas 1974, vier Jahre nach Willy Brandts Kniefall vor dem Warschauer Mahnmal. Verwendet habe ich ihn bis zu meinem Abitur im Jahr 1982.


Warum war der Umgang der Deutschen und der Österreicher mit ihrer eigenen Nation lange Zeit so heikel? Ein Blick zurück: Begonnen hatte alles im selben Boot, im Heiligen Römischen Reich. Aber dieses Reich war keine geeinte Nation, sondern ein jahrhundertealtes, zersplittertes Gebilde aus hunderten souveränen Territorien, Städten und Rittergütern, überdies konfessionell gespalten. Österreich war die deutsche Führungsmacht, aber die Habsburger, Träger der deutschen Kaiserkrone, waren allmählich aus dem Reich hinausgewachsen, zum Balkan und nach Italien. Und mit den Preußen war ihnen ein zäher Konkurrent um die erste Geige in Deutschland herangewachsen.

Doch gerade aus dieser Zersplitterung wuchs am Ende die Idee der Nation, zunächst nur in den Köpfen weniger Bürger und Adliger. Denn jeder dieser Flecken brauchte im 18. Jahrhundert gut ausgebildete Staatsbeamte, die sich in Verwaltung, Handel, Justiz und Wissenschaft auskannten, um nicht gegen die großen Handelsmächte wie England oder Frankreich völlig ins Hintertreffen zu geraten. Und in den Köpfen dieser Beamten, Pfarrer, Juristen, Professoren und Buchhändler entstand allmählich die Idee einer deutschen Kulturnation. Man entwickelte Bürgerstolz, sprach im grenzüberschreitenden Austausch nicht länger Französisch, die Sprache der Höfe. Die deutsche Hochsprache entstand, das erste gemeinsame Band. Was für die Engländer der König und London waren, waren für die Deutschen Goethe und Weimar.

Und hier beginnt das Problem. Denn sollte diese Idee der Kulturnation jemals staatliche Realität werden, was sollte dann mit dem Reich der Habsburger geschehen, wo man nicht nur Deutsch sprach, sondern auch Ungarisch, Italienisch und Slawisch in mannigfacher Gestalt? Ausgerechnet eine so hehre Idee wie die Kulturnation sollte sich schon bald als das explosivste Sprengmittel erweisen, das die Menschheit bis dahin gesehen hatte.

dietmar.krug@diepresse.com

 

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