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"Untauglich - yes!" Wo die Jugend geprüft wird

Im Stellungshaus in St. Pölten werden täglich 60 junge Männer untersucht. Aber nicht jeder will sich vom Grundwehrdienst drücken.

Die Lust, zum Bundesheer zu gehen, ist wohl genauso groß wie seine Kraftanstrengung: Ein junger Mann sitzt auf einem Trainingsgerät und gibt sich Mühe. Mühe, kraftlos und schwach zu wirken. Er schnauft und schnaubt, aber die Gewichte bewegen sich nur wenige Millimeter. „Er kriegt einen Punkt“, meint der zuständige Arzt. Die Skala reicht von null bis neun: Je höher die Ziffer ist, desto fitter ist der junge Mann.

Hier im Stellungskommando in St.Pölten kennt man das schon. Immer wieder gebe es junge Männer, die sich vor ihrem Dienst drücken wollen. „Aber so oft, wie die Leute glauben, passiert das auch wieder nicht“, sagt Wilhelm Hauenschild. „Und wir sind ja auch nicht hinter jedem her.“ Hauenschild leitet die Kommission in Niederösterreich. Rund 60 junge Männer werden pro Tag untersucht, im Jahr schafft man es auf einen Schnitt von 11.300. „Davon sind bis zu 15 Prozent untauglich“, erklärt Hauenschild. Sie müssen also keinen Dienst ableisten.

Jetzt, mit der Reform der Wehrpflicht, sollen die Tauglichkeitskriterien zum Teil überarbeitet werden – oder jedenfalls je nach Einsetzungsgebiet flexibler gestaltet werden(siehe auch Interview oben). Auch ein sogenannter Talentecheck für die zukünftigen Rekruten wurde angekündigt – um die jungen Männer besser nach ihren Fähigkeiten einzusetzen. „So etwas machen wir hier eigentlich jetzt schon“, sagt Hauenschild. Aber er warte noch auf genauere Anweisungen von der Politik.


Tauglich oder nicht? Warten müssen hier im Aufenthaltsraum in St. Pölten auch rund dreißig junge Männer in grünen und weißen kurzen Hosen. Bald gibt es den Bescheid: Tauglich oder nicht. „Wir sitzen hier schon seit drei Stunden“, beschwert sich einer von ihnen. Das sei das, was sie an der Stellung am meisten störe. Sonst seien sie vom Personal recht freundlich behandelt worden.

Zwei von ihnen haben ihr Gespräch schon hinter sich: „Untauglich – yes!“, ruft einer. Der andere sieht die Sache anders: „Ich hätte beim Militär eigentlich den C-Führerschein machen wollen. Aber ich bin nicht zugelassen“, sagt er, sichtlich niedergeschlagen.

„Über ein Drittel der Untauglichen hat Probleme mit dem Bewegungsapparat“, meint Hauenschild. Darunter würde etwa eine Krümmung der Wirbelsäule fallen. Aber auch psychische Probleme wie Angstzustände seien immer wieder ein Ausschließungsgrund – über 24 Prozent der Diagnosen fallen in diesen Bereich. Danach folgen Hörbeeinträchtigungen, aber auch Über- und Untergewicht.

Bis die Diagnosen allerdings erstellt werden können, müssen die jungen Männer einige Tests über sich ergehen lassen: Eineinhalb Tage dauert die Stellung insgesamt, vom psychologischen Test bis hin zum EKG ist alles dabei. „Das ist aber nicht nur für das Militär wichtig. Die Burschen kriegen auch eine gründliche Gesundenuntersuchung“, meint Hauenschild. So hätte auch schon Hodenkrebs frühzeitig entdeckt werden können. „Oder auch andere Krankheiten, die sonst vielleicht viel später diagnostiziert worden wären.“


Sechs Standorte. Das Stellungszentrum in St. Pölten gibt es bereits seit den 1970er-Jahren. Seitdem wurden fünf weitere Standorte erbaut: in Wien, Innsbruck, Linz, Graz und Klagenfurt. Hier werden sie nicht nur untersucht, sie kriegen auch einen Vorgeschmack auf ihre Militärzeit: Übernachtet wird in einem Zimmer mit bis zu 16 Betten, Weckruf ist um 5.30 Uhr. „Auch das Bett müssen sie selbst machen. Für manche eine schier unlösbare Aufgabe“, meint Hauenschild und lacht.

Damit im Unterricht nicht zu viele fehlen, werden Stellungstermine für einzelne Schulen angeboten. Sonst müssen die jungen Männer je nach Gemeinde zu einem bestimmten Termin erscheinen. Und wenn sie es nicht tun? „Dann kommt im schlimmsten Fall die Polizei“, meint Hauenschild.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2013)