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Das privatisierte Klassenzimmer

(c) Clemens Fabry

Österreichs Schulwesen ist nicht nur sehr teuer, sondern auch ziemlich unsozial. Höchste Zeit, die Bildung unserer Kinder dem Markt zu überlassen.

Es gibt in Österreich eine Reihe von Themen, an denen man besser nicht anstreift. Wer zu meinen glaubt, dass hierzulande etwas länger gearbeitet werden sollte als bis zum Erreichen des 58. Lebensjahres, behält das lieber für sich. Nicht sehr schlau ist es auch, laut über eine Öffnung der Geschäfte an Sonntagen nachzudenken oder sich zu fragen, warum in einem Land, dessen Kalender zwölf Monate zählt, eigentlich 14Gehälter zur Auszahlung kommen. Geradezu neoliberal ist es, die großzügige Alimentierung der Bauern durch die Steuerzahler zu hinterfragen.

Aber das alles ist nichts gegen den leisesten Hauch der Kritik am staatlichen Bildungswesen. Wer es nicht lassen kann, macht in Windeseile Bekanntschaft mit einer ziemlich kampfbereiten Berufsgruppe, die unglücklicherweise dazu neigt, jede kleine Nörgelei am Schulwesen als Angriff auf die eigene Person zu deuten.

Was folgt sind elendslange E-Mails, die vor allem eines offenbaren: Österreichs Nachwuchs wird von einer tief gekränkten und demoralisierten Lehrerschaft unterrichtet. Einer Lehrerschaft, die sich überfordert und schlecht bezahlt fühlt. Das ist insofern überraschend, als Österreichs Pädagogen – statistisch gesehen – vergleichsweise gute Bedingungen vorfinden. Sie stehen deutlich kürzer im Klassenzimmer als ihre Kollegen in der industrialisierten Welt, werden aber zu jedem Zeitpunkt ihrer Karriere besser bezahlt.

Das jedenfalls behauptet die aktuellste Bildungsstudie der OECD („Education at a glance“). Das 440 Seiten dicke Werk bestätigt einen bereits bekannten Befund: Österreichs „Gratis“-Schulwesen zählt zu den teuersten der Welt, aber keineswegs zu den besten. Um in Österreich einen Schüler von der Volksschule bis zur Universität zu bringen, investiert der Staat im Namen seiner Steuerzahler 9558 Euro, um 34 Prozent mehr als im Schnitt der industrialisierten Welt (kaufkraftbereinigt).

Überforderter Lehrer Staat. Unterdurchschnittlich ist nicht nur das Abschneiden heimischer Schüler bei internationalen Leistungsvergleichen, sondern auch die Unterrichtszeit. Wird in einem industrialisierten Land in der Unterstufe im Schnitt 709 Stunden im Jahr unterrichtet, sind es in Österreich 607 Stunden. Wird in der Oberstufe üblicherweise 664 Stunden jährlich gelehrt, sind es hierzulande 589 Stunden.

Das alles ändert nichts daran, dass eine breite Mehrheit der Bevölkerung meint, das Bildungssystem müsse unbedingt in staatlicher Hand bleiben. Nur so wäre Chancengleichheit möglich. Und das, obwohl das öffentliche Bildungswesen das genaue Gegenteil liefert. Der Unterricht hat sich längst von der Schule in das eigene Wohnzimmer verlagert. In heimischen Schulen wird gerade einmal 180 Tage im Jahr unterrichtet – in dieser Zeit wird der gesamte Stoff abgehandelt, was wiederum bedeutet, dass das Bildungswesen dazu ausgelegt ist, einen großen Teil der Arbeit an die Eltern zu delegieren. Schaffen diese das nicht oder können teure Nachhilfe nicht bezahlen, bleiben ihre Kinder auf der Strecke.

Nun versucht die Politik seit gefühlten 100 Jahren, die Lehrer zu einem längeren Aufenthalt in den Schulen zu bewegen. Vergeblich. Was nicht nur an der Starrköpfigkeit der Gewerkschaft liegt, sondern vor allem an der Genügsamkeit der Regierenden. Dabei sollten gerade sie die unnützen Debatten endlich beenden und zu radikalen Lösungen greifen, um die Kinder einkommensschwacher oder bildungsferner Elternhäuser aus der Geiselhaft der Lehrergewerkschaft zu befreien. Wie das geht? Ganz einfach, indem der Staat ein neues Bildungssystem zulässt, parallel zum bestehenden. Ein Bildungssystem, in dem es Wettbewerb und Wahlmöglichkeiten gibt. In dem nicht der Staat zwischen privaten und öffentlichen Schulen unterscheidet, sondern die Eltern zwischen guten und schlechten. Ein Bildungssystem, in dem das Steuergeld den Schülern folgt. Hat eine private Schule das bessere Angebot, fein. Hat es eine öffentliche Schule, auch gut. Entscheidend ist, dass dem Nachwuchs unabhängig von der sozialen Herkunft eine konkurrenzfähige Bildung geboten wird.

Das wird zweifellos teuer. Aber sich dafür zu verschulden ist allemal besser, als über schuldenfinanzierte Konjunkturpakete Löcher in den Boden zu graben. Und ja, liebe Lehrer: Wir alle wissen, dass es unter Ihnen viele gibt, die einen verdammt guten Job machen. Und nein, niemand meint es schlecht mit Ihnen. Wir alle sollten es nur endlich gut mit jenen meinen, um die es hier geht: die Schüler. Auch wenn man das hierzulande besser für sich behält.

franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2013)