Fabian Cancellara: "Euer Rennen hat wirklich Charme"

Fabian Cancellara Euer Rennen
Fabian Cancellara Euer Rennen(c) EPA (ALESSANDRO DELLA VALLE)
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Fabian Cancellara ist Olympiasieger, mehrfacher Weltmeister und ein Star der Szene. Der Schweizer lässt die Tour de France sausen, er fährt dafür in Österreich.

Die Presse: Sie sind ein Star der Radsportszene, die Frage liegt auf der Hand: Warum fahren Sie die Österreich-Tour, wenn parallel die Tour de France stattfindet?

Fabian Cancellara: Ich habe heuer eine andere Zielsetzung, mir geht es vor allem um die WM im September in der Toskana. Und da passt die Österreich-Rundfahrt von Profil her gut ins Programm. Natürlich ist die Tour de France was ganz anderes, ein Klassiker auf einem anderen Niveau. Aber die Tour ist immer gleich – also mache ich jetzt einmal etwas anderes. Und, mein Österreich-Start hat auch einen tieferen Sinn. Das Team und ich, wir wollen eurer Rundfahrt helfen. Das Rennen hat Probleme. Es darf nicht sterben.


Haben kleine Radrennen denn noch eine Überlebenschance neben Klassikern wie Tour, Giro und Vuelta?


Natürlich, sie müssen weiter existieren. Das ist für unseren Sport wichtig. Ihr habt eine schöne Rundfahrt, zwar mit vielen Anstiegen, die mir nicht so liegen wie Bergfahrern, aber trotzdem. Ich will mithelfen, dass Werbung gemacht wird, damit euer Rennen überlebt. Und: Kleine Rennen haben großen Charme. Man weiß, dass sich alle Verantwortlichen noch mehr Mühe geben und man nicht nur eine Nummer ist.


Binnen kürzester Zeit nannten mehrere Stars: Sie, Tom Boonen, Ivan Basso etc. – wer ist denn nun der Favorit?

Also, ich habe keinerlei Ambitionen auf das Gesamtklassement. Ich bin schließlich Einzelzeitfahrer, da will ich mich behaupten. Für mich sind steile Bergankünfte aber eine Charakterfrage. Ich kann nicht sagen, was passieren wird, sollte ich auf dem Weg zum Kitzbühler Horn ganz vorn in einer Ausreißergruppe dabei sein. Ich glaube, den Favoriten kann man jetzt noch nicht sehen.

Sie haben Klassiker wie Paris–Roubaix, Flandernrundfahrt oder Mailand–San Remo gewonnen. Welchen Stellenwert haben diese Rennen für Sie?

Diese Rennen sind Monumente unseres Sports! Ich habe auch schon eine Woche lang das Gelbe Trikot getragen, das war schön. Diese Rennen gefallen dir – oder eben nicht. Ich will aber nicht nur mitfahren, sondern gewinnen.


Wie hart bzw. schmerzhaft sind denn die unzähligen Pflastersteine bei Paris–Roubaix, der „Hölle des Nordens“?

Die merkst du deutlich, das ganze Spektakel ist aber reine Einstellungssache. Es kommt viel auf die Kraft, aber auch auf dein Material an. Hauptsache ist, dass du nicht stürzt. Dann wird es ärgerlich.


Sie sind bereits oft schwer gestürzt. Fährt jetzt Angst bei Ihnen mit?

Ach, Stürze gibt es so viele. Du musst danach sofort wieder aufstehen. Das ist bei Radfahrern fast ein Reflex. Das hast du in dir drinnen, das trainierst du auch. Klar, du hast zwar nur sehr schmale, 22 Millimeter breite Reifen und fährst hunderte Kilometer mit denen bergab und bergauf. Es gibt nicht viel Spielraum, ein Unfall oder Sturz kann immer passieren.


Haben Sie sich jemals ausgerechnet, wie viele Kilometer Sie pro Jahr unter die Räder nehmen?


Sicherlich. Es sind zwischen 25.000 und 30.000. Das ist mehr, als manch Kleinfamilie mit dem Auto schafft, ich schau mir dabei aber auch noch die Gegend an. Dafür sitze ich oft fünf bis sechs Stunden pro Tag auf dem Rad. Das Wichtigste ist im Lauf der Jahre aber nicht die Distanz geworden, sondern die Erholung, die Regeneration. Dein Körper ist schließlich keine Maschine.


Maschine ist ein gutes Stichwort: Ihnen wurde 2010 unterstellt, dass Sie einen Elektromotor im Rad hätten, also ein E-Bike fahren würden und . . .


. . . das war eine skandalöse Geschichte, sehr komische Sache. Ich sehe es mittlerweile aber auch als Kompliment, weil ich so schnell unterwegs war. Aber da war kein Motor drin, gar nichts. Das wurde mir von Medien und Neidern angedichtet, eindeutig! Ich habe aber meine Rennen im Kopf, lasse mich nicht irritieren. Und: Alle, die mich kennen, wissen, wo ich meine Räder daheim abstelle. Es kann jeder nachschauen kommen. (lacht)


Es gibt ein Thema, das den Radsport überschattet – Doping. Da kann nicht jeder nachschauen.

Ich bin für Klarheit, aber das ist doch logisch. Ich bin auch dafür, dass Doping bekämpft wird. Man darf aber seine Sportart nicht kaputt machen. Die Kontrollsysteme, die wir jetzt haben, sind gut. Schwarze Schafe wird es immer geben, es ist wie im Straßenverkehr – die Polizei schnappt auch nicht immer jeden Raser, oder? Der Radsport hat darunter sehr gelitten, ist aber populär geblieben. Er ist wichtig für die Wirtschaft, die Industrie, es wird weiterhin gesponsert und das ist gut so. Denn so geben wir dem Nachwuchs und der Jugend eine Chance, wir zeigen den Weg vor.

In Österreich werden Radprofis auf offener Straße selten erkannt. Wie ist das in der Schweiz?

Oh doch, ich werde erkannt, aber die Menschen sprechen dich selten an. Sie haben Respekt. Man muss es bei uns aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten. Warum sonst leben so viele Anwälte, Banker oder Sportstars wie Vettel und Schumacher in der Schweiz? Oder Tina Turner und Phil Collins? Nicht nur der guten Luft, des Landes oder der Steuer wegen. In der Schweiz geht man respektvoll miteinander um. Egal, ob berühmt, bekannt oder nicht. Wir sind alle gleich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2013)

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