Der Kanadier Mark Carney ist nicht nur der erste Ausländer an der Spitze der Bank of England. Er ist auch der bisher mächtigste Gouverneur in der Geschichte der Zentralbank.
[London] Der Job gilt als der zweitschwierigste Posten nach dem Amt des Trainers der englischen Fußballnationalmannschaft. Doch wenn der Kanadier Mark Carney am heutigen Montag als erster Ausländer in der 319-jährigen Geschichte der Bank of England das Kommando in der Londoner Threadneedle Street übernimmt, könnten die Erwartungen kaum höher sein: „Der herausragendste Notenbanker unserer Zeit“, sagte Schatzkanzler George Osborne über seinen Wunschkandidaten nach der Ernennung im vergangenen November. Und selbst die Labour-Opposition sprach von einer „guten Wahl“.
Die Erwartungen sind umso höher, weil Carney als 120. Gouverneur der Bank of England ein schweres Erbe antritt. Seinem Vorgänger, Mervyn King, wird vorgeworfen, die Finanzkrise zunächst verschlafen zu haben, ehe sich der Notenbanker ab 2009 zum Handeln entschieden habe.
Carney soll nun den Weg aus der Dauerkrise weisen. Kurz gesagt: Die Briten erwarten sich von ihrem neuen Notenbankchef nicht viel weniger als ein Wunder. Nicht nur, dass bei den britischen Banken eine riesige Kapitallücke klafft. Auch eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung ist bisher noch nicht eingetreten. Die offizielle Wachstumsprognose für dieses Jahr liegt bei mageren 0,9 Prozent. Ungeachtet dessen bleibt die Inflation über der Zielvorgabe von zwei Prozent. Dennoch hält die Notenbank angesichts der Konjunkturflaute seit bereits vier Jahren an einem historisch niedrigen Leitzinssatz von 0,5 Prozent fest. Zugleich hat Carney-Vorgänger King mit der Politik des „Quantitative Easing“ 375 Mrd. Pfund (438 Mrd. Euro) in die Wirtschaft gepumpt. Doch seit mehr als einem Jahr fand Vorgänger King keine Mehrheiten mehr im geldpolitischen Komitee der Zentralbank, das weitere Geldspitzen zustimmen muss.
Höheres Gehalt als Vorgänger
Spätestens seit der Ankündigung von US-Notenbankchef Ben Bernanke, der ultralockeren Geldpolitik ein Ende setzen zu wollen, weiß man auch in Großbritannien: Die Notenbank kann die Geldschleusen nicht für immer so weit offen lassen. Und man weiß auch, dass ein Ausstieg aus dem Programm gut vorbereitet sein muss. Genau hier liegt auch eine der Stärken des 48-jährigen Kanadiers. In seiner Zeit als Gouverneur der Bank of Canada führte er eine Politik langfristiger Zusagen ein, auf die er auch Taten folgen ließ. Damit gewann er das Vertrauen der Märkte. Auch galt es als sein Verdienst, dass Kanada auf dem Höhepunkt der Finanzkrise weitgehend unbeschadet davonkam.
Während King 2008 in London die Zinsen noch anhob, setzte Carney in Ottawa zu einem Radikalschlag an und senkte den Leitzinssatz auf 0,25 Prozent. Kritiker meinen, dass er damit jene Immobilienblase entfachte, die gerade in Kanada platzt: „Er geht genau zur richtigen Zeit“, moniert ein Kritiker.
Überwiegend schlagen Carney aber Lobeshymnen entgegen. „Er war immer der Klügste im Raum“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Nach einem Studium in Harvard ging er zur Investmentbank Goldman Sachs und machte ein Doktorat in Oxford, wo er auch seine britische Frau kennenlernte, mit der er vier Töchter hat. Nach 13 Jahren erfolgreicher Karriere bei Goldman Sachs wechselte er dann im Februar 2008 als Vizegouverneur zur Bank of Canada: „Ich glaube, ich habe gerade meinen Nachfolger eingestellt“, soll sein Vorgänger David Dodge einmal gesagt haben.
Carney hat in Großbritannien jedenfalls einiges zu tun. Reformen der jüngeren Vergangenheit spielen ihm dabei aber in die Hände: Denn dem Notenbanker untersteht nicht nur das Komitee zur Finanzstabilität, sondern auch die Bankenaufsicht, wie die Betrugsbekämpfungsbehörde. Damit gilt „der George Clooney der Finanzwelt“ als der wohl bisher mächtigste Gouverneur der Bank of England. Mit einem Jahresgehalt von 874.000 Pfund ist er auch der bestbezahlte. Als sein Lebensmotto nannte er einmal: „Lernen, verdienen, dienen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2013)