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Shitstorm am Compi und eine Vollpfosten-Vorständin

Der neue "Duden" erscheint, was ist neu, was weg? Über das "Liebesschloss", verkannte "Kontaktdaten" und verbannten "Mohammedanismus".

 

Kein „Telekrat“ zieht heute noch einen „Autocoat“ an, während seine Frau schnell ihr „Makartbouquet“ fertig bindet. Er ist in Internetzeiten obsolet, der Kurzmantel fürs Auto ist auch aus der Mode, und wenn heute überhaupt noch jemand einen Strauß aus Trockenblumen macht, dann denkt er oder sie dabei eher nicht an den vor 130 Jahren verstorbenen Künstler Hans Makart.

Auch viele andere Wörter finden sich in der neuen „Duden“-Auflage, die am Donnerstag erscheint, nicht mehr: etwa „halbschürig“ für „minderwertig“, abgeleitet von der schlechten Wollqualität, wenn Schafe halbjährlich geschoren wurden. Oder „Stickhusten“ statt Keuchhusten. Oder „Mohammedanismus“: Hitler verwendete dieses Wort für den Islam noch selbstverständlich: „Hätte bei Poitiers nicht Karl Martell gesiegt, so hätten wir viel eher noch den Mohammedanismus übernommen, diese Lehre der Belohnung des Heldentums.“

So wenig wie den „Mohammedanismus“ wird man die hässlichen Wörter „münzmäßig“ oder „beziehentlich“ vermissen. Und dass die „Diligence“ oder die „Füsillade“ so lange überlebt haben, kann nur der Nostalgie der „Duden“-Verfasser geschuldet sein. Auch der „Buschklepper“ ist weg, es gibt wohl nicht mehr genug Büsche, hinter denen sich Diebe verstecken können.

Dafür hat der beliebte „Shitstorm“ es in den „Duden“ geschafft, eine im Internet nicht so wirklich sachlich, aber umso empörter geführte Diskussion. Der Computer darf nun hoch offiziell „Compi“ heißen, ein Trottel darf mit dem Segen der „Duden“-Redaktion „Vollpfosten“ genannt werden. Vor allem aber ist nun endgültig entschieden, dass „der Stand“ nicht nur sprachlich eine männliche Domäne ist, sondern auch sexuell: Der „Duden“ kennt nun auch die „Vorständin“.

Das „Alkoholschloss“ ist zwar weder in Deutschland noch Österreich eingeführt, der „Duden“ bereitet es aber schon vor. (Erst in Holland müssen Promillesünder Alkoholsperren in ihr Auto einbauen lassen, die das Auto bei Trunkenheit automatisch streiken lassen). Ein schöner Beweis dafür, dass Romantik noch existiert, ist das neue „Liebesschloss“ – für an (auch Wiener) Brückengeländern als Symbol dauerhafter Paarliebe angebrachte Vorhängeschlösser, deren Schlüssel in den Fluss geworfen werden.

Von den großen Themen unserer Zeit zeugen die im „Duden“ neuen Wörter „Energiewende“, „Finanztransaktionssteuer“, „Schuldenbremse“, „Schuldenschnitt“ oder „fremdvergeben“ (für das bei Unternehmen so beliebte „Outsourcen“). Einer der kreativsten, nun vom „Duden“ geadelten Neologismen ist die „Arabellion“. Erfunden hat sie die „FAZ“, um die Revolte im arabischen Raum auf den Punkt zu bringen. Angesichts der Auswüchse der Spaßindustrie, die jeden alt aussehen lassen, der sich nur „unterhalten“ will, ist auch das neue „Duden“-Wort „bespaßen“ sehr praktisch. Im Jahr 2000 kam es im Internet drei Mal vor, jetzt liefert Google dazu schon 150.000 Ergebnisse.

Wörterbücher sind keine Trendsetter, sie reagieren zunächst bewusst abwartend auf den Sprachwandel. Manchmal verschlafen sie aber einfach. Der „Ehrenmord“ oder „Babyblues“ kamen erst 2009 in den „Duden“. Und heuer hat es endlich eines der meistverwendeten Wörter des Deutschen geschafft: die „Kontaktdaten“.

 

E-Mails an: anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2013)