Manchmal grausam, meistens unterhaltsam: "Happy End", ein Abklatsch von Brechts "Dreigroschenoper", im Wiener Volkstheater.
B
recht und sein Harem: ein dickes Kapitel. Haben ihn die Frauen in spiriert oder hat er sie ausgenützt? Vermutlich beides. Eine seiner gewichtigeren Helferinnen war Elisabeth Hauptmann (1897-1973). Ihr lieferte Brecht die Idee und Songtexte für ein Musical-Play, um an den Erfolg der Dreigroschenoper (1928) anzuschließen. Er selbst arbeitete lieber an "Mahagonny" und an der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe". Von beiden Werken finden sich Motive in "Happy End", das, wie man auch im Programmheft liest, kein Erfolg war. Warum also spielt das Volkstheater das Stück? Weil es ein paar tolle Songs zu bieten hat und weil man wenigstens zwei Schauspieler zur Verfügung hat, die den Abend sehenswert machen: Julia Cencig als Heilsarmee-Mädchen Lilian Holiday und Gregor Blo©b, Bruder von Tobias Moretti, der als Gangster Bill Cracker am Haus debütiert.
Beauty und Beast, Chicago, Bankraub: Brecht schreibt bei sich selbst ab, Hauptmann bei ihm und Kurt Weill bei sich selbst. Das Ganze ist nicht der Rede wert. Wäre da nicht Regisseur Erhard Pauer, der kräftig gestrichen hat und das Ensemble zu temperamentvollem Spiel animiert.
Zu Beginn der Aufführung hat man noch den Eindruck, dass sich bei manchen Mimen angesichts des nahenden Endes der Ära von Volkstheater-Direktorin Emmy Werner Schlendrian und Resignation breit machen. Mit der Zeit gewinnt die Sache immer mehr an Ausstrahlung - und nach der Pause hat die flotte Revue die Josefstadt-Dreigroschenoper überrundet.
Das Fetzige, Schleißige liegt den VT-Mimen. Sie scheinen es zu genießen, absolvieren einer nach dem anderen teilweise prächtig ihre zugkräftigen Solo-Nummern und ziehen das Publikum mit. Blo©b macht sich gar nicht erst die Mühe, aus seinem Bill Cracker einen Mackie Messer zu formen. Ironisch augenzwinkernd absolviert er die Verwandlung vom Einbrecher, der dummerweise infolge weiblicher Verführungskünste die Stunde X des Bankraubs versäumt hat, zum Fahnen schwingenden Heilsarmisten. Glaubt eh keiner, was soll's?
Umso entspannter lässt sich das erledigen, speziell mit einer so reizenden Frau wie Miss Holiday, die ihren widerstrebenden Galan mit dem "Surabaya Johnny" endgültig besiegt. Wohl noch nie hat dieses berühmte Lied von der abgrundtiefen Verbitterung nach der großen Leidenschaft so süß, werbend geklungen wie bei Cencig. Fritz Hammel triumphiert als formidable Puffmutter (Haube und Samt-Mantel) mit dem Song von Mandelay. So gut sahen Männer-Haxen in Damenstrümpfen noch nie aus. Pech hat Nina Proll mit ihren Theater-Auftritten. Erst die unsägliche Barbarella, diesmal durfte Prolls Rolle aus urheberrechtlichen Gründen nicht erweitert werden. Böse Brecht-Erben. Als Bardame und Heilsarmee-Jane bleibt Proll eher blass.
Isabel Weicken ist eine divahafte Bandenchefin und eine eher schmerzhaft forcierende Höllen-Lili. Die übrigen: solide, ganz komisch bis routiniert. Am Ende winken lauter Hochzeiter von der Bühne, und man geht nach Hause mit dem Gefühl, doch einen recht netten Abend verbracht zu haben.