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Wie geht man um mit dem Leben nach dem Tod?

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geht Leben nach(c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)
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In Grundlagenforschung und Pharmaentwicklung wird rund um den Erdball mit Zellen von Menschen gearbeitet, die vor Jahrzehnten verstorben sind.

1951 starb in den USA eine junge schwarze Frau, Henrietta Lacks, an Krebs, 1962 wurde in Stockholm ein Embryo abgetrieben, man kennt nicht einmal den Namen der Mutter. Beide Ereignisse haben nichts miteinander zu tun, aber etwas haben sie gemeinsam: Teile des Embryos leben heute noch, sie heißen Wi-38, und Teile der Frau leben auch noch, sie wurden unter dem Namen HeLa bekannt. Beide sind (Nachfolger von) Zellen, die man den Toten entnommen und kultiviert hat, zu Zelllinien, die bis heute in vielen Labors um die Erde ihre Dienste tun. Geht das? Für die Medizin waren und sind HeLa und Wi-38 von unschätzbarem Wert, aber ethisch sind beide hoch umstritten.

Denn vor 50, 60 Jahren dachte kein Arzt daran, Patienten – oder Angehörige – zu fragen, ob er Zellen entnehmen und verwerten, gar unsterblich machen darf. Das ist heute anders, aber das Erbe ist explosiv: Diesen März wurde wieder einmal etwas über HeLa publiziert, wie tausende Male zuvor, diesmal war es das sequenzierte Genom. Das ging Henrietta Lacks' Erben zu weit, sie protestierten und fanden so viele Mitstreiter, dass die Forscher sich entschuldigten und die Publikation zurückzogen (Naturenews, 27.3.).

 

Impfstoffe aus Abgetriebenen

Bei Wi-38 ist das anders: Zum einen gab es keine Kläger – die Mutter blieb anonym –, und zum anderen liegt der Fall vertrackter. Bis zu Wi-38 stammten alle Zelllinien aus Tumoren, die konnte man daran studieren. Aber man wollte auch gesunde Zellen erkunden, und man wollte sie nutzen, für die Herstellung von Impfstoffen. Man wollte an ihnen auch herausfinden, ob gesunde Zellen durch Viren zu Tumorzellen werden. Darauf spezialisiert war Leonard Hayflick, ein Mitarbeiter des Wistar Institute for Anatomy and Biology in Philadelphia, er holte den abgetriebenen Embryo aus Stockholm und zog aus Lungenzellen die Zelllinie, die in ihrem Namen die Initialen seines Instituts trägt.

Das hatte schon Wi-1 bis Wi-37 im Angebot – andere Zelllinien –, aber Wi-38 war besonders gefragt, bei Impfstoffherstellern. Zunächst ging es um Röteln, die kommen von einem Virus, das Embryos töten kann, wenn die Mutter infiziert ist, und wer doch zur Welt kommt, ist oft mehrfach behindert. In den 60er-Jahren wütete in England eine Epidemie, deshalb ging Stanley Plotkin, ein anderer Forscher bei Wistar, an die Arbeit, er entwickelte aus dem Virus – und Wi-38 – einen Impfstoff, später folgten andere, gegen Polio, Masern etc. Hunderte Millionen Menschen wurden damit geschützt, die Pharmaindustrie machte Milliarden Dollar.

Aber rasch kam Gegenwind, von Abtreibungsgegnern, viele verweigerten Impfstoffe aus Gewebe Abgetriebener, manche gingen in die Offensive, etwa die Initiative Children of God for Life. Sie machte die Aktionärsversammlungen der Pharmafirmen zur Bühne, sie wollte 1973 einen Nasa-Flug mit Wi-38 an Bord verhindern, sie wandte sich endlich 2003 schriftlich an den Vatikan. Zwei Jahre später kam die Antwort: Gute Katholiken sollten der Pharmaindustrie, die mit Wi-38 arbeitet, „im Rahmen der Gesetze das Leben so schwer machen wie möglich“. Aber: Wenn es keinen anderen Impfstoff gebe, sei eine Impfung „legitim“.Plotkin kann damit leben: „Ich bin stolz darauf, dass mein Impfstoff tausende Male mehr Abtreibungen verhindert hat, als es diesen katholischen Religiösen je gelungen ist“ (Nature, 498, S.422).

 

„Moralische Schuld“

Hayflick kann auch damit leben. Seine Vita mit Wi-38 entwickelte sich zur Räubergeschichte, in der er seinen Job verlor. Aber er kehrte zurück, ihm war etwas aufgefallen: Anders als HeLa-Tumorzellen, die sich teilen ohne Ende, sind gesunde Wi-38 sterblich, sie teilen sich nicht unendlich: Sie altern. Darauf spezialisierte sich Hayflick, er wurde angesehener Altersforscher. Und er weiß, dass er „und hunderte andere, die ihre Karriere mit Wi-38 machten, gegenüber den Gewebespendern eine moralische Schuld haben“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2013)