Kapital: Privatbanken verlassen die Schweiz

Kapital Privatbanken verlassen Schweiz
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Weil das Schweizer Bankgeheimnis unterwandert wird, verlassen viele Privatbanken das Land. Noch ist die Schweiz mit 2,2 Billionen Dollar Volumen die größte Offshore-Destination der Welt. Aber Singapur holt auf.

Zürich/Genf/Bloomberg. Für Banken mit Private-Banking-Geschäft galt es lang als ein Muss, in der Schweiz vertreten zu sein. Nun, da das Bankgeheimnis aufgeweicht wird und steigende Kosten wegen neuer Regelungen an den Gewinnen nagen, kehren immer mehr Häuser der Schweiz den Rücken.

Während es Anfang 2012 noch 145 Schweizer Banken in ausländischem Besitz gab, waren es Ende Mai dieses Jahres nur noch 129, meldet der Verband der Auslandsbanken in der Schweiz. Nachdem Kunden Mittel abzogen oder Steuern auf undeklarierte Gelder zahlten, schrumpfte das verwaltete Vermögen um ein Viertel auf 870,7 Mrd. Franken (706 Mrd. Euro).

Maßnahmen gegen das Bankgeheimnis und zunehmende Kontrollen der Aufsichtsbehörden könnten in den nächsten zwölf bis 18 Monaten eine weitere Welle von Fusionen und Übernahmen auslösen, sagen von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragte Banker, Berater und Analysten. Zwar bleibe die Schweiz mit einem Volumen von 2,2 Billionen Dollar oder rund 26 Prozent des Markts das wichtigste Zentrum für Offshore-Vermögensverwaltung, doch würden Abzüge weiter am Status der Eidgenossenschaft knabbern, so die Boston Consulting Group.

„Es wird eine gewisse Bereinigung unter den Privatbanken geben“, sagt Felix Wenger von der Beratungsfirma McKinsey & Co in Zürich. „Insbesondere was die Schweiz betrifft, könnten einige ausländische Akteure zu dem Ergebnis kommen, dass ein Ausstieg die bessere Option ist.“

Manche haben das schon getan. Die britische Lloyds Banking Group verkaufte im Mai ihr internationales Private-Banking-Geschäft an den Schweizer Vermögensverwalter Union Bancaire Privée, der vor einem Jahr bereits Teile des Genfer Offshore-Geschäfts von der spanischen Banco Santander erworben hatte. Schon 2009 veräußerte die Commerzbank AG ihre Schweizer Töchter, und ING Groep NV stieß ihre Privatbank in dem Land ab.

Weitere Transaktionen könnten bevorstehen. HSBC Holdings, nach verwaltetem Vermögen größte ausländische Privatbank in der Schweiz, könnte Teile der Sparte verkaufen, signalisierte CEO Stuart Gulliver im Mai. Die Bank plane aber nicht, komplett aus dem Schweizer Private Banking auszusteigen.

Vorsprung der Schweiz schrumpft

Der Umbruch in Europa vergrößert auch die Lücke zwischen Top-Performern und den weiter Abgeschlagenen, schrieb McKinsey in einer Branchenstudie im Juni. Fast ein Drittel der Privatbanken in der Region verzeichnete 2012 Mittelabflüsse, und etwa jede sechste Bank schrieb Verluste, so das Ergebnis der Analyse von weltweit mehr als 160 Privatbanken. „Als Folge überprüfen viele Akteure ihre geografische Aufstellung, vor allem in Offshore-Märkten, was zu wiederauflebender Merger-Aktivität führt“, so McKinsey.

Eine Verlagerung von Vermögen nach Osten lässt den Vorsprung der Schweiz schrumpfen. Ihr Marktanteil verkleinerte sich von 27 Prozent 2011 auf jetzt 26 Prozent und dürfte bis 2017 weiter auf 25 Prozent zurückgehen, so der Global Wealth Report von Boston Consulting vom Mai. Singapur werde demnach wohl von zehn Prozent auf zwölf Prozent zulegen.

Die USA haben gegen Schweizer Banken und dortige Töchter internationaler Institute ermittelt, nachdem die UBS AG 2009 zugab, Steuerhinterziehung gefördert zu haben, und Daten von rund 4700 Konten von Amerikanern aushändigte. Deutschland und Frankreich nutzten für die Suche nach Steuerhinterziehern gestohlene Daten von Schweizer Banken und teilten auch Informationen mit den Behörden anderer europäischer Länder.

Goldman: Konsolidierung beschleunigt sich

Seit Jänner sind Abkommen mit Großbritannien und Österreich in Kraft, um Steuern auf Schweizer Konten einzuziehen, und die Schweiz führt mit weiteren europäischen Ländern Verhandlungen zur Besteuerung geheimer Konten.

„Eine Kombination von Regierungsvorstößen aus den USA und der EU und steigender regulatorischer Druck werden wahrscheinlich weitere Veränderungen im Schweizer Private Banking auslösen, weil es teurer wird, das Geschäft zu betreiben“, sagte François-Xavier de Mallmann, Leiter Investment-Banking Services Europa bei Goldman Sachs Group. „Wir erwarten, dass die Konsolidierung im Private Banking fortschreitet und sich wahrscheinlich beschleunigt.“

Auf einen Blick

Die Schweiz ist keine Insel, aber doch noch immer das wichtigste Offshore-Zentrum der Welt. Neue Steuerabkommen mit anderen Ländern (Österreich eingeschlossen) sowie die Unterwanderung des Bankgeheimnisses nagen aber am Standortvorteil. Singapur schickt sich an, die Eidgenossenschaft als Reichendestination abzulösen. Immer mehr (ausländische) Privatbanken verlassen die Schweiz. Beobachter gehen davon aus, dass dieser Trend anhalten wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2013)

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