Der ORF braucht die Literatur!

Wäre die von Alexander Wrabetz in Aussicht genommene Abschaffung des Bachmann-Preises eine Katastrophe?

GLOSSEJa, auch mir wird er abgehen, der Bürgermeisterempfang beim Bachmann-Preis. Im wunderbaren Ambiente des Schlosses Maria Loretto ließ es sich prächtig feiern mit der Literaturbetriebsfamilie. Meist war das Wetter gut, die Weine kühl und die Reden kurz. Das soll's nun also nicht mehr geben. Schade drum!

Es ist verständlich, wenn je nach Temperament Tränen vergossen oder Fäuste geschwungen werden über die Ankündigung des ORF-Chefs Wrabetz, den Bachmann-Preis nicht mehr zu finanzieren. Der Literaturbetrieb verliert einen seiner liebsten Feinde. Das schmerzt. Was aber verliert die Literatur? Niemand spricht darüber, worum es eigentlich gehen sollte. Alle sprechen über ihre Pfründe und Privilegien, niemand spricht von der Literatur. Die Frage sollte doch sein: Brauchen wir die Literatur? Wenn ja: welche? In seltenen Momenten blitzten solche Fragen sogar in den Diskussionen beim Bachmann-Wettbewerb auf. Der Rest war Repräsentation.

Und um die geht es offenbar in der Debatte um den Bachmann-Preis. Brauchen wir aber die Literatur, dann findet sie auch ihre Repräsentation, ob die nun Bachmann-Preis, Amazon, Suhrkamp oder sonst wie heißt, ist doch zweitrangig. Warum so defensiv, möchte man all den medialen Lamentierern zurufen. Wir brauchen die 350.000 Euro nicht, wir brauchen das hässliche Klagenfurter ORF-Theater nicht, wir brauchen den Sendeplatz nicht. Ihr braucht uns! Sonst steht ihr ohne Programm, ohne Inhalte, letztlich ohne Sinn da. Wir schütteln den Staub von den Füßen und ziehen weiter. Aber was macht ihr? Noch mehr Koch- und Castingshows, noch mehr Dancing Stars, noch mehr Sport? Bis es selbst dem Dümmsten zu blöd wird und die Quoten in den Keller sinken? Na dann, viel Spaß!

Warum machen wir uns nicht die Einstellung der Pippi Langstrumpf zu eigen: „Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt und drei macht neune; ich mach' mir die Welt, widdewidde, wie sie mir gefällt.“ Genau das ist es doch, was Literatur kann (wie sonst kaum etwas): sich eine Welt machen. Das ist es doch, warum Menschen Literatur lesen. Das kann der Herr Wrabetz nicht. Dem fällt nichts ein (außer sparen am falschen Platz), der entwirft keine Welten. Genau das aber tut die Literatur. Wovor also fürchten wir uns? Dass die Literatur einen Spielplatz verliert, dessen Gerätschaft sowieso viele Kinder verletzt hat?

Etwas mehr Vertrauen in die Literatur und etwas weniger in ihre Institutionen könnte nicht schaden.


E-Mails an: harald.klauhs@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2013)


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